Zum letzten Mal kam Mario Candotto vor drei Monaten zurück nach Dachau. Bei den Feierlichkeiten zum 80. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers richtete der Mann aus Ronchi dei Legionari, einer italienischen Gemeinde an der Grenze zu Slowenien, am ehemaligen Krematorium eine Gedenkbotschaft an die Anwesenden. Er stützte sich auf seinen Gehstock und ging Schritt für Schritt zum Mikrofon, während der Regen auf das Dach des aufgestellten Zeltes prasselte.
Nichts konnte ihn in den vergangenen Jahrzehnten daran hindern, unermüdlich seine Lebensgeschichte zu erzählen. Immer und immer wieder hatte er berichtet, wie die Nationalsozialisten ihn und seine ganze Familie verfolgt und in Konzentrations- und Vernichtungslager gesperrt hatten, wie sie ihn in Dachau zur Nummer gemacht hatten, um ihn zu entmenschlichen. Jetzt stand er wieder in Dachau an einem Rednerpult – und musste feststellen, dass die Menschen 80 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs nicht wirklich aus der Geschichte gelernt hätten, wie er sagte. In seiner bewegenden Rede forderte er die Zivilgesellschaft auf, sich endlich stärker gegen aktuelle Entwicklungen zu stemmen.
Die KZ-Gedenkstätte Dachau trauert um einen „inspirierenden Zeitzeugen“
Mario Candotto war einer von acht Überlebenden des Konzentrationslagers Dachau, die im Mai an der großen Befreiungsfeier noch teilnehmen konnten. Er zählte zu den letzten Zeitzeugen, die den Terror in den Lagern mit eigenen Augen gesehen hatten. In der vergangenen Woche ist er im Alter von 99 Jahren in seinem Haus in Ronchi dei Legionari gestorben. Wie die Zeitung Domani berichtete, habe er noch am Tag vor seinem Tod mit einer Gruppe von Studenten gesprochen.
Candotto wurde am 2. Juni 1926 in Porpetto in Italien geboren. Als 17-Jähriger half er italienischen Partisanen im Kampf gegen die Nationalsozialisten, indem er dem Widerstand Nachrichten überbrachte. Am 24. Mai 1944 verhaftete das NS-Regime die ganze Familie Candotto. Mario Candotto und sein Vater wurden nach Dachau verschleppt, seine Mutter und seine Schwestern nach Auschwitz. Unter unmenschlichen Bedingungen musste er in den Außenlagern Allach und Trostberg Zwangsarbeit leisten. Sein Vater starb im März 1945, seine Mutter auf dem Todesmarsch. Mario Candotto selbst wurde am 3. Mai 1945 befreit und kehrte nach Italien zurück, wo er eine Familie gründete. Auch seine Schwestern hatten überlebt.
Erst 30 Jahre nach der Befreiung fing Mario Candotto an, über seine Erlebnisse zu sprechen. Von da an erzählte er seine Lebensgeschichte öffentlich immer und immer wieder. Wie die KZ-Gedenkstätte Dachau auf ihrer Homepage schreibt, habe Candotto stets betont: „Man darf nicht vergessen. Vergessen wäre eine Schuld.“ Seine Pflicht sei es, „die Toten zu ehren“ und „die Lebenden zu wappnen“. Die KZ-Gedenkstätte verliere mit Mario Candotto einen „inspirierenden Zeitzeugen“.

