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Maibäume:Mit dem Kran statt mit Muskelkraft

1. Mai - Maibaumaufstellung in Bayern

In einigen Gemeinden rückte ersatzweise ein Kran an, zum Beispiel in Oberwössen.

(Foto: dpa)

Nach altem Brauch wären am 1. Mai in Bayern Maibäume aufgestellt worden. Die Tradition soll die Gemeinschaft stärken. Doch in diesem Jahr ist alles anders.

Der Mai ist der wunderbarste Monat im Jahreslauf, jedenfalls behaupten das viele, die das Leben an sich sowie die aufblühende Natur zu schätzen wissen. Der Mai "ist ein Kuss, den der Himmel gibt der Erde", schwärmte der Barockdichter Friedrich von Logau (1604-55) deshalb mit einiger Berechtigung. Leider verfinstert die Corona-Krise gerade alle Frühlingsgefühle. Auf den meisten Dorfplätzen in Bayern herrschte am 1. Mai statt dem landesüblichen Trubel gähnende Leere. Nach altem Brauch wären Maibäume aufgestellt worden, doch in diesem Jahr fiel diese Sitte den Ausgangsbeschränkungen zum Opfer. Feste mit Zuschauern, Blasmusik und Volkstanz sind wegen Corona untersagt.

Obwohl die Tradition schon Jahrhunderte zurückreicht, haben viele Gemeinden diesmal auf das Aufstellen eines Maibaums verzichtet. "Die Zeit steht nicht dafür, die Umstände passen nicht", sagt auch Michael Ritter, der Brauchtumsexperte des Landesvereins für Heimatpflege. Es ist ja so: Wer einen Maibaum traditionsgerecht mit Muskelkraft aufstellen will, braucht dazu viele Helfer. Normalerweise liegt der Baumstamm zum Hochwuchten auf gekreuzten "Scherstangen", mit denen die Beteiligten ihn Schulter an Schulter nach oben schieben. Es gehe bei dem Brauch darum, gemeinsam etwas zu erreichen, wozu einer allein nicht in der Lage ist, erklärt Ritter. Die Gemeinschaft soll dadurch gestärkt werden. In Zeiten von Abstandsregeln und Ansteckungsrisiko ist eine solche Nähe aber keine Option.

In einigen Gemeinden rückte ersatzweise ein Kran an, zum Beispiel in Oberwössen und Unterwössen (Landkreis Traunstein), wo der Brauch am 1. Mai ohne Publikum und ohne Maifeier vollzogen wurde. Auf dem Marktplatz im oberpfälzischen Cham wurde der Stamm bereits am Donnerstag mit technischer Hilfe aufgerichtet. "Wir wollen einen kleinen Hauch Normalität versprühen", ließ das Rathaus verlauten. Das Aufstellen wurde nicht angekündigt, um kein Publikum anzulocken. Im niederbayerischen Plattling richtete der Bauhof den Maibaum ebenfalls schon am Donnerstag auf, und zwar um 5.30 Uhr in der Früh, damit niemand in Versuchung kam, sich dem Rathausplatz zu nähern.

Ähnlich ging man in Deggendorf vor, wo sich der Bauhof eine halbe Stunde länger Zeit ließ und erst um 6 Uhr morgens auf dem menschenleeren Stadtplatz zur Tat schritt, damit sich die Deggendorfer über ein kleines Stück Normalität freuen können, wie diese Maßnahme offiziell begründet wurde. Nur in Bad Kötzting musste man sich nicht neu orientieren, dort wird der mit schmiedeeisernem Zierrat versehene Maibaum seit jeher ohne Zuschauer aufgestellt. Aus Sicherheitsgründen.

Anders argumentierte dagegen der Weißenburger Oberbürgermeister Jürgen Schröppel, der im Bayerischen Rundfunk erklärte, in einer Nacht- und Nebelaktion einen Maibaum aufzustellen, "das halte ich eigentlich für unwürdig." Wenn die Münchner auf ihr Oktoberfest verzichten müssen, das sei schon eine andere Dimension, "als wenn hier heuer mal kein Maibaum steht."

Dass das Brauchtum durch die Absage Schaden nehmen könne, glaubt Brauchtumsforscher Michael Ritter nicht. Im Gegenteil, findet er. "Wir erkennen jetzt, wie elementar wichtig das Brauchtum auch für eine verwöhnte Gesellschaft ist." Im Grunde genommen werde doch im Überfluss von Events und Dauerbespaßung vieles gar nicht mehr wahrgenommen. Der Glaube an unsere Unverwundbarkeit durch den Fortschritt von Technik, Wissen und Medizin sei durch die Krise erschüttert worden, sagt Ritter.

Er kann sich aber durchaus vorstellen, das Maibaumaufstellen zeitlich zu verschieben: "Warum denn nicht im Juli?", fragt er. Der 1. Mai sei zwar als Termin etabliert, aber das, was man damit ausdrücken will, müsse nicht zwangsläufig an dem Datum geschehen. Tatsächlich sind auch die Rosenmontagsumzüge in Mainz und in Düsseldorf nach Sturmabsagen schon mehrmals im Mai nachgeholt worden. "Wir sind doch in der Lage, damit flexibel umzugehen", betont Ritter.

Wie nötig gerade jetzt eine gewisse Flexibilität ist, zeigte sich bereits im Vorfeld des 1. Mai. Zum Brauch gehört der Maibaum-Diebstahl ebenso dazu wie das Bewachen des Baums, bei dem die Wachhabenden normalerweise engen Körperkontakt halten. Einer dpa-Meldung ist zu entnehmen, dass sich in Holzhausen (Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen) möglicherweise beim Wacheschieben mehrere junge Leute mit dem Coronavirus angesteckt haben; alle sind aber wieder gesund.

Früher ging es manchmal noch schlimmer her; das Brauchtum hat, bei aller Klarheit des Maienmonats, auch dunkle Seiten. Manchmal ist das Maibaumstehlen sogar in Kriegshändel ausgeartet. Die Burschen aus Surberg und Lauter im Traunsteiner Land haben 1912 bei einem Maitanz so gerauft, dass laut Chronik selbst die folgenden Ereignisse der Weltgeschichte die Erinnerung daran nicht in Vergessenheit geraten ließen. Wenn Surberger und Lauterer sich auf Frankreichs Schlachtfeldern trafen, schlugen sie nicht dem Feind, sondern sich selber die Schädel ein. Es dauerte Jahre, bis sich die Sache wieder einrenkte.

© SZ vom 02.05.2020/amm
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