bedeckt München 31°

Coronavirus in Bayern:Kabinett diskutiert Konzepte für Schulen

Rückkehr der Grundschüler in München nach der Corona-Zwangspause, 2020

Seit einer Woche dürfen alle Kinder nach der Corona-bedingten Schulschließung wieder in die Schulen zurück - allerdings in kleinen Gruppen und unter strikten Hygienevorschriften. Die andere Hälfte lernt daheim, dann wird gewechselt.

(Foto: Stephan Rumpf)

Eltern und Lehrer sind sich einig: Die Corona-Einschränkungen dürfen kein Dauerzustand werden. Doch ob der Regelbetrieb nach den Ferien wieder aufgenommen werden kann, ist unsicher.

Von Anna Günther

Wer in diesen Tagen mit Schulleitern spricht, vernimmt raschen Wechsel von tapferem Optimismus zu banger Ratlosigkeit: An vielen Schulen hat sich der Corona-Rhythmus einigermaßen eingespielt. Seit einer Woche dürfen alle Kinder wieder in die Schulen gehen, in kleinen Gruppen und unter strikten Hygienevorschriften. Die andere Hälfte lernt daheim, dann wird gewechselt. Das scheint oft zu klappen, man hört von Kindern, die Stoff aufsaugen und sich freuen, ihre Lehrer zu sehen. Geht es dagegen ums neue Schuljahr, kippt die Stimmung. Eltern und Lehrer sind sich einig: Die Corona-Einschränkungen dürfen kein Dauerzustand werden. Sie fordern wieder einmal Ansagen aus dem Kultusministerium dazu, wie es weitergehen soll und wie Kinder gefördert werden sollen, bei denen in der Zeit der Schulschließungen Lücken entstanden sind.

Die Wünsche sind dabei so vielfältig wie die Gruppen: Viele Eltern fordern die Rückkehr zur Normalität, um wieder arbeiten zu können. Viele Lehrer fürchten genau dies aus Angst vor Infektionen. Und in beiden Gruppen gibt es einige, die das jeweilige Gegenteil wollen. Nur Klarheit wollen alle, und zwar rasch. Befeuert wird dieser Wunsch vom Beschluss der Kultusministerkonferenz (KMK), nach den Sommerferien einen Regelbetrieb ohne Abstand auszuprobieren. Ein Konzept gibt es noch nicht, und faktisch entscheiden ohnehin die Bundesländer, wann das Infektionsgeschehen einen Regelbetrieb zulässt und wie dieser aussehen soll.

Erste Orientierung für Bayern könnte es dazu nun an diesem Dienstag geben. Denn das Kabinett soll über mögliche Szenarien für den Schulbetrieb nach den Sommerferien und über Förderkonzepte für Kinder mit coronabedingtem Nachholbedarf diskutieren. Zuletzt wurden in Berlin gefasste Beschlüsse stets nachbesprochen und dann ein meist vorsichtigerer Weg festgelegt. Sicher ist, dass eineinhalb Meter Abstand bei einem Regelbetrieb mit allen Kindern nicht umsetzbar sind. So viel Platz hat kaum eine bayerische Schule, umso wichtiger ist ein neues Hygienekonzept für den Vollbetrieb. Momentan steht der Mindestabstand im Zentrum, Masken müssen Schüler nur auf den Gängen oder den Toiletten tragen.

Mindestens so dringlich erwarten viele Lehrer ein Konzept zur gezielten Förderung. Ministerpräsident Markus Söder (CSU) und Kultusminister Michael Piazolo (FW) hatten wiederholt betont, dass kein Kind aufgrund von Corona Nachteile haben soll. Auf konkrete Vorgaben oder Budgets für zusätzliche Förderstunden warten die Schulen aber noch immer.

Solange keine Fakten bekannt sind, wabern die Gerüchte. Von Maskenzwang für alle Kinder im Unterricht ist die Rede, von der Corona-App im Schulhaus oder Testphasen im Vollbetrieb vor den Sommerferien, um mal zu schauen, was passiert. An Spekulationen will Heinz-Peter Meidinger sich nicht beteiligen, aber auch der Präsident des Deutschen Lehrerverbands fürchtet, dass Schulen ohne neues Hygienekonzept rasch wieder geschlossen werden müssten wie zuletzt in Israel. Ohne die strikte Isolierung von Klassen, Lüftungskonzepte und regelmäßige Reihentestungen werde Regelbetrieb kaum gehen, sagt Meidinger, der ein Deggendorfer Gymnasium leitet.

Damit die Schulen besser für eine neue Welle gerüstet sind, müssten zudem vielerorts die Technik, Internetgeschwindigkeit und Sanitäranlagen nachgerüstet werden. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft verlangt Betriebsärzte für jede Schule. Philologenchef Michael Schwägerl plädiert für Leihgeräte für Schüler sowie Dienstgeräte für Lehrer und dazu Wissenstests, um Kinder gezielt fördern zu können. Dafür fordert Schwägerl zusätzliches Personal. Denn schon jetzt müssen an manchen Schulen Studenten Unterricht halten, weil Lehrer in Risikogruppen von daheim aus arbeiten. Bisher nutzen drei Prozent der Grund-, Mittel- und Förderschullehrer diese Möglichkeit. Viele Schulleiter fürchten aber, dass es mehr werden: Sie berichten von Kollegen, die daheim bleiben dürften, aber ihre Schüler nicht allein lassen wollen - und von deren Angst vor dem Herbst, falls dann kein Abstand mehr gilt.

© SZ vom 23.06.2020/kafe

Bildung
:Schüler unter dem Radar

Die Leiter von Grund-, Mittel- und Förderschulen beklagen den Fokus der Staatsregierung auf Gymnasien und Realschulen in Corona-Zeiten. Sie sorgen sich um die Kinder, die es ohnehin schwer haben.

Von Anna Günther

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite