Laschet beim CSU-Parteitag:Schwesternbesuch mit offenem Ausgang

Konrad Adenauer und Franz Josef Strauß, 1961

Grüß Gott in Bayern: Franz Josef Strauß überreichte Konrad Adenauer 1961 einen Trachtenhut.

(Foto: SZ Photo)

Wenn die Verwandtschaft kommt, ist das mal nett, oft lästig und bisweilen endet es im Zank. Auf CSU-Parteitagen hat sich schon so mancher Familienstreit zugetragen. Ein Rückblick darauf, was CDU-Chef Laschet erwarten könnte.

Von Sebastian Beck und Andreas Glas

Er hat sie alle schon gesehen. Adenauer, Erhard, Kiesinger, Barzel, Kohl, Schäuble, Kramp-Karrenbauer, Merkel. Und wenn am Samstag um elf Uhr der CDU-Vorsitzende Armin Laschet in der Nürnberger Messehalle zur vielleicht wichtigsten Rede seiner Karriere ans Mikrofon tritt, wird er wieder ganz vorne sitzen und lauschen: Theo Waigel, der Ehrenvorsitzende der CSU. Seit 1961 hat der 82-Jährige kaum einen Parteitag verpasst, er ist Zeuge sämtlicher Familienstreitereien in der Union geworden, die manchmal auf der Bühne der CSU-Parteitage ausgetragen wurden.

Auch im Jahr 2021 hängt wieder einmal eine gewittrig-schwüle Stimmung über dem Parteitag, nachdem CSU-Chef Söder die ultimative Losung ausgegeben hat: "Wenn es noch eine Chance gibt, den Trend zu brechen, dann an diesem Wochenende". Das ist wieder mal ein Wink in Richtung Laschet. Trotzdem glaubt Waigel, dass CDU und CSU Einigkeit zelebrieren werden, alleine schon, weil es gar nicht anders geht: In einer solcher Situation, sagt Waigel, "da hält man zusammen".

Der Erfolg einer Rede und die Qualität der Beziehungen wird gerne in der Dauer des Beifalls gemessen. Laschet wird aber selbst im besten Fall nicht so gefeiert werden, wie der damalige Bundeskanzler und CDU-Vorsitzende Konrad Adenauer auf Waigels erstem Parteitag im Juli 1961. Damals jubelten ihm 10 000 Menschen in München zu. Zwei Monate vor der Bundestagswahl im September prägten der Kalte Krieg und Attacken auf die "nicht regierungsfähige SPD" die Rede Adenauers.

Den größten Publikumserfolg erzielte aber der neue CSU-Vorsitzende und Bundesverteidigungsminister Franz Josef Strauß: Er überreichte Adenauer als Gastgeschenk einen Hut mit Gamsbart. Als Adenauer ihn aufsetzt, "tobt die Menge vor Begeisterung", heißt es im Bericht der Süddeutschen Zeitung. Zumal Strauß dazu einige süffisante Worte an Adenauer richtete: "Der Gamsbart ist so etwas wie ein Symbol der bayerischen Widerborstigkeit. Er wurde von vielen bayerischen Königen getragen. Deshalb möchte ich ihnen den Hut sozusagen als bayerischen Ehrenmonarchen überreichen."

An den Gamsbart-Gag kann sich Waigel nicht mehr erinnern, dafür aber an die altväterlichen Worte des 85-jährigen Adenauer in Richtung Strauß: "Das is'n janz tüchtiger Mann. Manchmal aber wäre weniger ein bisschen mehr." Adenauer sei der letzte gewesen, der sich Strauß gegenüber so etwas habe leisten können, sagt Waigel.

Jahrzehnte später stand er selbst ganz oben: Von 1988 bis 1999 war Waigel Vorsitzender der CSU - Wendejahre für Deutschland und der Höhepunkt der Ära Kohl, das zeigten auch dessen Auftritte auf den CSU-Parteitagen. Wenn Ministerpräsident Max Streibl seine Rede ablas, dann musste die Versammlungsleitung die Delegierten noch zur Ruhe mahnen. Trat Kohl ans Rednerpult, wurde es still. "Er hat seine Größe und seine Leibesfülle ganz bewusst eingesetzt", erinnert sich Waigel. Und auf CSU-Parteitagen kokettierte Kohl nur zu gerne damit, dass er aus der Pfalz stammte, die einst zum Königreich Bayern gehörte, was ihn ebenfalls in den Rang eines Ehrenmonarchen hob und Sympathien einbrachte.

WAIGEL SIEHT ZU KOHL AUF

Helmut Kohl beeindruckte Theo Waigel 1991 durch seine Größe.

(Foto: dpa)

Nach dem Ende der Ära Kohl und dem Wahlsieg von SPD und Grünen brach die kanzlerlose Zeit auf den CSU-Parteitagen an. Die CDU erschien aus Sicht der CSU-Delegierten eher wie die abgebrannte Verwandtschaft. Es waren die besten Jahre von Parteichef Edmund Stoiber, der mit seinen lautstark vorgetragenen Reden und großmächtigem Selbstbewusstsein alle anderen in den Schatten stellte.

Von Angela Merkels zahlreichen Visiten als CDU-Vorsitzende und Bundeskanzlerin ist vor allem eine in Erinnerung geblieben: Am 20. November 2015 führte Parteichef Horst Seehofer die Kanzlerin auf beispiellose Weise vor, als er ihr 13 Minuten lang auf der Bühne einen Vortrag über die CSU-Positionen in der Flüchtlingspolitik hielt und sie dabei einfach neben sich stehen ließ. Danach drückte er ihr einen Blumenstrauß in die Hand.

Die Fotos von der brüskierten Merkel und dem oberlehrerhaften Seehofer nehmen seitdem einen besonderen Platz im Familienalbum der Union ein. Merkel verließ den Saal durch einen Seiteneingang - das Applausometer der CSU zeigte null an. "Sie wollte das so", soll Seehofer danach Vertrauten gesagt haben.

Horst SEEHOFER Ministerpraesident Bayern und CSU Vorsitzender mit Bundeskanzlerin Angela MERKEL C

Horst Seehofers Attacke auf Angela Merkel 2015 ist bereits legendär.

(Foto: Sven Simon/Imago)

Das Echo fiel verheerend aus, auch in Teilen der CSU. Waigel weiß noch, wie Seehofer ihn anschließend nach seiner Meinung über den Auftritt fragte. Menschlich und politisch sei das ein gravierender Fehler gewesen, sagte ihm Waigel. 2016 kam Merkel erst gar nicht zum CSU-Parteitag, stattdessen vertrat der CDU-Fraktionschef im Bundestag, Volker Kauder, die Schwesterpartei.

Seehofer rang sich eine Art Entschuldigung für sein respektloses Verhalten ein Jahr zuvor ab: "Man werde mit dem Alter klüger", sagte er und bekam dafür Applaus. Die Aussöhnung zwischen CSU und CDU erfolgte erst auf dem Parteitag 2017. Die Szene war die gleiche wie 2015, Seehofer am Rednerpult, Merkel daneben, nur dass Seehofer diesmal sagte: "Liebe Angela, auch wenn Du es mir nicht glaubst, ich freu mich, dass du da bist!"

So ähnlich könnte das an diesem Samstag klingen - auch wenn es Markus Söder einiges an Schauspielkunst abverlangen wird, mit Begeisterung für Armin Laschet als Kanzler zu werben. Was die Choreografie drumrum angeht, hält man sich in der CSU-Zentrale bedeckt.

Zur SZ-Startseite
Markus Söder Summer Interview 2021

SZ PlusCSU im Umfragetief
:"Man macht aus einem Söder natürlich keinen Aiwanger"

Politikwissenschaftlerin Ursula Münch über Modernisierungsängste in der CSU, die Rolle der Freien Wähler und warum das "Bierdimpflhafte" zurückkehren könnte.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB