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Coronavirus:Wie Pflegekräfte wegen der Pandemie in einen Gewissenskonflikt geraten

Coronavirus - Heinsberg

Für Pflege- und Altenheime gilt ein strenges Besuchsverbot.

(Foto: dpa)

Die Angestellten wollen Patienten bestmöglich versorgen, aber gleichzeitig die eigenen Angehörigen nicht gefährden. Fehlende Schutzkleidung erschwert das mancherorts.

Bayerns Krankenhäuser bereiten sich angesichts der rasant steigenden Zahl an Coronavirus-Infektionen auf einen medizinischen Ausnahmezustand vor. Seit Tagen hat Siegfried Hasenbein, der Geschäftsführer der Bayerischen Krankenhausgesellschaft (BKG), deshalb kaum mehr einen ruhigen Augenblick gehabt.

"Für den befürchteten Ansturm von Patienten, die in den kommenden Tagen und Wochen stationär und vielleicht sogar intensivmedizinisch behandelt werden müssen, bauen die Häuser nun ihre Kapazitäten aus", sagt der BKG-Chef. Verläuft die durch das Coronavirus Sars-Cov-2 ausgelöste Krankheit besonders schwer, geht es um Leben und Tod. Die Erfahrungen in Italien zeigen, dass auf Intensivstationen genügend Betten frei sein müssen. "Von diesem Montag an werden alle planbaren Operationen, soweit medizinisch vertretbar, verschoben - um Kapazitäten freizuhalten", sagt Hasenbein.

"Die Krankenhäuser werden speziell auf die Corona-Herausforderung ausgerichtet", hatte Ministerpräsident Markus Söder (CSU) am Montagmorgen mitgeteilt. Die Vorbereitungen dazu sind bereits in vollem Gange. Da womöglich die vorhandenen Intensiv-Behandlungsplätze nicht ausreichen, wird im Augenblick bei der Industrie medizinisch-technische Ausrüstung - insbesondere Beatmungsgeräte - nachgeordert. Von Seiten des Bundes sowie der Staatsregierung gebe es "die klare Ansage, die notwendigen Finanzmittel bereitzustellen", sagt Hasenbein. Unterstützung sollen die Krankenhäuser auch dafür erhalten, dass sie nun planbare Operationen absagen und so finanzielle Einbußen haben.

Ministerpräsident Söder kündigte weitere Maßnahmen an: Arztpraxen und Rehakliniken sollen sich für einen rasanten Anstieg von Infektionsfällen rüsten, Universitätskliniken müssen ihre Kapazitäten von der Forschung auf die Versorgung von Corona-Patienten umstellen. Damit nicht genug. Angesichts der Krise werden in Bayern verstärkt Medizinstudenten für die Gesundheitsversorgung angestellt, ebenso Ärzte im Ruhestand oder in Elternzeit.

"So sehr wir im Alltag oft Kritik an der Gesundheitspolitik anbringen, so sehr ist anzuerkennen, wie schnell jetzt klare Ansagen kommen", sagt Hasenbein. Unzufriedenheit macht sich aber in der Pflege-Szene breit. Joachim Görtz, der die bayerische Landesgeschäftsstelle des Bundesverbands privater Anbieter sozialer Dienste leitet, erhebt schwere Vorwürfe gegen die Staatsregierung. Dass in Bayern nicht alle Pflegekräfte ihre Kinder in ihre Tagesstätte bringen dürften, sei unhaltbar.

"Wenn nur alleinerziehende Pflegekräfte und Paare, die beide in der Pflege tätig sind, ihre Kinder in die Kita bringen können, ist das fahrlässig", sagt Görtz. Die Gefahr sei groß, dass viele jetzt die Möglichkeit der elektronischen Krankschreibung nutzen. "Dieser innere Konflikt - versorge ich den Patienten oder versorge ich mein Kind - ist eindeutig da", sagt Görtz.

Manuela Maria Müller, Lehrerin für Pflegeberufe im Raum Augsburg, kann das nur bestätigen: "Viele angehende Pflegekräfte haben nun ein komisches Gefühl, weil sie Kinder oder auch ältere Verwandte haben, die sie schützen wollen", sagt sie. Die Unsicherheit sei groß. Das liege auch daran, dass in einigen Pflege-Einrichtungen die Ausstattung mit Schutzkleidung "äußerst dürftig" sei. "Schülerinnen und Schüler, mit denen ich gesprochen habe, hatten weniger die Angst, sich anzustecken. Vielmehr treibt sie um, dass sie bereits infiziert sein könnten und den Erreger nun auf Pflegebedürftige übertragen", sagt Müller.

Natürlich aber haben auch etliche Pflegekräfte - vor allem jene, die in der ambulanten Pflege tätig sind - Angst, sich zu infizieren. "Wir wissen ja nicht, was hinter der Haustür auf uns wartet", sagt Geschäftsführerin Gudrun Jansen stellvertretend für die Pflegekräfte der Caritas-Sozialstation Augsburg-Hochzoll, Friedberg und Umgebung. "Auch wenn das noch nicht angeordnet ist, tragen wir beim Patientenkontakt alle Schutzkleidung", sagt Ulrike Hopfes, die Pflegedienstleitung der Sozialstation.

Noch reicht der Vorrat, Hopfes ist zuversichtlich - und damit laut Joachim Görtz wohl eher die Ausnahme in Bayerns ambulanter Pflege mit ihren rund 55 000 Pflegekräften. "Die Schutzausrüstungen gehen vielerorts bald zur Neige - insbesondere in der Intensivpflege, und der Freistaat geht bei diesem Thema absolut in Deckung", sagt er. Schlimmstenfalls müsse man Patienten an die Krankenhäuser abgeben - schlicht, weil die Schutzausrüstung fehle. Ein Sprecher des Gesundheitsministeriums erklärte dazu: "Wir nehmen dieses Thema sehr ernst und arbeiten an einer möglichst raschen Lösung."

Doch wie steht es derzeit um die Akzeptanz der Sicherheitsvorkehrungen, die die Staatsregierung erlassen hat - etwa das Besuchsverbot für Pflegeheime. "Es ist furchtbar", sagt Stefan Pootemans. Zum Telefonieren hat sich der Geschäftsführer des Johannesheims im schwäbischen Markt Meitingen in den Garten der Einrichtung zurückgezogen. Von dort aus sieht er in diesem Augenblick eine Besucherin, die auf die Eingangstür des Heims zueilt - ohne die Schilder zu beachten, die Pootemans aufstellen ließ.

"Zum Schutz unserer Bewohner vor dem Coronavirus habe ich für das Heim ein Betretungsverbot ausgesprochen", sagt er. Um diesem Verbot Nachdruck zu verleihen, hat er auf den Schildern gleich auch die Anordnung der Staatsregierung hinzugefügt, die ein Besuchsverbot für Pflege- und Altenheime vorsieht - inklusive der Androhung von bis zu 25 000 Euro Strafe, falls das Verbot missachtet wird. "Aber wie man sieht, die Besucherin geht da einfach dran vorbei", sagt Pootemans.

Die meisten Heimbewohner hätten aber Verständnis für das Besuchsverbot. Nur einige wenige könnten das nicht mehr begreifen. "Die rufen nach ihren Angehörigen, die nun aber nicht kommen können", sagt der Chef des Johannesheims. Das ist längst nicht das einzige Problem, vor das die Corona-Pandemie Pootemans nun stellt. Was tun, um genug Personalressourcen zu haben, falls Pflegekräfte infiziert werden? Pootemans hat seit Montag die Personalstärken seiner Pflegeteams reduziert. "Damit wir im Notfall noch Leute haben, die reinkommen können."

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© SZ vom 17.03.2020/flud
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