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Virtueller Parteitag:Wie die CSU eine Notfallmaßnahme als Event verkauft

Probe für den Chef: Dorothee Bär als CSU-Parteivize und CSU-Generalsekretär Markus Blume bereiten den Auftritt des Parteivorsitzenden Markus Söder vor.

(Foto: Robert Haas)

An diesem Freitag will die CSU bei ihrem virtuellen Parteitag beweisen, dass sie auch die digitalste aller Parteien ist. Es ist ein neues Spiel, in dem die Christsozialen erst zeigen müssen, wie gut sie darin sind.

CSU-Parteizentrale, Saal 2, Kamera läuft. Markus Söder springt auf die Bühne. Er geht in Position, breitbeinig, wie Cristiano Ronaldo vorm Freistoß. Willkommen, sagt er, willkommen "im Markus-Söder-Haus". Hä? Da erklärt der CSU-Chef die Parteizentrale zur Söder-Zentrale. Ist er jetzt übergeschnappt? Er schaut auch ganz anders aus, kleiner, runder, bärtiger. Was ist da los?

Um die Szene gleich geradezurücken: Der Söder auf der Bühne ist nicht der echte Söder. Sondern Florian Hahn, CSU-Vizegeneralsekretär. Was Söder-Double Hahn da aufführt, ist eine Parodie, aber im Grunde ist es eine ernste Sache, die hier stattfindet: Generalprobe für den ersten virtuellen Parteitag in der CSU-Historie. "Für uns ist das ein großer Schritt", sagt Generalsekretär Markus Blume, der ein bisschen nach Neil Armstrong klingt, als er am Mittwoch in der CSU-Zentrale Journalisten empfängt - in der Parkstadt Schwabing, einem Hightech-Viertel, in dem Google, Microsoft und IBM zu den Nachbarn gehören. Genau das richtige Umfeld für die CSU, die seit jeher für sich beansprucht, die modernste Partei der Republik zu sein. An diesem Freitag will die CSU beweisen, dass sie auch die digitalste aller Parteien ist.

Blume führt in einen Raum, den er "die Schaltzentrale" nennt. Überall Monitore, Mischpulte, hinter Laptops sitzen Männer mit Kopfhörern. Einer stülpt hektisch die Schutzmarke über die Nase, als Blume den Raum betritt, ein anderer schiebt auffällig unauffällig eine halbverspeiste Leberkässemmel beiseite. Blume wirft den Journalisten ein paar Superlative hin: 220 Meter Stromkabel, 1100 Meter Videokabel. Aber Superlative alleine machen keinen Superparteitag, Blume weiß das. "Ein Testlauf" sei dieser erste komplett digitale Parteitag. Man könnte auch sagen: Es ist ein neues Spiel, und die CSU muss erst zeigen, wie gut sie darin ist.

Bislang waren die Internet-Abenteuer der Partei nicht maximal glücklich, unvergessen ist die "Facebook-Party", zu der Horst Seehofer 2012 in die Münchner Nobeldisco P1 einlud. Es kamen gefühlt mehr Journalisten als geneigte Gäste. Wenn die Party etwas illustrierte, dann, dass für Seehofer sowohl das P1 als auch das Internet unerforschtes Land waren. Seine Karriere als Twitter-Nutzer beendete Seehofer später nach zwei Tweets. Sein Nachfolger Söder, 18 Jahre jünger, unterrichtet die Welt dagegen auf allen Kanälen in hoher Frequenz über wichtige Trends in den Bereichen Politik, Kulinarik und Haustiere.

Markus Blume marschiert weiter, ins Livestudio. "Näher am Menschen", dieser Satz ist hier überall zu lesen, auf Leinwänden, Flatscreens. Lustig, weil es noch nie einen Parteitag gab, bei dem die CSU so weit weg war von ihren Leuten. Hunderte Mitglieder werden nicht in einer Halle sitzen, sondern daheim, vor ihren Computern. Reden halten, Beschlüsse fassen, geht jetzt alles digital. Muss ja gehen, wegen Corona. Aber so ein Parteitag lässt sich schwer in Nullen und Einsen fassen. Wenn Hunderte CSU-Mitglieder zusammenkommen, ist das normalerweise wie ein großes Klassentreffen. Und die Gelegenheit, alte Freund- und Feindschaften zu pflegen, Bündnisse zu schmieden, Intrigen zu spinnen. Fällt jetzt alles weg. Statt 300 Gästen vor Ort sollen 3000 online dabei sein.

Näher am Menschen? Passt doch, findet Parteivize Dorothee Bär. In Messehallen sind Sitzplätze begrenzt, am Computer könnten endlich alle dabei sein, "die eine große Sehnsucht nach Bayern und der CSU spüren". Die CSU ist halt clever genug, eine Notfallmaßnahme als Event zu verkaufen. Und sie weiß, dass die Lufthoheit über Stammtisch und Bierzelt wohl nicht mehr reicht, um ihre viel beschworene Grasverwurzelung in die digitale Zeit zu retten. Jetzt also: Glasfaserverwurzelung.

Virtueller Parteitag als Modell "für andere Parteien"?

Der virtuelle Parteitag sei auch Modell "für andere Parteien", sagt Blume. Die CSU gebe gerne "Tipps, wie man es besser machen kann". Man darf das als kleine Bosheit verstehen, gegen die Grünen, die neulich die ersten waren, die einen Digital-Parteitag wagten. Den will die CSU natürlich toppen, die sich schon immer für moderner hielt als die anderen. Das war oft gar nicht falsch, nahm aber manchmal absurde Züge an. Auf Parteitagen hieß modern üblicherweise: die Videowall größer als bei der SPD, das Soundsystem leistungsfähiger als bei der CDU. Diesmal? Ein Green Screen, vor dem Blume und Bär moderieren werden. Ein monströser Touchscreen auf der Bühne. Dazu ein Buzzer, einer dieser roten Knöpfe, die normalerweise zur Requisite von Quizshows gehören. Der Buzzer macht Applaus auf Knopfdruck. Was noch? "Einiges", sagt Blume. Mehr verrät er nicht. Buhrufe dürften aber kaum zum Buzzer-Repertoire gehören.

Bisher war es ja so: An Länge und Lautstärke des Beifalls konnte man messen, in welche Richtung das Sympathiependel in der Partei gerade ausschlug: Seehofer oder Söder? Stoiber oder Waigel? Und wer wissen wollte, wie gut eine Rede wirklich war, blickte nicht nach vorn zur Tribüne, wo der Vorstand sitzt und die Begeisterung quasi mit dem Amt kommt. Aussagekräftiger waren die Begebenheiten ganz hinten beim sogenannten CSU-Volk. Wann wird hier getratscht statt zugehört, wann geklatscht? Und: Wer ist überhaupt noch da, wer schon am Würstlstand? Wenn sich diesmal ein Delegierter eine Wurst holt, dann aus dem eigenen Kühlschrank, und mitbekommen wird man das eher nicht. Es werden nur Mitglieder per Livebild zugeschaltet, die ihre Wortmeldung vorher über ein Online-Formular anmelden. Wegfallen wird auch, wie Journalisten die Wanderbewegungen beobachten, die Söder normalerweise macht, um in den Reihen der Delegierten eine Hand nach der anderen zu schütteln. Ein Indiz, dass die nächste Abstimmung knapp ausgehen könnte?

Blick in die mit Technik vollgestellte Schaltzentrale während der Vorbereitungen für den ersten digitalen Parteitag in der Geschichte der CSU.

(Foto: Robert Haas)

Abstimmen werden die Delegierten am Freitag per Mausklick. Über einen Leitantrag, zum Umgang mit Corona. Es geht um ein Konjunkturpaket aus Investitionsanreizen und Steuerentlastungen, um die Wirtschaft nach der Krise wieder anzuschieben. Die CSU fordert Autokaufprämien und die schnelle, vollständige Soli-Abschaffung. Zuletzt hat Parteichef Söder auch dafür plädiert, in diesem Jahr Urlaub in Deutschland zu fördern, etwa mit Urlaubsgutscheinen. Statt auf der Bühne zu stehen, wird Söder seine Parteitagsrede im Sitzen halten, in seinem Arbeitszimmer in der CSU-Zentrale. Er wird in eine Kamera sprechen. Als Gastredner wird Österreichs Kanzler Sebastian Kurz auftreten, per Liveschalte. Dessen Partei, die ÖVP, gilt übrigens schon länger als Vorbild der CSU beim digitalen Umbruch.

Dorothee Bär gibt sich überzeugt, dass technisch alles hinhauen wird beim virtuellen Parteitag. Diesmal könne es auch "keine Beschwerden über das Catering geben". Beim letzten Mal, in der Olympiahalle, waren die Delegierten ja gut beraten, sich nach der Mittags-Currywurst direkt wieder in der Imbissschlange anzustellen, wenn sie abends noch eine Wurst haben wollten. Dazu diese Halle, so riesig, dass es aussah, als wäre kaum jemand gekommen, obwohl so viele da waren wie lange nicht. "Ein CSU-Parteitag braucht mehr Wärme und Familiäres", sagte Parteichef Söder damals. Und stellte Generalsekretär Blume eine Aufgabe, die diesmal fast unlösbar ist. Die CSU dürfe nicht nur digital gut sein, sagte Söder, "wir müssen auch analog gut bleiben."

© SZ vom 22.05.2020/huy
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