Der Arbeitstag beginnt für Walter Reininger eigentlich ganz normal: Am Morgen steckt ein junger Kollege noch grüßend den Kopf in die Bürotür. Nur kurz darauf hört Reininger Hilfeschreie aus dem Nebenbüro – der eben noch grüßende Kollege hat mit einem Messer eine Mitarbeiterin angegriffen. Kollege Volker Schmitt sitzt im gleichen Büro und eilt der verletzten Frau sofort zu Hilfe.
Dabei bringt sich Schmitt selbst in die Nähe des 21-jährigen Täters. Beim Rettungsversuch erleidet er acht Stichverletzungen. Zusammen mit Reininger, der ebenfalls verletzt wird, schaffen sie es aber, den Angreifer festzuhalten, bis die Polizei eintrifft. Für die 59-jährige Kollegin kommt allerdings jede Hilfe zu spät, sie stirbt noch am Tatort. Reininger ist sichtlich erschüttert, als er die Geschichte erzählt.
Für ihr mutiges Eingreifen wurden die beiden Männer am Montag mit der Medaille für Verdienste um die innere Sicherheit ausgezeichnet. „Zivilcourage bedeutet, weiter Haltung zu zeigen, wo es unbequem wird“, lobte Innenminister Joachim Herrmann (CSU) die Medaillenträger. Unbequem ist dabei fast ein zu schwaches Wort für das, was Reininger und Schmitt vergangenes Jahr erlebt haben: „Ich bin heute noch nicht auf Arbeit und bin in psychologische Behandlung“, erzählt Reininger. Er rechnet nicht damit, dass er noch mal zur Arbeit zurückkehren wird: „So etwas verlässt einen nicht.“
Neben Schmitt und Reininger wurden in diesem Jahr 20 weitere Personen geehrt. Unter ihnen Johann Gerstmayr. An einem Vormittag im Februar 2024 ruft ihn ein vermeintlicher Kriminalbeamter an, der behauptete, es sei ein Mitglied eines Einbrecherrings festgenommen worden, der als nächstes sein Haus im Visier hatte. Gerstmayr hat ein verschmitztes Lächeln im Gesicht, als er die Geschichte erzählt. „Die wollten meine Barbestände“, erzählt er. „Ich habe dann gesagt: Ich habe bar 30 000 Euro und 30 Krugerrand-Münzen.“ Doch das ist erfunden. Heimlich ruft er in einer Toilettenpause über sein Handy die Polizei. Die legt sich bei ihm in der Wohnung auf die Lauer.

Bis auf Toilettenpausen reden die Betrüger zehn Stunden durchgehend mit ihm am Telefon. „Der Abholer kam von Bremen nach Augsburg angereist“, erzählt Gerstmayr, „da mussten sie mich beschäftigen.“ Die Betrüger lassen ihn stundenlang die zwölfstelligen Codenamen auf den Euroscheinen aufsagen. Euroscheine, die er eigentlich gar nicht hatte. Gerstmayr liest über Stunden Zahlen von einer Liste ab, die ihm die Polizei geschickt hat.
„Zwischendurch habe ich Hunger bekommen“, erzählt er grinsend, „ich durfte aber niemanden anrufen.“ Also verständigt Gerstmayr seine Enkelin. Weil die Betrüger da womöglich schon das Haus beobachten, öffnet ein echter Polizeibeamter dem jungen Mädchen das Fenster, damit es mit einer Brotzeit in die Wohnung seines Opas schlüpfen kann.
Nach zehn Stunden kommen die Täter endlich an: Gerstmayr hatte ihnen schon gedroht, bald schlafen zu gehen. Bei der Übergabe finden die Betrüger statt wertvoller Münzen und Bargeld aber nur einen einfachen Stoffbeutel vor. „Ich habe Beilagscheiben und Papierschnipsel reingefüllt“, erzählt Gerstmayr, „der Abholer hat aber gar nicht in die Tüte geguckt, sondern ist direkt abgehauen.“ Weit kommt er aber nicht, nach zehn Metern greift ihn die Polizei auf.
„Der Name Dominik Brunner steht seither bundesweit für Zivilicourage“
Schon seit mehr als 30 Jahre werden mit der Courage-Medaille jährlich Menschen in Bayern geehrt, die sich in Gefahrensituationen mutig verhalten haben. „Es ist beeindruckend, dass es in Bayern jedes Jahr so viele couragierte Menschen gibt“, sagt Landespolizeipräsident Michael Schwald in der Begrüßung, „auch aus polizeilicher Sicht.“ Er hofft, dass der Mut der Bürger auch ein Anstoß für andere sein wird.
Seit einigen Jahren findet die Preisverleihung im September statt – in Erinnerung an Dominik Brunner, der sich im September 2009 in einer Münchner S-Bahn schützend vor Jugendliche gestellt hatte, die bedroht wurden. Brunner erlag den Folgen des brutalen Angriffs. „Der Name Dominik Brunner steht seither bundesweit für Zivilicourage“, sagt Herrmann.
Geehrt wurde für seine besondere Tat auch Jayden Grimm. Er ist 2025 an einem Novembertag gerade in der S-Bahn, als ein 15-jähriges Mädchen sexuell belästigt wird.

„Er wollte sie anfassen, wollte sie küssen, hat ihr auch immer Komplimente gemacht, wie schön sie ist und ob er nicht ihre Nummer haben könnte“, beschreibt Grimm das Verhalten des Täters. Er selbst ist zu diesem Zeitpunkt erst 14 Jahre alt. Als der Täter kurz zurück zu seinem Platz in einem anderen Teil des Zuges verschwindet, bietet Grimm dem Mädchen seine Hilfe an und alarmiert die Polizei. Dann verwickelt er den Täter geschickt in ein Gespräch. So verhindert er weitere Übergriffe und sorgt dafür, dass der Täter von Beamten festgenommen werden kann, sobald der Zug im nächsten Bahnhof eintrifft.
„Ich konnte da nicht einfach wegschauen“, sagt der heute 15-Jährige. Ihm sei es wichtig, dass es Menschen gibt, die helfen: „Also ich würde nicht davor zurückschrecken, so was jemals wieder zu tun.“ Das betont auch der Innenminister in seiner Festrede. „Es darf uns niemals gleichgültig sein“, sagte er, „wenn Mitmenschen belästigt oder körperlich angegangen werden.“
Auch Pascal Thoma konnte mit seinem Eingreifen im August 2024 Schlimmeres verhindern. Es ist ein Sonntag, an dem er plötzlich die lauten Hilfeschreie einer Nachbarin hört. Thoma handelt sofort und folgt den Schreien in die Wohnung unter seiner eigenen. Dort trifft er auf einen Mann, der sich kurz vorher über die Terrassentür Zutritt zur Wohnung verschafft hatte, um Thomas verängstigte Nachbarin zu vergewaltigen. Der Täter hält die Schlafzimmertür zu, doch Thoma gelingt es schließlich, die Tür mit Wucht zu öffnen. Bevor der Täter flüchten konnte, habe er noch mit ihm diskutiert, er wolle die Polizei rufen, erzählt Thoma. Währenddessen flüchtet seine Nachbarin aus dem Fenster.

Doch damit sollte das schlimme Erlebnis noch kein Ende nehmen. Auch der Täter ergreift die Flucht. Thoma versucht, ihm zu folgen, doch er verliert den Mann aus den Augen. Allerdings kann er den Täter so präzise beschreiben, dass er später ermittelt und festgenommen werden kann.
Der Mann wurde inzwischen zu einer Haftstrafe von fünf Jahren und neun Monaten verurteilt, die er bereits angetreten hat. Thoma selbst versuche die Sache zu vergessen, so erzählt er: „Nachdem er gefasst wurde, war es dann ein wenig einfacher.“ Wenn man nicht weiß, wo der Täter ist, sei das schwerer. Als Held wolle er deshalb aber nicht bezeichnet werden, so Thoma: „So was macht man eigentlich, damit man helfen kann.“


