CSU Seehofer und die gekürzten Lederhosen

Die fränkischen Abgeordneten waren gerade wieder dabei, ihren Frieden mit den Altbayern zu schließen - der erzwungene Rücktritt des Nürnbergers Beckstein wirkte auf sie wie ein politischer Meuchelmord. Und was macht Seehofer? Mit der Causa Hohlmeier, die er erst von Oberbayern nach Oberfranken verpflanzen will, um sie dann der Partei als Spitzenkandidatin für die Europawahl vorzusetzen, reißt er einen neuen Graben auf. Gleichzeitig demütigt er noch den Vorsitzenden der CSU-Europagruppe, Markus Ferber.

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Sicher, er hat die für die CSU so wichtige Wahl in das Bewusstsein der Wähler gebracht - mehr als es ihm mit jedem Wahlplakat je gelungen wäre. Doch der Preis dafür war hoch.

Und auch Landesgruppenchef Peter Ramsauer musste lernen, dass ein wichtiges Amt unter Seehofer noch keine Garantie für obere Listenplätze ist. Erst nach einer demütigenden Hängepartie rief der Parteichef Ramsauer wieder zum Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl aus - eine in der CSU bislang unübliche Personalpolitik. Ein fränkischer Abgeordneter sieht darin den Versuch von Seehofer, "auszuloten, wie weit er bei den Leuten gehen kann". Ein anderer glaubt, Seehofer "stichelt die Leute an, um das Maximale aus ihnen rauszuholen".

Angekommen ist bei der Partei auf jeden Fall sein Versprechen, einen dialogorientieren Führungsstil zu pflegen. Nach den Allüren von Stoiber und der kurzen Regierungszeit von Günther Beckstein sehnen sich viele in der CSU danach, mit ihren Anliegen Gehör zu finden und ernst genommen zu werden.

Doch derzeit beobachtet man Seehofer noch verhalten optimistisch. Seehofer ist unberechenbar. Er ist bekannt für seine Alleingänge, dafür, dass er sich tagelang mit Tütensuppen in sein Haus zurückzieht und für niemanden zu sprechen ist.

"Das Bild von ihm kann noch kein klares sein", sagt ein fränkischer Abgeordneter. Der Ton, den Seehofer bislang in Fraktion und Kabinett angeschlagen habe, sei ein guter - als "hinhörend, nachfragend und abwartend" wird Seehofer beschrieben. Doch "ob aus dem Verhalten auch Haltung wird", das könne man derzeit noch nicht sagen. Dafür brauche Seehofer "noch ein paar mehr Bewährungsproben".

Die nächste ist die Europawahl im Juni. Dann gilt wieder die Zielmarke von 50 Prozent. Sollte die CSU die Marke verfehlen, wird es keine Personaldebatten geben, prognostiziert der CSU-nahe Politikprofessor Heinrich Oberreuter. Stattdessen wird sich Seehofer "hinstellen und demütig Asche auf sein Haupt streuen".

Schon jetzt gibt es einige, die den aktuellen Umfragen noch was Positives abgewinnen können. Das Umfrageergebnis von 45 Prozent sei "wichtig fürs Wachrütteln", findet ein Kabinettsmitglied. Wäre die Partei wieder auf mehr als 50 Prozent gekommen, würden wieder nur alle denken, "Seehofer macht das schon" und würden wieder "zum Schlafen anfangen". Bis die Partei wieder ihre gewohnten 50-Prozent-plus-X-Ergebnisse einfahren wird, wird es noch eine Weile dauern.

Die CSU hat ein Strukturproblem, sagt Oberreuter. Eine Krise, die bereits 2003 ihren Anfang genommen hat. So sei der Glaube an die "Identität von Partei und Land immer eine Anmaßung" gewesen. Hinzu komme die überhebliche Politik der vergangen Jahre: Die lange Phase "einer abgehobenen Reformpolitik" und der "tägliche Umbau des Freistaates" habe viele Stammwähler vertrieben.

Hätte die CSU sich nicht dem Rausch der absoluten Mehrheit hingegeben, sondern realisiert, dass trotz der 60 Prozent sich mehr als 200.000 Wähler von der Partei abgewendet hatten, hätte man dem Trend entgegenwirken können. "Die Lederhose ist kürzer geworden", sagt Oberreuter. Und allein durch Persönlichkeitsprofile könne der Trend nur "vorsichtig aufgefangen werden".

Bis sich das Blatt wieder wendet, wird die CSU wohl hinter ihrer Gallionsfigur stehen. Eine andere Wahl hat sie auch nicht. Man weiß: "Seehofer ist unsere letzte Chance."