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Ausgangssperren in Bayern:"Mitterteich, wir halten zam"

Coronavirus - Mitterteich

Ein Polizist kontrolliert die Ortsein- und Ausfahrt von Mitterteich.

(Foto: dpa)
  • In der Stadt Mitterteich im oberpfälzischen Landkreis Tirschenreuth gilt seit Mittwoch eine Ausgangssperre.
  • Seit Donnerstag gibt es Ausgangssperren auch in zwei Kommunen im Landkreis Wunsiedel in Oberfranken.
  • Allem Anschein nach halten sich die Bewohner der betroffenen Orte bisher an die Verbote.

Von Johann Osel

Mehl, Nudeln, Milch, Brot und Eier, dazu Konserven, Süßkram, ein wenig Obst und Gemüse, Seife und ja, auch Toilettenpapier - es sind komplette Versorgungspakete, die das Bayerische Rote Kreuz (BRK) und das Seniorenbüro im oberpfälzischen Mitterteich nun packen und ausliefern. Wasser gibt's obendrauf. 20 bis 30 Euro kostet ein Paket, kleine Sonderwünsche sind möglich - aber "bitte keine individuellen Bestellungen, das würde uns überfordern", sagt BRK-Bereichsleiter Robert Hoyer.

Möglichst passend in einem Kuvert sollen die Empfänger das Geld ablegen, dann wird nach telefonischer Absprache das Paket abgestellt. Damit die Zielgruppe der Aktion - Senioren und Bürger mit Vorerkrankungen - nicht hinaus müssen in diesen Tagen. Den Tagen der Ausgangssperre, die wegen Corona in der Kleinstadt im Landkreis Tirschenreuth seit Mittwoch gilt. Nur für Arbeit und Besorgungen dürfen die Bürger das Haus verlassen; und jene aus den Risikogruppen am besten gar nicht. "Mitterteich, wir halten zam", schreibt Hoyer auf Facebook, mit vier Ausrufezeichen.

Wegen der Verbreitung des Coronavirus hatte das Landratsamt Tirschenreuth am Mittwoch die Maßnahme für die 6500-Einwohner-Stadt unweit der deutsch-tschechischen Grenze verhängt. Sie gilt bis zum 2. April, Mitterteich war die erste Stadt in Bayern mit einer Ausgangssperre. Bis Mittwochnachmittag gab es 47 bestätigte Corona-Fälle im Landkreis - davon 25 allein in Mitterteich. Bei den Infizierten soll es sich vor allem um Ältere handeln, aber nicht nur: die Altersspanne liege zwischen neun und 83 Jahren, hieß es. Sieben müssten beatmet werden.

Laut der Allgemeinverfügung ist es untersagt, das Haus "ohne triftigen Grund" zu verlassen. Mit Bescheinigung des Arbeitgebers darf man zum Job; etwa beim örtlichen Werk des Glasherstellers und Großarbeitgebers Schott, wo der Betrieb weiterläuft. Zudem sind Lieferverkehr, Einkäufe und Besorgungen erlaubt. Seit Donnerstag gibt es Ausgangssperren auch in zwei Kommunen im Kreis Wunsiedel in Oberfranken; konkret im Stadtgebiet von Hohenberg an der Eger und im Ortsteil Fischern (Gemeinde Schirnding).

Laut den Fallzahlen müsse man in Mitterteich "von einem Hotspot ausgehen", sagte Innenminister Joachim Herrmann bei einem Besuch am Mittwochabend. Daher gelte es, die Ausbreitung einzudämmen. Vor Kameras erklärte er, was erlaubt sei. Eindeutig nicht: "Vergnügungen in der Freizeit", wie Eis im Park. Am Donnerstag hatte es in Mitterteich sonnige 16 Grad.

Und halten sich die Bürger an das Verbot? Laut lokalen Medienberichten und Telefonaten der SZ mit Bürgern kontrollierte die Polizei am Donnerstag Zufahrtsstraßen, die Feuerwehr fuhr nach wie vor im Ort herum und verteilte Handzettel. Der Einzelhandel war frequentiert, ohne Panikstimmung aber. In einer Metzgerei ließen sich Kunden etwa Fleisch einschweißen, zum Einfrieren.

An der Theke hielten sie freiwillig Abstand, so dass die Warteschlange zeitweise vor die Tür reichte. Fußgänger - offenbar bei Besorgungen - wurden vielfach beobachtet, Autoverkehr wenig. Nur vereinzelt hätten Menschen angesprochen und belehrt werden müssen, weil sie unberechtigterweise unterwegs waren, sagte ein Polizeisprecher. Erfreulicherweise sei bei fast allen "Einsicht" vorhanden. "Es geht um was", daher würde man im Falle von Zusammenrottungen oder gar Freiluftpartys entschieden einschreiten.

Der Bürgermeister der Stadt appellierte an die Vernunft, die neue Situation müsse sich einspielen, sagte Roland Grillmeier (CSU). Er selbst arbeitet weitgehend im Home-Office, auch im Rathaus habe es einen Corona-Fall gegeben, seitdem stünden 20 Mitarbeiter unter Quarantäne. "Wir müssen es akzeptieren. Wir versuchen zusammenzuhalten." Beispiel dafür: Sichergestellt ist jetzt die Versorgung bedürftiger Bürger, wie Nicole Fürst von der Mitterteicher Tafel berichtet.

Am Mittwoch lief die reguläre Verteilung der Lebensmittel zum vorerst letzten Mal, es gab nur Komplettpakete, die durchs Fenster gereicht wurden. Künftig werde das BRK die Verteilung mit übernehmen. "Wir haben Kunden, die keine Hamsterkäufe machen - weil sie es finanziell gar nicht könnten", so Fürst. Die Hilfsbereitschaft sei "ein schönes Zeichen in der ganzen Krise, ich bin erleichtert". Fürst, die in einem Nachbarort lebt, merkt, wie dort allmählich das öffentliche Leben heruntergefahren werde. "Das ist sinnvoll, es gibt leider viele unvernünftige Leute."

Beim Thema Unvernunft fällt aber immer wieder ein Wort in Mitterteich, ob in Läden oder im Netz: Starkbieranstich. Am 7. März stieg das Fest in der Mehrzweckhalle, "Süffikus" wurde kredenzt, der Bürgermeister benötigte beim Fassanstich drei Schläge. Wie der Neuer Tag damals notierte, spielte die Blaskapelle "schmissige bayerische und böhmische Musik", weniger Gäste als sonst waren es aber, die mittlere Generation fehlte. Konnte sich so das Virus stark ausbreiten?

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Ein Starkbierfest sei vermutlich verantwortlich, sagte auch Ministerpräsident Markus Söder am Donnerstag und erinnerte an die Debatte zur Absage des Münchner Nockherbergs. Spekulationen um das Fest will Bürgermeister Grillmeier nicht befeuern. Er kenne die Hälfte der Corona-Patienten aus Mitterteich, sagte er der Deutschen Presseagentur, seines Wissens habe keiner davon das Fest besucht. Ein Krisenstab versuche nun, die Infektionsketten nachzuvollziehen. Eine Absage des Fests sei diskutiert worden, die Entscheidung aber anders gefallen. "Vielleicht hätte man es verbieten sollen."

Auf Facebook streiten Einheimische derweil darüber: Die einen rügen die "Spaßgesellschaft", andere erklären, dass es vor zwölf Tagen keine Verbote gab und keinen Corona-Fall im Ort. Und dass es nicht immer Schuldige brauche - man solle "jetzt nicht auf dem Starkbierfest rumreiten, sondern zusammenstehen".

© SZ vom 20.03.2020/amm
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