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Zweite Corona-Welle:Ärzte zwischen Angst und Hoffnung

Corona-Test

Für flächendeckende Corona-Tests fehlen noch die Kapazitäten.

(Foto: dpa)

Im Kampf gegen Corona bindet Bayern jetzt verstärkt Mediziner ein - manche fühlen sich dennoch im Stich gelassen.

Von Dietrich Mittler

Falls es zu einer zweiten Corona-Welle kommt, dann will Bayern dafür gewappnet sein. Zumindest aber wollen die Ärzteschaft, die Kommunen und die Staatsregierung eine "nachhaltige Corona-Strategie" zur Hand haben, wie es seitens der Bayerischen Landesärztekammer heißt. Und zwar auch dann, wenn die Zahl der Infizierten im Herbst nicht so dramatisch ansteigen sollte, wie es einige Virologen befürchten. "Die relevanten Gruppen, so etwa die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns (KVB) und der Bayerische Hausärzteverband, sitzen da bereits mit Vertretern der Staatsregierung an einem Tisch zusammen", teilte eine Sprecherin der Landesärztekammer auf Nachfrage mit.

Eines will etwa KVB-Chef Wolfgang Krombholz auf gar keinen Fall noch einmal erleben: "Die Entwicklung sollte uns alle nicht so überrollen, wie es zu Beginn der Corona-Pandemie der Fall war", sagte er am Montag. Bisheriges Ergebnis der Gespräche sei, dass die niedergelassenen Ärzte bei der Corona-Bekämpfung "eine größere Rolle" spielen sollen. Was aber nach dem Ende der Sommerferien auf diese dann an Arbeit zurollt, bereitet auch Krombholz Kopfzerbrechen. "Angesichts der Urlaubsrückkehrer wird die Zahl der Testungen so hoch sein, dass das allein für die Praxen nicht schulterbar ist." Ohne kommunal und staatlich finanzierte Teststrecken werde das nicht zu leisten sein.

Etliche Mediziner im Freistaat - darunter auch Kinder- und Jugendärzte - quält diese Sorge bereits seit Wochen. Der kostenlose Abstrich für jeden, den die Staatsregierung seit Anfang dieses Monats ermöglicht, bringe viele Praxen an die Grenze des Machbaren. In einem offenen Brief an die Staatsregierung sowie an Gesundheitspolitiker des Landtags haben mittlerweile Ärztinnen und Ärzten aus ganz Bayern ihren Ärger, ihre Sorge und ihre Frustration zum Ausdruck gebracht. "Wir werden von Ihnen und den verantwortlichen Akteuren im Stich gelassen und in unserer Arbeit sogar zusätzlich behindert", heißt es da. Die Praxen der Hausärzte sowie der Kinder- und Jugendheilkunde dürften "nicht zum Ort der Virusverbreitung werden", sonst drohe "ein Kollaps des Gesundheitssystems", geht aus dem Schreiben hervor, das in der ersten Juliwoche an die Politik herausging.

Hauptsorge der mehr als 30 Unterzeichner ist, dass sich ihre Erfahrungen aus den ersten Wochen der Corona-Krise bald wiederholen könnten - sprich, dass erneut die Ressourcen an Schutzkleidung knapp werden: "Bei einer eventuellen zweiten Welle im Herbst besteht die Gefahr, wieder blank dazustehen." Dann nämlich müssten Praxen geschlossen werden. Oder aber, noch schlimmer: Ärztinnen und Ärzte würden "einem unkalkulierbaren Risiko ausgesetzt". In jedem Fall jedoch, so glaubt zum Beispiel der Ottobrunner Hausarzt Klaus-Detlev Jost, werden die Praxen im Herbst überrannt, wenn die jahreszeitlich bedingten Infekte zu Covid-19 hinzukommen. "Auch wenn es keine neue Corona-Welle geben wird", sagt Jost, "werden alle Patienten mit Erkältungskrankheiten befürchten, an Covid-19 erkrankt zu sein."

Doch bis zum Ende der Ferien, so meinen einige, wird man gar nicht mehr warten müssen: "Vermehrt fragen Urlaubsrückkehrer nach einem kostenlosen Abstrich nach, damit sie nicht in Quarantäne gehen müssen, beziehungsweise das negative Ergebnis ihrem Arbeitgeber vorlegen können", sagt Gerald Quitterer, der Präsident der Bayerischen Landesärztekammer, der nach wie vor im niederbayerischen Eggenfelden als Hausarzt tätig ist.

Der Bayerische Hausärzteverband ist trotz allem froh, dass die Staatsregierung die Erfahrung der Ärzteschaft jetzt doch verstärkt einbindet. "Das Abflachen der ersten Pandemie-Welle in Deutschland muss jetzt genutzt werden, um Fehler und Missstände abzustellen und eine nachhaltige Corona-Strategie für eine mögliche zweite Welle im Herbst oder Winter zu entwickeln", ist sich Verbandschef Markus Beier sicher. Er geht davon aus, dass die Corona-Pandemie die gesundheitliche Versorgung noch Monate oder gar Jahre vor große Herausforderungen stellen wird. Bereits im September werde der Bedarf an Testungen und Infektsprechstunden wieder deutlich steigen - "und in einer durchschnittlichen Hausarztpraxis zu bis zu 100 Corona-Abstrichen pro Woche führen".

Doch nicht nur Ärzte zerbrechen sich augenblicklich den Kopf, wie es mit den Corona-Tests weitergeht. Ruth Waldmann, die gesundheitspolitische Sprecherin der Landtags-SPD, spricht von besorgten Bürgermeistern aus Landgemeinden, die bei ihr anrufen. "In Bayern gibt es nach wie vor Landstriche, in denen die Ärzteversorgung auch ohne Corona schwierig genug ist", sagt sie.

© SZ vom 28.07.2020/vewo

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