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Home-Schooling:"Das ist kein verlorener Jahrgang"

Hausaufgabenbetreuung in der Bayernkaserne in München, 2019

Das Lernen alleine erfordert Disziplin. Manche Eltern können ihren Kindern wenig helfen, zum Beispiel wegen schlechter Sprachkenntnisse.

(Foto: Catherina Hess)

Lehrer sorgen sich um die Schüler, die daheim wenig Unterstützung bekommen. Klare Regeln, wie mit Wissensunterschieden umzugehen ist, fehlen noch.

Aufgeregt stand der Vater auf dem Gang des Pirckheimer-Gymnasiums in Nürnberg, einer dieser alten Schulen mit Eingangsportalen aus schwerem Holz, die den Jüngsten am ersten Schultag Ehrfurcht einflößen. Normalerweise sind diese Gänge voller Kinder, jetzt sind die meisten Schulen in Bayern leer und still. Der Vater kam vor wenigen Tagen in die Schule und suchte Hilfe. Sein Problem: Home-Schooling. "Er sprach schlecht Deutsch, hatte das Smartphone in der Hand und versuchte zu erklären, dass er keinen Drucker hat, um die Aufgaben für sein Kind auszudrucken", sagt Elke Hermann, die stellvertretende Schulleiterin. Ein Einzelfall, aber einer, der zeigt, was viele Lehrer umtreibt. Sogar jene, bei denen es gut läuft mit dem digitalen Vermitteln und die regen Kontakt zu ihren Schülern haben, um zu testen, ob diese mitkommen.

Viele Lehrer fragen sich, wie groß die Kluft sein wird zwischen den Kindern einer Klasse, wenn die Schulen wieder öffnen. Sie sorgen sich um Kinder, die daheim keine Hilfe bekommen, weil die Eltern nicht da sind oder selbst den Computer brauchen. Sie sorgen sich um jene Kinder, die besser Deutsch sprechen als ihre Eltern - oder schlicht keine Lust haben und niemanden, der sie trotzdem antreibt. Können diese Schüler überhaupt aufholen, was die anderen gelernt und geübt haben?

"Oft ist das Problem gar nicht, die Kinder zu erreichen, sondern es hakt schon daran, die Materialien zu ihnen zu bekommen", sagt auch Elke Hermann. Sie kennt die Herausforderung, im Schulalltag soziale Ungleichheit auszubügeln. Das Pirckheimer-Gymnasium steht im Süden Nürnbergs, die Hälfte der Mädchen und Buben haben einen Migrationshintergrund. "Wir haben schon viele Schüler, die es zu Hause nicht dicke haben", sagt Hermann. Viele Förderstunden sind am Pirckheimer verpflichtend. Auch Hermann ist davon überzeugt, dass "die Schere weiter aufgeht" durch das Lernen allein daheim. Einen Fahrplan haben sie sich aber nicht überlegt am Pirckheimer. Und Hermann mahnt zur Gelassenheit: "Das ist kein verlorener Jahrgang, wir hatten bis 13. März Unterricht." Drei Wochen ohne Unterricht könnten aufgefangen werden. Sind Schüler oder Lehrer länger krank, werde immer der Stoff wiederholt oder in Förderstunden nachgelernt. Über die Notengebung haben sie schon nachgedacht, weniger Schulaufgaben könnten Druck rausnehmen. Alleine dürfen Schulen das nicht entscheiden. "Ich bin ja gespannt, ob dazu etwas vom Ministerium kommt", sagt Hermann.

Am Einsatz der Lehrer, Lücken zu schließen, hat Simone Fleischmann keinen Zweifel. Sie sieht die Corona-Krise als Chance, zu hinterfragen "woran das Bildungssystem krankt". Für die Präsidentin des Bayerischen Lehrerverbands ist klar: an den Übergängen, dem Übertritt und dem Abitur. Sie fordert Entschleunigung und kreative Lösungen, kognitives, emotionales Lernen, Fokus auf Werte und die Abkehr von Wettbewerb und Leistungsdruck. So weit würde Jürgen Böhm nicht gehen, für den Chef des Realschullehrerverbands ist Leistung ein Schlüssel zur Chancengerechtigkeit. Die Sorgen der Lehrer versteht Böhm, will an den bayerischen Realschulen aber keine Probleme sehen. Und überhaupt: "Fast 100 Prozent der Kinder haben ein digitales Endgerät, das zeigen Studien. Und sie haben Bücher daheim, Schulen schicken Pakete per Post und Telefone haben wir auch."

Alles kein Problem? Nicht ganz. Es sei klar, dass die Schulen nach der Schließung nicht einfach "zur Tagesordnung übergehen können", findet Böhm, und sie müssten über Maßnahmen nachdenken, um die Wissensunterschiede aufzufangen. Das schon. Dann will Böhm noch etwas loswerden, gerichtet an jene Eltern, die sich gerade unter Druck setzen oder sich überfordert fühlen, neben der Arbeit daheim auch noch die Kinder bespaßen und mit ihnen lernen zu müssen: "Man muss zu Hause nicht Schule spielen."

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Das würde Susanne Arndt sofort unterschreiben: "Das soll ja kein Unterricht sein, sondern nur Lernen", sagt sie. Was viele Eltern umtreibt, flutet dieser Tage die Postfächer der Landeselternvereinigung Gymnasien (LEV), Arndt weiß als Vorsitzende um die Sorgen der Mütter und Väter. Sorgen um die schulischen Leistungen und um Existenzielles, ob sie ihren Job behalten und wie sie über die Runden kommen sollen. 6000 Rückmeldungen gibt es auf eine LEV-Umfrage zum Home-Schooling. Ausgewertet werde in den nächsten Tagen. Viele Eltern fürchten, dass ihre Kinder durchfallen, sagt Arndt. Eine unberechtigte Angst, wie sie findet: "Wegen drei Wochen fällt kein Kind durch, aber wir müssen Lösungen finden, wenn es länger dauert." Eine längere Wiederholungsphase zu Beginn des neuen Schuljahrs zum Beispiel.

Die Grünen im Landtag fordern dagegen schon jetzt klare Regeln aus dem Kultusministerium: Für die "Corona-Schließzeit" müsse es eine "eindeutige und einheitliche" Hausaufgabenregelung geben. Es könne nicht sein, dass manche Lehrer wiederholen und andere neuen Stoff vermitteln. Ideen gibt es viele, wie mit den Wissensunterschieden umzugehen ist. Einen Fahrplan gibt es dafür offenbar nicht. Das Lernen daheim nennt Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler) "sinnvolle Beschäftigung", die dem Tag mehr Struktur gebe in Zeiten der Ausgangsbeschränkung. "Das Lernen zu Hause ist kein Ersatzunterricht. Eltern sind keine Ersatzlehrer. Niemand darf überfordert werden", sagt Piazolo. Und versucht zu beruhigen: Am ersten Schultag werde nicht gleich der Normalbetrieb weitergehen. Lehrer sollten Schüler "da abholen, wo sie gerade stehen". Den Rahmen dafür will er noch schaffen.

© SZ vom 30.03.2020/vewo
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