CSU Seehofer fehlt die Lust am Reisen

Der russische Präsident Wladimir Putin empfängt Horst Seehofer und Edmund Stoiber (beide CSU).

(Foto: dpa)

Bayerns frühere Ministerpräsidenten Strauß und Stoiber flogen zu ihren Amtszeiten in jeden Winkel der Erde. Seehofer kann da nicht mithalten, trotz Putinbesuch.

Von Wolfgang Wittl

Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen - oder einfach Bilder für sich sprechen lassen, wie Edmund Stoiber. In den Arbeitsräumen des CSU-Ehrenvorsitzenden hängt eine Fotocollage, die wichtige Stationen seiner Lebensreise zeigt: der Fußballfan Stoiber mit den Bayernspielern Gerd Müller und Sepp Maier, der Schüler Stoiber mit seinem Lehrmeister Franz Josef Strauß, der Weltpolitiker Stoiber mit dem kalifornischen Gouverneur Arnold Schwarzenegger und dem russischen Präsidenten Wladimir Putin.

Auch jetzt sitzt Stoiber mit an Bord, wenn Ministerpräsident Horst Seehofer sich mit Putin trifft. Und vielleicht denken beide darüber nach, wie sich die außenpolitischen Zeiten in der CSU doch geändert haben.

Wie sehr ihn die Kritik an seiner Russland-Reise erbost hat, konnte Seehofer am Tag vor dem Abflug nicht mehr verbergen ("Dummschwätzer", "fünftklassige Politiker"). Der Zorn ist mit Blick auf die CSU-Historie nachvollziehbar. Die Reise sei mit der Bundesregierung eng abgestimmt, versicherte Seehofer.

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So eine Rechtfertigung wäre einem Franz Josef Strauß nicht im Traum eingefallen. Geschweige denn, dass er sich Rat geholt hätte. Er müsse weder Opposition noch Regierung fragen, donnerte Strauß, als er 1984 den syrischen Machthaber Assad besuchte. Den Papst habe er schließlich auch nicht informiert.

Strauß lobte afrikanische Diktatoren für "starke und weise Führung"

Das waren noch Zeiten. Die Reisen von Strauß sind legendär, seine Vorstellungen von Pragmatismus unübertroffen. Die chilenische Militärjunta bedachte er mit den Worten, natürlich sei es beim Putsch 1973 "nicht freundlich zugegangen". Aber mei. Die Junge Union raffte sich immerhin zu einem kritischen Brief auf. Nichts, was Strauß beeindruckt hätte.

Franz Josef Strauß 1983 zu Besuch bei Erich Honecker am Werbellinsee.

(Foto: dpa)

Afrikanische Diktatoren lobte er für ihre "starke und weise Führung", in Südafrika könne keine Rede davon sein, "von der Unterdrückung der Nicht-Weißen durch eine weiße Herrenrasse zu sprechen". Was Seehofers Kritiker wohl dazu gesagt hätten?

Für Strauß war es selbstverständlich, eine eigene Außenpolitik zu betreiben. Er genoss es, wenn Staatenlenker wie der Chinese Mao Zedong ihn empfingen, als ersten westdeutschen Politiker überhaupt. Strauß war der Meinung, man müsse mit allen und jedem im Gespräch bleiben. Manchmal übertrieb er es aber sogar nach Ansicht seiner CSU. Den Milliardenkredit an die DDR und den Besuch bei Erich Honecker bezahlte er mit einem miesen Ergebnis bei der Wahl zum Parteichef und der Gründung der Republikaner.

Mit dem Fliegen hat es Seehofer nicht so

Bremsen ließ er sich davon nicht. Dass Strauß 1987 selbst das Flugzeug steuerte und fast nicht nur sich, sondern die halbe CSU-Führungsmannschaft bei der Landung in Moskau ums Leben gebracht hätte, gehört zum bayerischen Allgemeinwissen. Als Lohn wartete ein Empfang bei Michail Gorbatschow. Seehofer saß am Mittwoch in einer Linienmaschine, mit dem Fliegen hat er es ohnehin nicht so.

Er fährt lieber im Auto, wenn möglich. Mit dem Tod von Strauß ging es mit den außenpolitischen Ambitionen Bayerns steil bergab. Von seinem Nachfolger Max Streibl sind vor allem zwei Reisen nach Brasilien aus früheren Jahren in Erinnerung geblieben. Das Problem: Sie waren von einem Freund finanziert worden, offenbar als Gegenleistung für Gefälligkeiten. Und so musste Streibl bald unfreiwillig den Abflug für Edmund Stoiber machen.

Edmund und Karin Stoiber 2004 vor dem Taj Mahal.

(Foto: dpa)

Der wusste seine Erfahrungen als Prinz am Straußschen Hofe klug in die Neunzigerjahre zu übertragen: Zu fragwürdigen Potentaten blieb er lieber auf Distanz, die Winkel der Erde leuchtete er trotzdem aus - meist in Begleitung einer vielköpfigen Wirtschaftsdelegation, um den Wohlstand und die Auftragslage in Bayern zu stärken.

Natürlich fand er es aber auch schmeichelhaft, als ihn sein Duz-Freund Putin 2007 auf seiner Abschiedstournee mit höchsten Ehren willkommen hieß. Auf 58 Reisen brachte es Stoiber, darunter so pittoreske Ziele wie Schloss Versailles und der Taj Mahal, den ein indischer Großmogul zu Ehren seiner verstorbenen Geliebten errichten ließ. Stoiber würdigte dies in seiner ihm eigenen Einfühlsamkeit: "Eine unglaubliche Verschwendung von Ressourcen." Das war ein verbaler Vorbote der Sparjahre.

Zwischen Inszenierung und gewollter Ernsthaftigkeit

Heute changiert die Außenpolitik der CSU zwischen Inszenierung und gewollter Ernsthaftigkeit. Der damalige Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg posierte 2010 mit großer Geste am Times Square, nun reist er als zwangsprivatisierter Ex-Politiker zu Parteitreffen in kleiner Runde.

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Finanzminister Markus Söder ließ sich in China in der Verbotenen Stadt ablichten, was ihm zuverlässig den Spott von Parteifreunden einbrachte. Auch Seehofer war in China, doch sein größter außenpolitischer Erfolg wird wohl die Annäherung an Tschechien bleiben. 40 Reisen hat Seehofer zwar bereits angetreten, die Reiselust von Strauß oder Stoiber ist ihm aber nicht zu eigen. Und nicht alle Pläne erfüllten sich: Ein USA-Trip etwa musste mangels geeigneter Gesprächspartner kurzfristig abgesagt werden. Auch kritische Worte auf schwierigem Terrain waren bislang nicht zu vernehmen. Er regle das lieber hinter verschlossenen Türen, das bringe mehr, sagt Seehofer. In seinem Büro hängt übrigens ein Bild seiner Heimat Ingolstadt.