Nahost-KonfliktEine palästinensische Frau und ein jüdischer Mann kämpfen für den Dialog

Lesezeit: 4 Min.

Jouanna Hassoun und Shai Hoffmann im Sitzungssaal des Dachauer Rathauses. In der Reihe an Collagen mit den Trägern des Dachau-Preises für Zivilcourage hängt nun auch ihr Bild, gleich neben dem von Pussy Riot.
Jouanna Hassoun und Shai Hoffmann im Sitzungssaal des Dachauer Rathauses. In der Reihe an Collagen mit den Trägern des Dachau-Preises für Zivilcourage hängt nun auch ihr Bild, gleich neben dem von Pussy Riot. Niels P. Jørgensen
  • Jouanna Hassoun und Shai Hoffmann erhalten den Dachau-Preis für Zivilcourage 2025 für ihren gemeinsamen Dialog-Einsatz zum Nahost-Konflikt.
  • Die palästinensische Frau und der jüdische Mann gehen seit dem 7. Oktober 2023 mit ihrem "Trialog"-Konzept an Schulen.
  • Für ihren Einsatz um Verständigung erleben beide Anfeindungen und Vorwürfe, die eigene Seite verraten zu haben.
Von der Redaktion überprüft

Dieser Text wurde mit der Unterstützung einer generativen künstlichen Intelligenz erstellt. Lesen Sie mehr über unseren Umgang mit KI.

Fanden Sie diese Zusammenfassung hilfreich?
Mehr Feedback geben

Gemeinsam gehen Jouanna Hassoun und Shai Hoffmann an Schulen und reden dort über den Nahost-Konflikt, bei dem es für viele spätestens seit dem Krieg in Gaza nur noch zwei unvereinbare Seiten zu geben scheint.  Für ihren Einsatz haben sie den Dachau-Preis für Zivilcourage erhalten.

Von Thomas Radlmaier, Dachau

Als der offizielle Teil am Mittwochabend im Dachauer Rathaus zu Ende ist und sich kleinere Gesprächsgruppen bilden, blicken Jouanna Hassoun und Shai Hoffmann in einem ruhigen Moment auf die Bildergalerie im neuen Sitzungssaal. Die Collagen zeigen die bisherigen Träger und Trägerinnen des Dachau-Preises für Zivilcourage: Zu sehen sind Widerstandskämpferinnen gegen den Nationalsozialismus wie Lina Haag, Holocaust-Überlebende wie Stanislav Zámečník, Rechtsanwältinnen wie Seda Başay-Yıldız, die im Münchner NSU-Verfahren Opfer der rechtsextremen Terrorgruppe vertrat.

Jouanna Hassoun ist tief berührt. Sie sei dankbar und demütig zugleich, mit diesen mutigen Menschen in einer Reihe zu sein, sagt sie. Shai Hoffmann sagt, es sei „sehr emotional“, es fühle sich an wie in einem Traum. Es klingt ein wenig so, als könnten beide noch nicht fassen, dass sie nun diese Serie an Vorbildern fortsetzen.

Jouanna Hassoun und Shai Hoffmann haben den mit 5000 Euro dotierten Dachau-Preis für Zivilcourage 2025 erhalten. Sie werden ausgezeichnet für ihren engagierten Einsatz um den Dialog in hoch polarisierten Zeiten. Beide sind in der politischen Bildungsarbeit aktiv. Jouanna Hassoun, die 1989 mit ihrer Mutter vor dem Bürgerkrieg in Libanon nach Deutschland floh, hat palästinensische Wurzeln. Shai Hoffmann, ein deutscher Jude aus Berlin, hat israelische Wurzeln.

In dieser wohl einzigartigen Konstellation gehen sie gemeinsam mit ihrem Konzept „Trialog“ seit dem 7. Oktober 2023, dem Tag des Angriffs der Terrorgruppe Hamas auf Israel, an Schulen oder andere Einrichtungen, um mit jungen Menschen über den Nahostkonflikt, Antisemitismus und antimuslimischen Rassismus zu sprechen.

Sie beweisen, dass das Miteinanderreden möglich ist – und nehmen dafür Anfeindungen in Kauf, auch aus der eigenen Gruppe
Oberbürgermeister Florian Hartmann

Sie reden in Klassenzimmern über das Thema, bei dem es für viele spätestens seit dem Krieg in Gaza nur noch zwei unvereinbare Seiten zu geben scheint. Sie bringen bei den Gesprächsrunden ihre Biografien ein, erzählen von ihren Erlebnissen, ihren Gefühlen. Sie sprechen über ihr jeweiliges Leid als palästinensische Frau und jüdischer Mann – und schaffen es so, bei Schülerinnen und Schülern Vertrauen aufzubauen und einen Raum für deren Ansichten, Ängste oder Unsicherheiten zu ermöglichen.

Das Ergebnis der Gespräche ist im besten Fall gegenseitiges Verständnis oder zumindest eine Basis für einen Austausch. „Sie beweisen, dass das Miteinanderreden möglich ist – und nehmen dafür Anfeindungen in Kauf, auch aus der eigenen Gruppe“, sagt Dachaus Oberbürgermeister Florian Hartmann (SPD), der den Dachau-Preis für Zivilcourage an diesem Abend überreicht.

Gekommen sind etwa 40 Besucher, Vertreter aus Politik und Zivilgesellschaft. Nach Angaben der Stadt Dachau soll der Preis das „Vermächtnis der Opfer der Konzentrationslager und des vielfältigen Widerstandes gegen das NS-Regime“ lebendig halten. Die Künstlerin Maya Schweizer und die Leiterin des Münchner NS-Dokuzentrums Mirjam Zadoff halten als Teil der Preisjury die Laudatio. Zadoff erzählt zunächst einen Witz, um den unschätzbaren Wert der Arbeit von Hoffmann und Hassoun zu verdeutlichen. Der Witz geht so: Zwei Männer im Streit bitten einen Rabbi, ihren Konflikt zu lösen. Der Rabbi hört beide separat an. Zum ersten Mann sagt er: „Du hast recht“. Auch zum zweiten sagt er: „Du hast recht.“ Abends erzählt der Rabbi seiner Frau von dem Fall. Die sagt: „Aber es können doch nicht beide recht gehabt haben?“ Darauf der Rabbiner: „Du hast recht.“

Die Preisträger schaffen „aus alltäglichen Konfliktsituationen kleine demokratische Momente“, sagt Mirjam Zadoff, Leiterin des NS-Dokumentationszentrums München.
Die Preisträger schaffen „aus alltäglichen Konfliktsituationen kleine demokratische Momente“, sagt Mirjam Zadoff, Leiterin des NS-Dokumentationszentrums München. Niels P. Jørgensen
Oberbürgermeister Florian Hartmann (r.) überreicht den Dachau-Preis für Zivilcourage 2025 an Shai Hoffmann und Jouanna Hassoun.
Oberbürgermeister Florian Hartmann (r.) überreicht den Dachau-Preis für Zivilcourage 2025 an Shai Hoffmann und Jouanna Hassoun. Niels P. Jørgensen

Mit den „Trialogen“ würden die Preisträger jungen Menschen Mut machen, einander zuzuhören und zu zeigen, dass es eben nicht nur zwei Seiten, sondern auch eine dritte Perspektive gebe, eben eine empathische Sichtweise und das gegenseitige Verständnis dafür, dass vielleicht alle recht haben. Ihr Format greife dort, wo kein Gespräch mehr möglich erscheine, sagt Zadoff. „Auf diese Weise wandeln Shai Hoffmann und Jouanna Hassoun skeptische Auseinandersetzungen in neugierige Gespräche und schaffen aus alltäglichen Konfliktsituationen kleine demokratische Momente.“

Maya Schweizer ergänzt, in den Klassenzimmer-Gesprächen würden die Grundlagen für die Fähigkeit zum demokratischen Handeln gelegt: Ambivalenzen aushalten, sich der Diskussion stellen, einander zuhören, sich vielleicht auch vom besseren Argument überzeugen lassen, das Verbindende und nicht das Trennende suchen. „Wenn wir heute Jouanna und Shai auszeichnen, wird uns bewusst, wie viel im Kleinen beobachtet und verändert werden kann.“ Der Dachau-Preis für Zivilcourage würdige auch den Mut, Widersprüche nicht zu fürchten und in einer Welt, die klare Parteinahme fordere, trotzdem füreinander einzustehen.

Nahostkonflikt
:Sie ist Palästinenserin und wütend. Und das ernährt 6000 Familien im Gazastreifen

Jouanna Hassoun hat aus einer Spendenaktion zu ihrem Geburtstag ein Hilfsprojekt gemacht: Sie organisiert von Berlin aus eine Essensausgabe in dem Kriegsgebiet.

SZ PlusVon Sina-Maria Schweikle

Weil sie sich für den palästinensisch-israelischen Dialog einsetzen, erleben Jouanna Hassoun und Shai Hoffmann auch viel Hass und Hetze. Ihnen wird vorgeworfen, die je eigene Seite verraten zu haben. „Ist es nicht eigentlich traurig, dass dieses Miteinandersprechen so viel Mut erfordert? Dass es so viel Widerstand von denjenigen gibt, die nur ein Narrativ hören wollen, dass man Courage braucht, um überhaupt gemeinsam aufzutreten?“, fragt Hassoun in ihrer Dankesrede. Gerade in polarisierenden gesellschaftlichen Debatten müsse man sich die Offenheit bewahren, eigene Glaubenssätze zu hinterfragen, statt jede Äußerung immer gleich mit der schlimmstmöglichen Interpretation zu belegen.

Shai Hoffmann sagt, man erlebe derzeit, dass unliebsame Positionen öffentlich diskreditiert würden. Er verweist auf „gezielte Kampagnen“ wie gegen Sophie von der Tann, die Israel-Korrespondentin der ARD, die weit über konstruktive Kritik hinausgehen würden. „Dass damit Antisemitismus nicht vorgebeugt, sondern eher noch angeheizt wird, steht für mich und uns außer Frage.“ Gerade im muslimisch-jüdischen Dialog dürfe man nicht zulassen, von Machthabenden gegeneinander ausgespielt zu werden. Genau dies geschehe aber. Stattdessen brauche es eine Politik, die verbinde, statt zu spalten. „Wir wollen nicht, dass uns bei unserem Dialog nur zugeschaut wird. Wir wollen Debatten auf Augenhöhe anregen, wir wollen, dass Missstände angesprochen werden, wir wollen, dass verengte Räume wieder geöffnet werden.“

Nach ihrer Dankesrede enthüllen Shai Hoffmann und Jouanna Hassoun im Dachauer Sitzungssaal dann ihre Collage, welches die Reihe der Preisträger fortsetzt. Die Aufnahme hängt gleich neben dem Bild mit den russischen Aktivistinnen von Pussy Riot.

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

Auszeichnung
:Pipi für Putin

Pussy Riot erhält den Dachau-Preis für Zivilcourage. Bei der Verleihung verurteilen die Aktivistinnen den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine - und appellieren, Deutschland nicht den "rechtsradikalen Faschisten" zu überlassen.

SZ PlusVon Gregor Schiegl

Lesen Sie mehr zum Thema

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: