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CSU-Politiker Hans Maier wird 80:"Zu meinem Geburtstag habe ich mir Geschenke verbeten"

Muss man nicht den Lehrplan entrümpeln, um Platz zu schaffen für Neues?

Das Wort Entrümpelung ist mir im Ohr seit den siebziger Jahren. Aber damals gab es Autoritäten, die sagten: In Geographie muss man das lernen, aber das nicht. Diese Autoritäten haben wir heute nicht mehr. Das Spezialistentum ist ausgeufert, und alle bestehen darauf, dass ihr Thema das Wichtigste ist. Gerade auch die Lehrer, die nun selbst mitwirken an den Lehrplänen.

Würden Sie sich zutrauen, heute noch mal Abitur machen?

Ich habe ein sehr hartes Abitur gemacht, das französische Zentralabitur. Wir hatten keinen einzigen Prüfer, der uns kannte. Härter kann das heute gar nicht geworden sein. Ich glaube, ich könnte es auch heute noch mal schaffen.

Sie waren immer überzeugter Katholik, aber hatten immer Streit mit dem heutigen Papst über die Schwangerenkonfliktberatung. Bedrückt Sie die Reformunwilligkeit Ihrer Kirche?

Ja, das bedrückt mich. Vor allem sehe ich, wie ein gewisser hierarchischer Geist wächst. Kardinal Brandmüller hat neulich die Laien gerügt, sie mischten sich in die Angelegenheiten der Kirche. Ich weiß nicht, ob der Mann jemals die Kirchenkonstitution Lumen gentium gelesen hat. Dort steht: Alle sind verantwortlich für die Kirche. Alle Getauften, ungeachtet der verschiedenen Ämter.

Die Kirche ist ja nun kein vorbildlich demokratisches Gebilde.

Aber sie könnte von der Demokratie etwas lernen: Dialogfähigkeit. Die wichtigste Voraussetzung dafür ist die Gleichheit aller Getauften und der Respekt der Kirchenoberen vor ihnen. Im bayerischen Landtag haben wir uns oft gefetzt, danach saßen wir wieder beim Schafkopf zusammen. Das muss in der Kirche erst gelernt werden: der Respekt vor der anderen Meinung.

Diesen Mangel an Respekt haben Sie selbst erlebt. Bischof Müller von Regensburg hat Sie aus Kirchenräumen verbannt, weil Sie für die Schwangerenkonfliktberatung Donum Vitae eintreten.

Das ist kleinkariert, und die Argumente sind hanebüchen. Die Lesung sollte eigentlich in einer Buchhandlung stattfinden, die war zu klein. Die Buchhändlerin sagte: Gehen wir ins Diözesanzentrum. Da kam schon der Bannstrahl. Der Bischof sei empört gewesen, dass ich gesagt habe, die Kirche lässt die Frauen im Stich. Mir wird unterstellt, dass ich für die Abtreibung bin, weil ich bei Donum Vitae bin. Dabei geht es doch um die Frage: Wie schützt man die Ungeborenen? Nur mit den Frauen, nicht gegen die Frauen. Das Strafrecht hat sich als unfähig erwiesen, Abtreibungen zu verhindern. Das habe ich auch immer Kardinal Ratzinger gesagt: Nur Deutschland hat eine verpflichtende Beratung. Andere Länder haben nur die Fristenlösung. Wenn ich so polemisch angegangen werde, stelle ich immer die Gegenfrage: Wollt Ihr denn eine reine Fristenlösung ohne Beratung? Ja, dann sind sie verlegen.

Aber die katholische Kirche hat sich aus der Schwangerenkonfliktberatung längst verabschiedet.

Die Kirche hätte nie den Ort freiwillig verlassen dürfen, den ihr der Gesetzgeber eingeräumt hat. Das tut man auch nicht, ohne mit den Evangelischen zu reden. Alle Diözesen geben zu, dass bei ihnen keine Konfliktberatung mehr stattfindet. Nur noch bei Donum Vitae findet katholische Konfliktberatung statt. Zu meinem Geburtstag habe ich mir Geschenke verbeten, aber um Spenden für Donum Vitae gebeten.

Dann wird Sie der Bischof auch beim nächsten Mal nicht reinlassen.

Das werde ich ertragen. Noch darf ich Orgel spielen und Kirchensteuer zahlen.

Interview: Peter Fahrenholz und

Annette Ramelsberger

© SZ vom 18.06.2011/sonn
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