Schon mal was von Damasia gehört? Das ist so etwas wie das bayerische Atlantis. Der griechische Geschichtsschreiber und Geograf Strabon hat in der Antike mal die drei Hauptstädte des Alpenraums beschrieben. Die eine (Brigantium) konnte man als Bregenz identifizieren, die andere (Cambodunum) als Kempten – nur bei Damasia weiß man bis heute nicht, welcher Ort damit gemeint sein soll.
Netterweise hat Strabon ein paar Hinweise hinterlassen, die das Suchfeld etwas einschränken. Damasia soll in der römischen Provinz Rätien zwischen Schwarzwald und Donau gelegen haben. Es soll eine Burg der Likatier gewesen sein, also jenes Keltenstamms, der seine Siedlungen wohl vor allem in der Nähe des Lechs hatte. Und Strabon benutzt das Wort Akropolis, was darauf hindeutet, dass sich dieses Damasia auf einem Hügel oder zumindest einer Anhöhe befunden haben muss.
Diese Details haben schon vielfach Lokalisierungsversuche nach sich gezogen. Als alte Römerstadt stand Augsburg lange hoch im Kurs. Etymologisch gesehen wäre Dießen am Ammersee eine Option. Brigantium und Cambodunum wohnten schließlich auch schon Anklänge an die späteren Ortsnamen inne. Und in Bernbeuren hat man nicht lange gefackelt und Damasia nach entsprechenden Spekulationen in Forscherkreisen fix auf den Auerberg verlegt. Weil das bayerische Atlantis außer bei Strabon aber sonst nirgendwo Erwähnung findet, lässt das viel Luft für allerlei Sagenbildung und auch ein bisschen Träumerei.
Sobald im Lechraum irgendwo in etwas höheren Lagen gebuddelt wird, schaut man bei Heimatvereinen und Hobbyhistorikern deshalb immer ganz gespannt drauf, ob nicht ein paar vorrömische Fundstücke zum Vorschein kommen. So hegt man aktuell etwa auch in Landsberg am Lech die Hoffnung, dass man beim geplanten Schulbau auf dem Schlossberg vielleicht auf mehr als ein paar keltische Scherben stößt. Dann hätte man die Chance, in die Beletage der ältesten Städte Deutschlands aufgenommen zu werden.
Dafür müssten die Relikte aber aus der Latènezeit oder dem Augusteischen Zeitalter rund um Christi Geburt stammen. Lechnähe, höhere Lage am Schlossberg – zumindest die Grundbedingungen sind in Landsberg aber schon einmal erfüllt. Die bei ersten Ausgrabungen dort gemachten Funde stammen allerdings vornehmlich aus der mittleren Bronzezeit. Zu alt, um Damasia-tauglich zu sein.
Einen stichhaltigen Beleg für eine größere Besiedlung in der vorrömischen Zeit gibt es für den Landsberger Schlossberg bislang nicht – übrigens genauso wenig wie beim Auerberg bei Bernbeuren. Aber was soll’s? Der Mythos Atlantis lebt ja auch davon, dass die Existenz dieses Orts nie belegt werden konnte. Und irgendwie ist es ja auch hübsch, wenn jeder Ort am Lech sich ein bisschen für Damasia halten kann.


