CSU-Chef Seehofer Spieler vor dem Ende

Bayerns Ministerpräsident ist ein Stimmungspolitiker, doch in der Flüchtlingspolitik ist ihm das politische Jonglierspiel missglückt. In der CSU wird an ihm gezweifelt - das wird er nicht mehr los.

Kommentar von Stefan Braun, Berlin

Horst Seehofer wird wahrscheinlich erst mal bleiben, was er ist. Er wird als CSU-Vorsitzender die Möglichkeiten für eine Jamaika-Koalition in Berlin sondieren; und er wird Bayern weiter als Ministerpräsident regieren. Das liegt aber nicht daran, dass seine Partei, seine Landtagsabgeordneten, überhaupt alle in der CSU hinter ihm stehen würden. Nein, fürs Erste hat in dieser Partei einfach die Vernunft noch einmal über das Bauchgefühl gewonnen.

Die Vernunft sagt, man kann in dieser für die CSU krisenhaften Situation - insbesondere mit den bevorstehenden Jamaika-Gesprächen - nicht das oberste Pferd wechseln. Deshalb müssen bis zum Abschluss der Berliner Gespräche - egal wie diese ausfallen - alle Nachfolgeentscheidungen in die Zukunft verschoben werden.

Das Bauchgefühl dagegen hat spätestens seit Sonntagabend gerufen: So kann es nicht mehr bleiben; da ist uns - und vor allem dem Horst! - alles aus dem Ruder gelaufen.

Dieses Bauchgefühl ist stark, der Bauchschmerz gewaltig. Deshalb hat die Vernunft dieses Gefühl auch nicht auf Dauer bezwungen. Es wird mit Wucht bald wieder auftauchen. Und damit wird sich die Frage nach der Nachfolge nicht mehr länger verdrängen lassen.

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Nun stellen viele innerhalb und außerhalb der CSU sich die Frage, was da eigentlich passiert ist. Es gibt manche, die sagen, Seehofer sei mit der Kanzlerin und der Flüchtlingspolitik noch zu milde gewesen. Andere sagen, er sei im Gegenteil mit seinen Vorwürfen viel zu weit gegangen. Unabhängig davon, welche Gruppe recht haben könnte - der Umgang Seehofers mit Merkel ist nicht der einzige Grund für das verheerende Abschneiden. Entscheidender noch ist, dass Seehofer dieses Mal mit seiner Kunst des Spielers und politischen Jongleurs an sein Ende gekommen ist. Er hat sowohl beim Attackieren als auch beim Schönreden jedes Maß verloren; das ist es, was sie in der CSU nicht mehr vergessen werden.

Erst hat er die Kanzlerin als Gesetzesbrecherin und Hauptverantwortliche für eine Katastrophe namens Flüchtlingskrise angegriffen - um dann im Wahlkampf zu erklären, Angela Merkel sei die allerbeste Kandidatin für Deutschland. Dieses Wechselspiel, diese Inszenierung, bei der niemand mehr weiß, wann er schlimmer übertrieben hat, schwächt ihn mehr als all sein Hin und Her der vergangenen Jahrzehnte.

Den richtigen Moment verpasst, um umzuschwenken

Und das ebenso Absurde wie Unverständliche an all dem ist, dass Seehofer den richtigen Moment verpasste, um umzuschwenken. Diesen Moment hat es gegeben, auch wenn Seehofer monatelang das Gegenteil behauptet hat. Es war der Moment, als die Koalition in Berlin beim Asylrecht, bei den Regeln für Abschiebungen, bei der Aufnahme von Flüchtlingen und beim Umgang mit straffälligen Flüchtlingen die Gesetze massiv verschärfte.

Während Seehofer aus München polterte, wurde man in Berlin aktiv. Das wäre der Zeitpunkt gewesen, um zu erklären, dass man als CSU für die Bundespolitik viel erreicht habe und deshalb ab sofort mit der CDU wieder an einem Strang ziehe. Seehofer tat das nicht; er schimpfte lieber weiter. Voller Ärger über die Ereignisse wollte er nicht von seinem Baum runter. Ohne Kotau der Kanzlerin oder ein Ja zur Obergrenze wollte er nicht klein beigeben.

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Zorn freilich ist kein guter Ratgeber. In diesem Fall könnte er der Anfang vom Ende gewesen sein für Horst Seehofer. Denn es war ja klar, dass der Wahltermin unaufhaltsam näher rückte - und damit auch die Frage, wie man Frieden innerhalb der Union finden würde. So eng viele in der CSU bei Seehofer stehen, wenn es um die Bewertung der Flüchtlingskrise geht - so entsetzt sind sie darüber, dass Seehofers Strategie dieses Mal in ein Debakel führte.

Nun rettet ihn fürs Erste nur die Dramaturgie der Sondierungsgespräche - und die Tatsache, dass die Nachfolge noch immer so strittig ist. Trotzdem trifft man mittlerweile auch unter den Seehofer-Anhängern viele, die auf einen friedlichen Übergang Anfang Januar setzen. Einen Übergang mit einer großen Geste Seehofers und einem neuen CSU-Chef, der nach jetzigem Stand Markus Söder heißen dürfte.

Die Niederlage von Sonntag hat Seehofer nicht nur persönlich geschwächt. Es hat ihm auch die Möglichkeit genommen, bei seiner Nachfolge alles selbst zu entscheiden. Diese Chance ist seit dem Wahlabend Geschichte. Und das für einen, der in den vergangenen Jahren gerade an dieser Frage seinen größten Spaß hatte.

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