Süddeutsche Zeitung

Coronavirus:Bayerns Kliniken warten auf den Ansturm

Die Krankenhäuser rüsten sich für die Aufnahme von Patienten. Die Zahl der Intensivbetten und Fachkräfte ist allerdings begrenzt.

Wie gut die Vorbereitungen tatsächlich waren und wie gut sie überhaupt sein konnten, das werde sich erst zeigen, sagt Michael Kelbel. Denn welches Ausmaß die weltweite Corona-Pandemie hierzulande annehmen wird, ist kaum abzusehen. Im Krankenhaus Agatharied südlich von Miesbach, dessen Geschäfte Kelbel führt, war Ende der Woche neben einzelnen, später unbestätigten Verdachtsfällen beispielsweise erst ein bestätigter Corona-Patient in stationärer Behandlung.

Dass es dabei bleiben wird, glaubt inzwischen aber auch jenseits von Miesbach niemand mehr. Das aktuelle Szenario der Staatsregierung ist drastisch. Die Wahrscheinlichkeit sei groß, dass bald alle oder zumindest sehr viel mehr Intensivbetten als jetzt für Corona-Patienten gebraucht würden, sagte Ministerpräsident Markus Söder (CSU) am Freitag. Denn in wirklich schweren Fällen ist den Erkrankten ohne künstliche Beatmung kaum zu helfen.

Um möglichst viele der nach offiziellen Angaben insgesamt 4000 Intensiv- und Notfallbetten in Bayern für weitere Corona-Patienten frei zu bekommen, sollen die Krankenhäuser im Freistaat nun alle Operationen, die medizinisch nicht unbedingt und sofort notwendig sind, verschieben. Speziell in Kliniken mit bekannten Corona-Fällen haben das zuletzt schon viele auf ihren OP-Termin wartende Patienten von sich aus getan. Die bayerischen Universitätskliniken sollen ihre Forschungsaktivitäten nach dem Willen der Staatsregierung zunächst hintanstellen und sich vorrangig der Versorgung der Patienten zuwenden. So will die Staatsregierung Zustände wie in Italien vermeiden, wo längst viel zu viele Menschen erkrankt sind, als dass sie alle angemessen behandelt und untergebracht werden könnten.

Anders als dort herrschen in Bayern noch keine dramatische Knappheit an Medikamenten für Beatmungspatienten - und auch keine Nachschubprobleme bei der Schutzausrüstung, welche der Bund nun zentral für alle Länder beschaffen soll. Gleichwohl haben viele Kliniken ihre ohnehin begrenzten Vorräte inzwischen weggesperrt, um Diebstähle zu erschweren. Michael Ebenhoch, Infektiologe und Leiter der Abteilung für Hygiene am Unfallklinikum Murnau, widerspricht ferner Gerüchten, dass am Krankenhaus Desinfektionsmittel knapp würden.

Wie derzeit alle Kliniken setze man sich aber "mit etwaigen Nachschubproblemen" auseinander. Als präventive Maßnahme habe man beschlossen, "alle Händedesinfektionsmittel in nicht patientennahen Bereichen wie der Verwaltung" zu reduzieren. In der Notaufnahme habe man Vorkehrungen getroffen, um auch Unfallpatienten aus Risikogebieten versorgen zu können. Noch entspreche die Lage in Murnau aber "dem normalen Infektionsaufkommen im Winter".

Wer nicht selbst Patient ist oder in Kliniken arbeitet, muss sich ab sofort von ihnen fernhalten, um das Infektionsrisiko für alle so gering wie möglich zu halten. So sind Patientenbesuche laut Bayerns Gesundheitsministerin Melanie Huml nur noch sehr eingeschränkt und in ganz bestimmten Ausnahmefällen erlaubt, etwa bei kleinen Kindern oder zum Abschied bei Sterbenden.

Im Landkreis Miesbach können Ärzte Patienten zum Corona-Test in ein Zelt vor dem Gesundheitsamt schicken

Die Kliniken haben aber nicht nur mit echten Patienten und deren Angehörigen alle Hände voll zu tun, sondern auch mit vielen anderen verunsicherten und ratsuchenden Menschen. Allein das Krankenhaus Agatharied sah sich laut Geschäftsführer Kelbel in den vergangenen Tagen mit Hunderten Anrufen konfrontiert und hat zur Entlastung der Rezeption und der Ärzte in der Notaufnahme eine interne Telefonhotline eingerichtet.

Dabei hätte keiner der Anrufer gemäß den Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts (RKI) überhaupt bei einem Krankenhaus landen dürfen: Corona-Verdachtsfälle sollen demnach zunächst ambulant getestet und behandelt werden. Wer die zentrale Telefonnummer 116 117 der Kassenärztlichen Vereinigung angerufen hat, kam aber nur in den seltensten Fällen wirklich durch. Und wer es doch geschafft hatte, wurde zumindest nach Kelbels Einschätzung entgegen den RKI-Empfehlungen oftmals doch nur an die Krankenhäuser oder an die Gesundheitsämter verwiesen.

Im Landkreis Miesbach haben die örtlichen Hausärzte und das Gesundheitsamt darum inzwischen eine eigene Lösung geschaffen: Alle Ärzte können Patienten zum Corona-Test in ein vor dem Gesundheitsamt aufgestelltes Zelt schicken. Hätte man sich rein auf die formalen Zuständigkeiten verlassen, wäre, so sieht Kelbel das, längst "das Chaos ausgebrochen".

Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) betonte zwar am Freitag, dass inzwischen bei der Kassenärztlichen Vereinigung für die 116 117-Hotline mehr Personal bereitstehe. Doch der zentrale Mangel im gesamten Gesundheitssystem, nämlich der an Pflegekräften, lässt sich nicht so schnell beheben. Rund 12 000 Pflegekräfte fehlen in bayerischen Kliniken. Und so manche Vorschrift, die dieser Not eigentlich entgegenwirken soll, führt stattdessen genau zum Gegenteil: Laut einer Studie haben 37 Prozent aller deutschen Kliniken die Zahl ihrer Intensivbetten schon einmal zeitweise heruntergefahren, um Strafzahlungen wegen unerfüllter Personalschlüssel zu umgehen.

Lisa Berger ist Krankenschwester und arbeitet seit zehn Jahren auf einer solchen Intensivstation in Franken. Wo genau, das kann sie nicht sagen, auch nicht ihren richtigen Namen. Für den Fall, dass jemand nach Corona fragt, habe ihnen die Klinikleitung "einen Maulkorb" erteilt. Berger aber will trotzdem erzählen, und zwar von den Intensivbetten. 28 000 davon gebe es in Deutschland, heiße es immer, wenn es um das Coronavirus ginge. "Aber das stimmt nicht", sagt Lisa Berger. Schließlich müssten die Corona-Patienten isoliert werden.

Große Kliniken können auf die steigenden Patientenzahlen besser reagieren

Bei Berger haben sie mehr als 20 Intensivbetten auf der Station, aber nur vier davon sind Isolierboxen. Das sind abgeschottete Zimmer, in denen es eine spezielle Lüftung gibt und eine Schleuse, in der man sich umziehen kann. Da müssten die Corona-Patienten eigentlich rein. Vier Boxen aber sind schnell voll. Außerdem sei die Station jetzt auch schon gut ausgelastet. "Es gibt trotz Corona nicht weniger Patienten, die eine Hirnblutung haben, einen Schlaganfall oder einen Tumor im Kopf", sagt Berger.

Die Intensivbetten, die sie haben, seien fast immer belegt. Und vier davon müssten sie eh meist sperren, denn "wir sind zu wenig Personal", sagt Berger und lässt eine Kunstpause. Ja, jetzt schon. Und dann zitiert sie einen Professor der Berliner Charité, wie es mit Corona werden soll. 70 bis 90 Prozent aller Pflegekräfte werden in den nächsten zwei Jahren mit Corona infiziert. Das habe er gesagt. "Also praktisch alle", sagt Berger. Wenn in größerer Zahl Pflegekräfte und Mediziner nicht mehr arbeiten könnten, weil sie selbst infiziert sind, dann wird die Lage auch aus Sicht des Miesbacher Klinik-Geschäftsführers Kelbel "spannend".

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Der bayerische Influenzapandemieplan schlägt den Kliniken vor, Mediziner aus dem Ruhestand zu holen, um Personalsorgen zu lindern. Weitere Plätze könnten notfalls "durch die Einbeziehung anderer Stationen" oder durch die Umfunktionierung "von OP-Sälen oder Normalstationen" geschaffen werden. Generell gilt: Große Kliniken haben hier mehr Spielraum, können also auf steigende Patientenzahlen besser reagieren als ihre kleineren Pendants.

Zugleich könnte es in der aktuellen Lage hilfreich sein, dass es immer noch vergleichsweise viele kleinere, unabhängige und räumlich getrennte Krankenhäuser gibt, obwohl die Zahl der Kliniken im Land auch von der Politik seit langem als deutlich zu groß erachtet wird. Dabei sank die Zahl aller Klinikbetten in Bayern schon in den vergangenen 30 Jahren von 87 000 auf derzeit 73 000. Im gleichen Zeitraum stieg die Zahl der Patienten je 100 000 Einwohner von rund 18 800 auf 23 000.

"Problematisch ist, dass die Verfügbarkeit von Intensivtherapiebetten und Beatmungskapazitäten regional stark variiert", heißt es im Pandemieplan für die Influenza. Gleiches gilt jetzt für Corona. Zwischenzeitlich hat die Staatsregierung erwogen, ein Krankenhaus in der Nähe des Münchner Flughafens zu einer reinen Corona-Klinik zu machen. Ministerin Huml bestätigte am Freitag diese Pläne, die aber wieder verworfen worden seien.

Den Vorschlag der Gesundheitsministerin, nicht speziell dafür ausgebildete Pflegekräfte aus anderen Abteilungen in die Intensivstationen zu schicken, hält etwa Lisa Berger für schwierig bis fahrlässig, zumal das ohnehin viel zu knappe vorhandene Intensivpersonal nicht auch noch nebenbei per Schnellkurs Kollegen einarbeiten könne. Außerdem brauche es für einen Ausbau der Intensivpflege beispielsweise Überwachungsmonitore und Beatmungsgeräte, für die man schon jetzt mehrere Wochen auf Ersatz warten müsse, wenn einmal eines kaputt gehe.

Während die Staatsregierung ihre Maßnahmen ankündigte, stieg in Bayern die Zahl der Betroffenen. Dem Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit zufolge wurden bis Freitag bereits mindestens 558 Menschen positiv auf Sars-CoV-2 getestet. Eingerechnet sind die ersten 14 Infizierten, die inzwischen als kuriert gelten, sowie drei Bayern, die außerhalb des Freistaats positiv getestet wurden.

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SZ vom 14.03.2020/lfr
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