Süddeutsche Zeitung

CSU:Wie aus den alten Feinden Seehofer und Huber neue Freunde wurden

Ihr politisches Leben lang waren sich die beiden innig abgeneigt. Doch neuerdings reden sie gut übereinander. Das mag am Alter liegen - oder an der CSU.

Seine Rede ist fast vorbei, aber eines muss Horst Seehofer unbedingt noch loswerden. Jeden Funktionsträger der niederbayerischen CSU hat er erwähnt, vom Minister bis zum Bürgermeister. Die Zeit drängt, der nächste CSU-Bezirksparteitag in der Oberpfalz wartet bereits. Doch das muss jetzt sein. "Dann haben wir noch unseren Freund Erwin Huber", hebt der Parteichef an. Es folgt eine Eloge, die selbst Seehofers Günstlinge vor Verlegenheit erröten ließe.

"Inbegriff eines anständigen, engagierten Parteisoldaten", "ganz großer Beitrag für unsere politische Familie, die CSU", und so weiter. "Ein Herzensbedürfnis" sei es ihm daher, säuselt Seehofer, "lieber Erwin, dir wirklich als Kollege, als Freund, als Parteifreund danke zu sagen, für die hervorragende . . ." - das letzte Wort geht im tosenden Applaus unter.

Hoppla! War das wirklich Erwin Huber, den Seehofer da am Samstag meinte? Oder hatte er sich vielleicht beim Vornamen vertan und an einen anderen Huber gedacht, den Marcel aus der Staatskanzlei?

Letzteres ist auszuschließen: Nicht weil Seehofer seinen Staatskanzleichef Marcel Huber nicht außerordentlich schätzte, sondern weil er stets genau weiß, wen er wo aus welchem Grund lobt. Die Frage also bleibt: Was hat sich verschoben im Verhältnis zwischen Seehofer und Erwin Huber, dem er 2007 in der Wahl um den CSU-Vorsitz unterlegen war und der einmal sagte, er werde noch auf dem Sterbebett die Hand gegen Seehofer heben?

Vor einem Jahr hatte Seehofer es sogar abgelehnt, Huber eine öffentliche Gratulation zu dessen 70. Geburtstag zu spendieren. Und jetzt diese Hymne, die auch als Ausdruck einer steigenden Wertschätzung zweier Rivalen verstanden werden kann.

Ist doch einfach zu erklären, findet Seehofer: Huber habe in der CSU zuletzt "Beiträge geliefert, die sonst niemand hätte liefern können". Zum Beispiel für das neue Digitalisierungspaket der Staatsregierung. Beim Landesentwicklungsprogramm wiederum sei es ihm gelungen, die heftige Kritik der Verbände aufzugreifen und so den Widerstand abzumildern. "Eine ganz starke Leistung" erbringe Huber als Chef des Wirtschaftsausschusses. Ein Lob, das umso bemerkenswerter klingt, wenn man die Hintergründe kennt. Nicht nur Seehofer, auch Ilse Aigner und Markus Söder sollen sich 2013 bemüht haben, Huber den Ausschussvorsitz zu verwehren. Vergeblich.

Persönliche Feindschaft hat Seehofer nie gespürt

Auch vor der Fraktion und im Parteivorstand verweist Seehofer derzeit regelmäßig auf den Kronzeugen Huber: in finanzpolitischen Fragen, in der Annäherung zu Angela Merkel und zur CDU, und dann war da noch zu Jahresbeginn das SZ-Interview, in dem Huber sich dafür aussprach, Seehofer müsse über 2018 hinaus als Ministerpräsident weitermachen. Als "Vermächtnis eines Parteivorsitzenden" würdigte Seehofer diesen Beitrag. Es gibt nicht viele Leute in der CSU, denen Seehofer "strategische Statur" bescheinigt. Huber gehört dazu.

Gedacht hat Seehofer das womöglich schon länger, doch offen sagt er es erst seit Kurzem. Lieber sprach er vom Unterschied von "alter CSU" und "neuer CSU", wenn er über Huber und sich redete. Und zürnte, wenn der Ausbaubefürworter Huber in der Fraktion hinter seinem Rücken Unterschriften für eine dritte Startbahn am Münchner Flughafen sammelte oder mit Klage drohte. Auch hier deutet sich ein Friedensschluss an. "Konzilianter" sei Huber nun beim Flughafenthema, wolle "nicht mehr mit dem Kopf durch die Wand".

Vorige Woche setzte sich Seehofer nach seiner Regierungserklärung im Landtag neben Huber, mitten unter die Abgeordneten. Wie beide da vertraut tuschelten und gestikulierten - man hätte sie glatt für das Duo Waldorf und Statler aus der Muppet Show halten können, jene Greise, die sich herrlich auf Kosten von weniger Lebenserfahrenen amüsieren können.

Vielleicht hat das Alter ja auch den ewigen Widersachern Seehofer, 68, und Huber, 70, geholfen, sich einander zu nähern. Respekt voreinander hatten sie insgeheim wohl immer, aber wer gesteht das schon zu im Ringen um die Wirkmächtigkeit eigener Positionen. Die Rollen waren verteilt: hier der Herz-Jesu-Sozialist Seehofer auf Bonner und Berliner Bühne, dort der liberale Marktwirtschaftler Huber in München - ein jeder im anderen CSU-Flügel zu Hause. Aus dieser Zeit stammt auch Hubers Zitat vom Sterbebett. Eines ist ihm aber wichtig: Nie habe er eine persönliche Feindschaft gespürt. "Wir haben durchaus unsere Diskussionen", sagt auch Seehofer: "Aber immer so, dass man sich nicht heruntersetzt."

Es gibt Leute in der CSU, die wollen Seehofers Komplimente für Huber nicht überbewerten. Sie unterstellen dem Parteichef Kalkül in fast all seinem Tun. Indem er Huber etwa beim Wahlprogramm für die Zustimmung zur Steuerpolitik lobe, unterbinde er schon vorab jede interne Kritik. Auch Hubers frühes Bekenntnis zu Merkel komme Seehofer sehr gelegen, da er ja inzwischen selbst auf Kuschelkurs zur Kanzlerin eingeschwenkt sei. Huber sei einer der Ersten gewesen, der erkannt habe, dass die Annäherung zu Merkel gerade noch rechtzeitig gekommen sei, sagt Seehofer. Aber entscheidend sei doch: Huber stelle seine Arbeit "ins Interesse des Ganzen".

Der Kampf für den Erfolg der CSU verbindet beide wohl am meisten, so unterschiedlich ihre Standpunkte oft sind. Er freue sich natürlich, wenn seine Arbeit von der Parteiführung geschätzt werde, sagt Huber und lässt im Ungewissen, ob er das schlitzohrig meint oder artig. Tatsächlich dürfte die Schnittmenge der politischen Ansichten und damit auch das Verständnis füreinander gewachsen sein, seit Seehofer als Ministerpräsident in München sitzt. "Wir haben uns beide mehr in die Mitte bewegt", sagt Huber. Ihre Positionen stimmten nun öfter überein als früher - vermutlich auch darin: "Aber jeder wird sagen, er hat sich nicht verändert."

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SZ vom 12.07.2017/vewo
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