Coronavirus in Bayern:Der Segen des Föderalismus

Bayern muss bei den Corona-Richtlinien einen vorsichtigeren Weg gehen als andere Länder. Bisher bewältigt die Staatsregierung die Krise gut - doch die vielleicht schwierigste Aufgabe steht jetzt an.

Kommentar von Sebastian Beck

Bayerischer Sonderweg - das klingt wieder mal danach, als ob die da unten rechts auf der deutschen Landkarte alles anders machen. Tatsächlich können die Bayern in diesen Wochen froh darüber sein, dass es erstens den Föderalismus gibt und zweitens ihr Ministerpräsident nicht Armin Laschet heißt. Das Krisenmanagement der Staatsregierung war bisher erstaunlich konsequent und für die meisten Menschen nachvollziehbar, was man von Nordrhein-Westfalen und seinem Ministerpräsidenten nicht behaupten kann: Laschet schwankte zwischen harter Linie und Locker-Kurs, was in diesen Tagen die Bürger allenfalls dazu verleitet, ihre eigenen Corona-Richtlinien festzulegen, wenn sich der Staat schon so schwer damit tut.

Dass Bayern hier einen eigenen, vorsichtigeren Weg geht muss, zeigt der Blick nach Tirschenreuth: Von den 70 000 Einwohnern des Landkreises sind inzwischen mehr als 1000 trotz zwischenzeitlicher Ausgangssperre mit dem Virus infiziert, die Dunkelziffer nicht eingerechnet; 81 Menschen sind daran gestorben. Mutmaßlich hat ein einziges Starkbierfest als Virus-Börse ausgereicht, um Wochen später die Krankenhäuser in der Region bis zum Anschlag auszulasten.

Insofern ist es nur ein Gebot der Vernunft, dass Bayern mit inzwischen 35 523 bestätigten Infektionen Vorsicht walten lässt: Die Geschäfte sperren hier etwas später auf als in anderen Bundesländern, und auch die Schulen bleiben länger geschlossen. Ja, das sind Zumutungen, aber zwei Wochen auf der Intensivstation sind eine noch viel größere Zumutung für sich selbst und andere.

Der Maßnahmenkatalog macht auch deutlich, dass ein schrittweises Zurücktasten ins öffentliche Leben wesentlich komplizierter als das Zusperren ist. Denn etliche gesellschaftliche Gruppen fühlen sich nun übergangen, vergessen oder benachteiligt, und durchaus zu Recht. Das pauschale Verbot von Gottesdiensten etwa erscheint nicht einleuchtend. Gerade in den ohnehin zu großen Kirchen können Abstandsregeln vergleichsweise leicht eingehalten werden. Die Staatsregierung steht deshalb jetzt vor der vielleicht schwierigsten Aufgabe: Sie wird in den nächsten Monaten von Fall zu Fall entscheiden müssen, wie sie Abstandsregelungen und Verbote handhabt. Wenn ihr das weiter so gut gelingt wie bisher und sie auch den Landtag noch stärker einbindet, würde das nicht nur der Gesundheit aller dienen, sondern obendrein das Vertrauen in Demokratie und Föderalismus stärken.

© SZ vom 17.04.2020/fema
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