Ausstellung in DachauDie stille Revolution aus Slowenien

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Von Anton Ažbe, der in München eine bekannte Malschule gründete, stammt das Bild „Alter Mann“. Er malte es in seinem Todesjahr 1905.
Von Anton Ažbe, der in München eine bekannte Malschule gründete, stammt das Bild „Alter Mann“. Er malte es in seinem Todesjahr 1905. Janko Dermastja

Zum ersten Mal ist in Deutschland eine Ausstellung über den slowenischen Impressionismus zu sehen. Dass nun ausgerechnet die Dachauer Gemäldegalerie diese Werke zeigt, ist kein Zufall.

Von Gregor Schiegl, Dachau

Dass eine Nationalgalerie Gemälde ihrer renommiertesten Künstler einer Kleinstadt zur Verfügung stellt, ist außergewöhnlich. Mehr als vierzig Werke der staatlichen Kunstsammlung in Ljubljana und weiterer Leihgeber sind derzeit in der Gemäldegalerie Dachau zu sehen, darunter Meisterwerke, die dem größten Teil der Besucher noch unbekannt sein dürften. Es ist das erste Mal überhaupt, dass in Deutschland eine Ausstellung zum slowenischen Impressionismus stattfindet. Bisher gab es eine vergleichbare Schau nur im Wiener Belvedere.

Wenn vom Impressionismus die Rede ist, denken die meisten an Frankreich, an Lichtspiele auf Picknickdecken oder Monets Seerosen. Doch die Bewegung hatte viele Gesichter – auch abseits der bekannten Zentren. Eine besonders faszinierende Facette ist der slowenische Impressionismus. Er entwickelte sich vergleichsweise spät, dafür umso kraftvoller. Welche verschlungenen Wege er genommen hat, zeichnet die Gemäldegalerie Dachau in ihrer Sonderausstellung nach – vom Realismus des späten 19. Jahrhunderts bis zur expressiven Moderne Mitte des 20. Jahrhunderts.

Dass die Ausstellung ausgerechnet in Dachau stattfindet, ist kein Zufall. Bei ihren Recherchen hat die Leiterin der Gemäldegalerie, Laura Cohen, nämlich eine erstaunliche Entdeckung gemacht. Es gab nicht nur vereinzelte Kontakte slowenischer Künstler zu der Stadt Dachau, sondern einen intensiven Austausch. Diese Dachauer Erfahrungen haben den Stil der slowenischen Moderne entscheidend geprägt. „Das war selbst den Kollegen in Ljubljana bislang nicht bekannt“, sagt Nina Möllers, Geschäftsführerin des Zweckverbands Dachauer Galerien und Museen. „Die Künstlerkolonie Dachau war wirklich bedeutend.“

Um zu verstehen, wie die slowenischen Künstler nach Dachau kamen, hilft ein Blick zurück ins Jahr 1890. Slowenien ist zu der Zeit noch kein eigenständiger Staat, sondern Teil der österreichisch-ungarischen Monarchie. Die Möglichkeiten für Künstler sind begrenzt: Sie malen Porträts oder führen Auftragsarbeiten für die Kirche aus. Viele suchen ihr Glück zunächst in Wien. Doch wer hier Anschluss an die Avantgarde sucht, wird enttäuscht. Der Wiener Kunstbetrieb ist konservativ.

Ganz anders in München: hier herrscht Aufbruchsstimmung. Leidenschaftlich debattiert man über neue Wege in der Kunst. Die schöngeistige Metropole an der Isar sieht sich als das neue Athen. In Schwabing gründet der Slowene Anton Ažbe (1862-1905) im Jahr 1891 eine der bekanntesten Malschulen in München. Sie zieht junge Talente aus ganz Europa an – darunter Rihard Jakopič (1869-1943), Matija Jama (1872-1947), Ivan Grohar (1867-1911) und Matej Sternen (1870-1949); sie werden zu den wichtigsten Vertretern des slowenischen Impressionismus.

Matej Sternens Gemälde „Der rote Sonnenschirm“ entstand zwischen 1904 und 1906. Diese wie viele andere Leihgaben der Nationalgalerie Sloweniens ist jetzt in Dachau zu sehen.
Matej Sternens Gemälde „Der rote Sonnenschirm“ entstand zwischen 1904 und 1906. Diese wie viele andere Leihgaben der Nationalgalerie Sloweniens ist jetzt in Dachau zu sehen. Niels P. Jørgensen

Der „gute Toni“, wie die Schüler den Mann mit dem prächtigen Schnurrbart nennen, ermutigt sie, neue Wege zu gehen und ihren eigenen Stil zu finden. Sogar zwei Pioniere der abstrakten Kunst, Wassily Kandinsky und Alexej von Jawlensky, studieren bei ihm. Dabei ist Ažbe selbst gar kein Avantgardist. Er folgt dem Münchner Realismus und malt, wie Wilhelm Leibl, Menschen vom Land – wirklichkeitsgetreu, nahbar, authentisch.

Auch Kandinsky und Jawlensky studieren beim slowenischen Impressionisten

Zu Anton Ažbes engsten Freunden zählen Fritz von Uhde, Max Liebermann und Heinrich von Zügel – allesamt prägende Figuren der Dachauer Künstlerkolonie. Zu dieser Zeit ist es ein fester Bestandteil der künstlerischen Ausbildung in München, mit Staffelei, Pinsel und Farbe ins Dachauer Moos zu ziehen. Auch Rihard Jakopič und Matija Jama unternehmen Malausflüge ins Umland. Matija Jama lässt sich 1904 sogar für einige Monate in Haimhausen nieder. So finden auch Landschaftsszenen der Amper Eingang in den slowenischen Impressionismus.

„In Dachau vereinten sich Naturbeobachtung und künstlerische Freiheit“, erklärt Kuratorin Laura Cohen. Was heute als „lieblich“ wirkt, sei damals ein Aufbruch gewesen, „eine stille Revolution im Umgang mit Farbe und Licht“. Besonders die durch kräftigen Farbauftrag entstandene Plastizität erwies sich für den slowenischen Impressionismus als richtungsweisend. Mit breitem Pinselstrich betonen sie die reinen Farben, teils spachteln sie die Farbe direkt auf die Leinwand. Ažbe hat es ihnen beigebracht: Die Schüler sollen die Farben ungemischt direkt auf die Leinwand auftragen – temperamentvoll und energisch. „Nur fest, nur zu!“, lautet seine Devise.

Wie hoch die Slowenen ihren Impressionismus schätzen, zeigt schon die Ausstellungseröffnung in Dachau: Sie gleicht einem Staatsakt. Neben Barbara Jaki, Direktorin der Nationalgalerie, sind auch die slowenische Botschafterin und der Ehemann der Staatspräsidentin anwesend. Ohne die Impressionisten gäbe es die Republik Slowenien heute womöglich gar nicht. 1904, als der Impressionismus dort zu voller Blüte gelangt, preist der Kritiker Ivan Cankar die „mutigen slowenischen Künstler“. Sie hätten der Welt gezeigt, „dass es ein slowenisches Volk mit eigener Kultur gibt“. Der Maler Ivan Grohar habe „die ganze fröhliche Schönheit und Melancholie der slowenischen Erde auf die Leinwand gehaucht“.

Im „Reigen“ von Matija Jama scheinen sich das Hier und das Dort zu vereinen.  Jama unternahm nicht nur Malausflüge ins Dachauer Moos, er lebte auch einige Zeit in der Nähe von Dachau.
Im „Reigen“ von Matija Jama scheinen sich das Hier und das Dort zu vereinen.  Jama unternahm nicht nur Malausflüge ins Dachauer Moos, er lebte auch einige Zeit in der Nähe von Dachau. Niels P. Jørgensen

Der slowenische Impressionismus schuf nicht nur ein nationales Bewusstsein, in seinen Bildern gab er ihm auch einen tiefen emotionalen Ausdruck. Und er ist „ein beeindruckendes Beispiel für den europäischen Austausch in der Kunst um 1900“, wie Laura Cohen sagt. Die Künstler pflegten internationale Koproduktionen – so wie auch diese Ausstellung. Gespräche über eine Gegenausstellung in Slowenien, dann mit Leihgaben aus Dachau, laufen bereits, bestätigt Nina Möllers. „Die Geschichte der Künstlerkolonie Dachau ist noch lange nicht zu Ende erzählt“, sagt Laura Cohen.

Auch die Ausstellung über „die slowenische Moderne und Dachau“ endet noch nicht beim Impressionismus. Ein zentraler Teil widmet sich dem Werk von Zoran Mušič (1909–2005). 1944 wurde er als politischer Gefangener ins Konzentrationslager Dachau verschleppt. Mehr als 120 Zeichnungen bezeugen den Zivilisationsbruch: Hungernde, Gehenkte, ausgemergelte Leiber, aufgeschichtet zu Leichenbergen. Das Beispiel zeigt die Ambivalenz Dachaus. Nicht nur das Licht verbreitete sich von hier, sondern auch die Dunkelheit.

Zoran Mušic: „Zwei Frauen und ein Mann“. Das Bild von 1935 ist inspiriert vom spanischen Maler Goya. Für das, was Mušic später im Konzentrationslager Dachau erlebte, fand er eine krassere Bildsprache.
Zoran Mušic: „Zwei Frauen und ein Mann“. Das Bild von 1935 ist inspiriert vom spanischen Maler Goya. Für das, was Mušic später im Konzentrationslager Dachau erlebte, fand er eine krassere Bildsprache. Niels P. Jørgensen

Was Mušic in Dachau erlebt hat, ließ ihn zeitlebens nicht los. Selbst in den verdrehten Wurzeln seiner scheinbar harmlosen „Pflanzenmotive“ scheint das Grauen noch durch. Sein Spätwerk reflektiert diese existenziellen Erfahrungen und führt mitten hinein in die Erinnerungskultur. Mušic malte auch gegen das Vergessen an, ahnte aber bereits, dass die Verdrängung am Ende siegen könnte.

Die expliziten Darstellungen aus seinem berühmtesten Zyklus „Wir sind nicht die Letzten“ (einige davon wurden 2005 in der KZ-Gedenkstätte Dachau gezeigt) wollte Laura Cohen den Besuchern einer Impressionismus-Ausstellung allerdings nicht zumuten. „Wer sich damit auseinandersetzen möchte, soll das aber tun“, sagt sie. Ein ausführlicher Katalog begleitet die Ausstellung.

„Wege des Impressionismus: Die slowenische Moderne und Dachau.“, Gemäldegalerie Dachau, bis 12. April 2026 

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