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Rhetorik der CSU:Söder schaltet in den Wohlfühlmodus

Wochenlang tönte der Ministerpräsident wie die AfD, dann brechen die CSU-Umfragewerte ein. Nun versucht Söder, sein Scharfmacher-Image abzustreifen - er lobt sogar Willy Brandt. Wie kommt das in Oberbayern an?

Siegfried Walch tut Markus Söder gleich zu Beginn einen Gefallen, allerdings unwissentlich. Der CSU-Landrat des Landkreises Traunstein spricht ein Grußwort auf der Traunreuter Wahlkampfveranstaltung Söders, genannt "Heimatempfang". Und Walch nimmt den Mund schön voll.

Der Chiemgau sei nicht nur "die schönste Region Bayerns", ruft Walch in die vollbesetzte Halle, sondern auch "die schönste Region der Welt". Was inhaltlich nicht ganz unwahr ist, aber hier in Traunreut eher wie eine Text-Bild-Schere wirkt. Denn die nach dem Krieg hastig erbaute Industriestadt ist der wohl schmuckloseste Ort weit und breit.

Aber das Attribut "schön", ins Superlativ gedreht, merkt sich der Franke Söder, und den feschen, auftrumpfenden Landrat auch. Immer wieder wird der Ministerpräsident in seiner Rede auf den 34-jährigen "Siggi" deuten und über ihn frotzeln. Der "schönste Landrat" will seinen Posten? In 15 Jahren vielleicht, sagt Söder.

Keine Silbe von der Raubeinigkeit der vergangenen Monate

Sichere Lacher zündet man so. Und die braucht der Ministerpräsident an diesem Abend auch, um Stimmung zu erzeugen in der voll besetzten Halle, wo ausweislich der Tischkarten von der Blaskapelle Chieming bis zum Aktionskreis Ostafrika ein breites Spektrum der ortsansässigen Bevölkerung vertreten ist. Der Auftritt ist auch ein Härtetest in einem Wahlkreis, im größten Regierungsbezirk, der politisch besonders schwarz ist - bislang zumindest.

Die Stimmung an diesem Abend ist tatsächlich verhalten, das ändert auch der Bayerische Defiliermarsch nicht, der zu Ehren des Landesvaters zu Beginn durch den Raum schallt. Markus Söder befindet sich in einer ziemlich suboptimalen Situation. Diejenigen, die ihn näher kennen, sprechen von Nervosität, in Traunreut sieht man ihm nur an, dass er angespannt ist.

In zweieinhalb Monaten stimmen die Bayern ab, Umfragen sehen die noch allein regierende CSU inzwischen bei 38 Prozent. Wenn das so weiter geht, dann könnte Söder als bayerischer Ministerpräsident mit der kürzesten Amtszeit seit 1945 in die Geschichte eingehen.

Und so versucht Markus Söder sein Scharfmacher-Image abzustreifen, was gar nicht so leicht ist für einen, der diesen Ruf über Jahre gepflegt hat. Die Klaviatur, auf der er am liebsten spielt, rührt er in Traunreut nicht an, Begriffe wie "Asylwende", "Homoehe" und "Islam" kommen ihm nicht über die Lippen, nicht einmal die Namen der rechtsdrehenden CSU-Partner Viktor Orbán und Sebastian Kurz.

Söder spricht lieber vom "wichtigen Thema Entwicklungshilfe" und über die "große Thematik Pflege"; "Lebensperspektiven junger Frauen" sind ihm wichtig. Die Eigentumsquote soll steigen, die Zahl der Kitaplätze auch. Er verweist auf die Neuerungen seiner bisherigen Amtszeit, stellt die Förderung junger Familien heraus. Er preist die Ehrenamtlichen, die die örtliche CSU hierher geladen hat.

In seine Rede flicht Söder neben dem Ruf nach Recht und Ordnung auch ein Bekenntnis zu Europa und die Lobpreisung weiß-blauer Zustände ein. Der Vergleich mit Bremen und Berlin darf nicht fehlen, das Flachsen über Berliner Flughafenbauten, aber vor allem schaltet er in den bajuwarischen Wohlfühlmodus: "Uns ging es noch nie so gut", sagt er, man solle "dankbar sein, dass wir in dieser Zeit hier leben können". Und, natürlich: "Deutschland ist so stark, weil es Bayern gut geht."

Inhaltlich knüpft Söder damit an die Erzählung an, die Angela Merkel ihrer letzten Wahlkampagne vorangestellt hat: "Für ein Land in dem wir gut und gerne leben", hieß der CDU-Slogan. Damals belächelten nicht wenige in der CSU die Marschrichtung der Kanzlerin.

Söders Auftritt enthält keine Silbe von der Raubeinigkeit der vergangenen Monate, mit der er auch viele CSU-Sympathisanten verstörte. Im März wurde Söder Ministerpräsident, seitdem vermurkste er verblüffend viel. Seine Amtszeit begann damit, dass er bayerische Behörden anwies, Kreuze aufzuhängen, gleichzeitig aber erklärte, das Kreuz sei kein religiöses Zeichen. Dazu kam das umstrittene Polizeiaufgabengesetz.

Den jüngsten demoskopischen Absacker aber verursachte augenscheinlich die Asyl-Kontroverse, welche Söder über Wochen als Teil eines CSU-Spitzentrios angeheizt hat. Im Wechselspiel mit dem Berliner CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt und seinem Parteivorsitzenden, Amtsvorgänger und liebsten Parteifeind Horst Seehofer sollte es auf die Kosten der Kanzlerin und der AfD gehen.

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Die drei Partei-Großkopferten klangen plötzlich nicht mehr wie die staatstragende CSU, sondern wie die rechtspopulistische Konkurrenz; während im Mittelmeer Flüchtlinge ertranken, sprach Söder von "Asyltourismus". Nicht wenige Wertkonservative und Christen wandten sich von der CSU ab.

Angela Merkel blieb im Amt, Seehofer auch, und dann kam der demoskopische Schock für die CSU. Seitdem versucht Söder umzusteuern. Er schwört dem rechtspopulistischen Vokabular ab, in der Zeit versichert er, kein "Rechter" zu sein.