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CSU und Kirche:Dass der CSU das Kreuz nicht immer heilig war, zeigt Wackersdorf

In den Achtzigern hatten variabel denkende CSU-Politiker wie Hans Maier, Hans Zehetmair und Alois Glück das Verhältnis Partei-Kirche neu definiert. Letzterer warb dabei intensiv für das aus der katholischen Gesellschaftslehre stammende Subsidiaritätsprinzip als politische Leitidee. Andere CSU-Politiker setzten mehr auf schöne Bilder, die politische Stabilität auf der Basis des alten barocken Volksglaubens suggerieren sollten. Unvergessen jene Szenen aus der Wallfahrtskirche Tuntenhausen, in der die CSU-Granden an Festtagen andächtig in der ersten Bank knien. Der Katholische Männerverein Tuntenhausen gilt als das Herz des politischen Katholizismus, den Vereinsvorsitz haben stets CSU-Politiker inne, wie zurzeit Umweltminister Marcel Huber.

Die bildhafte Wucht, die in Panoramen wie der Tuntenhauser Wallfahrt und den Patronatstagen der Gebirgsschützen zum Ausdruck kommt, steckt voller Dialektik, wenn man sie vergleicht mit den bedrückenden Bildern vom Gelände der damals geplanten Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf (WAA). Gerade dort wurde deutlich, dass der CSU das Kreuz nicht immer heilig war, wenn es von WAA-Gegnern aufgestellt wurde.

Als Papst Benedikt XVI. 2006 Bayern besuchte, wirkte das, als markierten diese Tage ein letztes Aufflackern des Volkskatholizismus, der zwar im Brauch des Wallfahrens noch lebendig ist, in der Anteilnahme am sonstigen kirchlichen Leben aber bröckelt.

Nur das Kreuz sorgt dauernd für Aufregung. Als die CSU-Politikerin Ilse Aigner vor Jahren in ihrem Berliner Ministerium ein solches aufhängte, wurde sie dafür von Besuchern heftig beschimpft. Auch das geplante Kuppelkreuz auf dem Berliner Schloss führte zu Debatten über die christliche Prägung und Tradition der Gesellschaft. Die aktuellen Konfliktlinien in Bayern aber dürften einmalig sein, schreibt die Katholische Nachrichten-Agentur: "Dass der Staat in Person von Ministerpräsident Markus Söder die Aufhängung von Kreuzen in staatlichen Gebäuden anordnet und sich die Kirchen dagegen wenden, ist eine Ironie der Geschichte."

© SZ vom 02.05.2018/ebri

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