Den Mobilitätsservice der Lufthansa hätte Andrea Heller gar nicht buchen müssen. Das wird der Geschäftsführerin des Vereins Internationale Jugendbegegnung Dachau in dem Moment klar, als der 90-jährige Shoah-Überlebende und Historiker Boris Zabarko am Münchner Flughafen eintrifft. Vor vier Wochen überlebte er einen russischen Raketenangriff auf Kiew – mit tiefen Schnittverletzungen an den Knien und Beinen. Später zeigt er Fotos von seiner zerstörten Wohnung; auf dem Parkett ist eine große Blutlache eingetrocknet. Sein Blut.
Jetzt aber, als wäre nichts gewesen, läuft Zabarko leichtfüßig, einen schwarzledernen Rucksack über die Schulter gehängt, auf Heller zu und umarmt sie mit einem strahlenden Lächeln im Gesicht. Den Auftritt als Zeitzeuge bei der 44. Internationalen Jugendbegegnung wollte er nicht versäumen.
Gerade heute nicht: 34 Prozent der jungen Menschen, sagt er, wüssten nicht, was der Holocaust ist – und gleichzeitig nehme der Antisemitismus weltweit wieder zu. Etwa 90 Jugendliche aus Europa, Nordafrika, dem Nahen Osten und Lateinamerika sind nach Dachau gekommen. „Ihr seid unsere Zukunft, gerade in dieser schwierigen Situation“, sagt Zabarko.
„Schwierig“ – das ist noch untertrieben. Der Historiker fürchtet um die Erinnerungskultur in seiner Heimat Ukraine – und damit um sein Lebenswerk. „Als Jude und Wissenschaftler kann ich es nicht richtig finden, dass die Erinnerung an den Holocaust durch den Krieg, den Russland gegen mein Land führt, zugedeckt wird.“ 1,5 Millionen ukrainische Juden sind im Zweiten Weltkrieg ermordet worden – im „Holocaust durch Kugeln“, also durch massenhafte Erschießungen durch die Wehrmacht, SS-Einheiten und lokale Helfer.
In den 1990er-Jahren nach dem politischen Umbruch begann Zabarko mit der Erforschung des Holocaust in der Ukraine – mehr als 200 Bücher und Aufsätze hat er geschrieben. „Die Bedeutung dieser Arbeit kann man kaum überschätzen und auch der Umfang der Forschungs-, Schreib- und Editionsarbeit Zabarkos beeindruckt ungemein – hierzulande wäre es die Arbeit eines ganzen Forschungsinstituts“, schrieb die Historikerin Katja Makhotina, die (zusammen mit Franziska Davies) 2022 „Offene Wunden Osteuropas. Reisen zu Erinnerungsorten des Zweiten Weltkrieges“ geschrieben hat. Sie und Zabarko lernten sich damals bei der Buchvorstellung in Dachau kennen.
Mein Leben spielt zwischen zwei Katastrophen.Boris Zabarko
Wie ist dieses Arbeitspensum zu stemmen? „Ich bin nicht in Rente gegangen“, sagt der Historiker. „Ich arbeite nahezu jeden Tag im Jahr.“ Er ist ein Getriebener, will diese Geschichte für die Nachwelt aufschreiben, macht sich Vorwürfe, dass er, wie er sagt, so spät begonnen hat. „Ich fühle mich auch irgendwie schuldig, dass ich überlebt habe. Es geschah vor meinen Augen.“ Er war fünf, als er im Ghetto Scharhorod drei Jahre ausharren musste. Sein Vater fiel als Rotarmist am Anfang des Krieges, bis heute weiß Zabarko nicht, wo er begraben sein könnte. Sein Onkel verbrannte bei der Befreiung Budapests in seinem zerschossenen Panzer.
Zabarko steht in der Tradition von Wassili Grossman, der nach Kriegsende zusammen mit Ilja Ehrenburg das Schwarzbuch des Genozids an den sowjetischen Juden herausgab. Stalin ließ das Werk verbieten. Auch Zabarko dokumentierte die Berichte der Überlebenden – die jüdische Perspektive auf die Katastrophe. Daraus entstand unter anderem das Buch „Leben und Tod in der Epoche des Holocaust in der Ukraine“, das ihm 2019 hierzulande große Anerkennung einbrachte. Auch als wesentlicher Beitrag für die deutsche Erinnerungskultur. Lange Jahre war der „Holocaust durch Kugeln“ ein blinder Fleck in der deutschen Geschichtsschreibung.
Noch immer gibt es kein Holocaust-Museum in Kiew, konkrete Pläne wurden wegen des Krieges auf Eis gelegt. Alles Geld, sagt Zabarko, fließe in die Armee. Aber, räumt er ein, im Krieg sei der Zusammenhalt wichtig, und man brauche keine Polarisierung. Dennoch, ausgerechnet Kiew: Am Stadtrand, in der Schlucht Babyn Jar, wurden von deutschen Einsatzgruppen mithilfe der Wehrmacht und ukrainischer Kollaborateure am 29. und 30. September 1941 mehr als 33 000 jüdische Männer, Frauen und Kinder erschossen.
Auch die Situation in Deutschland beschäftigt Zabarko. Der grassierende Antisemitismus, die politischen Kräfte, die einen Schlussstrich unter die Erinnerung ziehen wollen – „ich kann mir das nur schwer erklären“, sagt Zabarko. Überall erzähle er, wie viel Deutschland für die Aufarbeitung der Geschichte getan habe. „Das beunruhigt mich auch, weil ich Historiker bin und weiß, das gab es schon einmal. Und es kann noch mal kommen, und ich sehe, dass es in diese Richtung geht“, sagt er. „Mein Leben spielt zwischen zwei Katastrophen“, sagt Zabarko. Wie schon als Kind im Zweiten Weltkrieg erlebe er „zum Ende meines Lebens“ wie die Welt aus den Fugen gerät.
Putins Krieg gegen die Ukraine dauert nun seit Februar 2022 an. Bei den noch ungefähr 5000 Holocaust-Überlebenden im Land brechen alte Wunden auf. „Die Nachkommen der Männer, die uns befreit haben, schießen jetzt auf uns“, sagt Zabarko. In der Nacht des 2. Juli um 1.30 Uhr schlug eine Rakete im Innenhof der Plattenbausiedlung ein, in der Zabarko seit vielen Jahren lebt. Er schreckte aus dem Schlaf hoch. Die Druckwelle habe Türen aus ihren Angeln gerissen, Klosettschüssel, Badewanne, habe die Möbel zerstört. Kleidung und Geschirr seien durch die Wohnung geflogen – und die Glassplitter der zerborstenen Fensterscheiben hätten sich wie Geschosse in das Fleisch der Menschen gebohrt. Der Holztisch vor seinem Bett habe sein Gesicht geschützt. Seine Nachbarin Anna, eine junge Studentin, die Sanitäterin bei der Armee war, habe seine Wunden versorgt.


Danach kümmerte sich Zabarko gleich um seine Bibliothek, erzählt er, einige Tausend Bücher. Sie hätten keinen Schaden genommen. Nur die Bücher auf dem Balkon sind in den Innenhof gefallen, Zabarko reinigt sie von Glasscherben und Erde und trägt sie in die Wohnung hoch. „Sie sind noch brauchbar“, sagt er und strahlt.
Aber sonst hat es das Haus schwer getroffen, Gas, Wasser, Strom, nichts geht mehr. Zabarko kommt in einem Schtetl unter, 40 Kilometer von Kiew entfernt, erzählt er. Oberrabbiner Moshe Reuven Azman hat es vor Jahren für jüdische und nichtjüdische Kriegsflüchtlinge gegründet – die Siedlung trägt den Namen Anatevka. Täglich fährt Zabarko die lange Strecke ins Kiewer Zentrum, in sein Büro. Er ist Präsident der „Allukrainischen Vereinigung jüdischer ehemaliger Häftlinge der Ghettos und nationalsozialistischen Konzentrationslager“. Die Mitglieder brauchen ihn.
Am Abend schreibt er in seinem kleinen Zimmer auf einem Tisch, der gerade so groß wie sein Laptop ist. Zwei Tage vor seiner Abreise nach Dachau sei er in seine Wohnung zurückgekehrt. Vieles war repariert, aber es gibt noch kein Gas. Essen werde täglich geliefert, Teewasser kann er selbst kochen. Man könne dort leben, sagt Zabarko. „Ich bin ein glücklicher Mensch. Die Glassplitter hätten mich auch im Auge treffen können.“



