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Corona-Krise:Bauern hoffen weiter auf mehr Erntehelfer

Coronavirus - Hopfenbauern

Handarbeit: Helfer hängen Drähte an eine Hopfengarten-Anlage. Die Drähte werden gespannt, damit sich die Pflanzen hinaufranken können.

(Foto: Armin Weigel/dpa)

Vor allem die Anwerbung von Asylbewerbern erweist sich als schwierig - auch weil viele von der Arbeitsmöglichkeit in der Landwirtschaft noch nichts wissen.

Die Anwerbung von dringend benötigten Erntehelfern kommt in Bayern offensichtlich kaum voran. Stephan Reichel, der Vorstand der kirchlichen Flüchtlingshilfe Matteo, beklagte am Montag, dass Interessenten Probleme hätten, entsprechende Arbeitsgenehmigungen zu bekommen. Zudem wüssten die Bewohner in vielen Unterkünften nichts davon, weil sie von den Helfern derzeit nicht besucht werden dürfen. Auch aus dem Bayerischen Bauernverband (BBV) hieß es dazu, es sei noch kein einziger Betrieb bekannt, der einen Helfer eingestellt habe, obwohl viele Flüchtlinge arbeiten wollten.

Bereits vergangene Woche hatte sich Reichel deswegen in einem Brief an Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (FW) gewandt. Darin bat er ihn, dafür zu sorgen, dass "die Ausländerbehörden angewiesen werden, schnell und unbürokratisch Genehmigungen zu erteilen". Damit könne in vielen Bereichen der Wirtschaft die Not gelindert werden. Von der Zentralen Ausländerbehörde in Niederbayern hieß es dazu, bisher seien in ihrem Zuständigkeitsbereich sieben entsprechende Anträge gestellt worden. Vier Anträge habe man genehmigt, ein Antrag befinde sich in der Bearbeitung, zwei seien abgelehnt worden. Zahlen der örtlichen Ausländerbehörden lägen aber nicht vor.

Laut einer Vorgabe der Bezirksregierungen müssen Asylbewerber bei der zuständigen Ausländerbehörde einen Antrag stellen, wenn sie einen landwirtschaftlichen Betrieb gefunden haben, der sie als Saisonkraft anstellen will. Die Beschäftigungserlaubnis sei eine Ermessensentscheidung der jeweiligen Ausländerbehörde. "Es liegt also kein Automatismus hinsichtlich der Erteilung einer Beschäftigungserlaubnis vor, sondern es sind die Umstände jedes Einzelfalles zu berücksichtigen", heißt es in der umfangreichen Handreichung der Behörden. Die Beschäftigung als Pflanz- oder Erntehelfer werde bei der Ermessensentscheidung derzeit aber besonders positiv berücksichtigt.

Nach Einschätzung von Stephan Reichel haben viele Asylbewerber allerdings Angst vor einem Gang zu den Ausländerbehörden. "Die trauen sich da nicht hin", sagte er. "Dabei wäre es auch für die Psyche der Leute gut, wenn sie was Sinnvolles machen würden."

Flüchtlingshelfer in München: Stephan Reichel

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Laut BBV herrscht generell große Bereitschaft in der Bevölkerung, die Bauern bei der Arbeit auf den Höfen zu unterstützen und so die ausbleibenden Saisonkräfte aus Osteuropa zu ersetzen. Auch die Hopfenbauern, bei denen gerade dieser Tage sehr viel Arbeit anfällt, loben das große Engagement. "Wir können uns nur bedanken bei den vielen Freiwilligen, die sich dieser Tage bei uns melden", sagt Otmar Weingarten, Geschäftsführer des Hopfenpflanzerverbands Hallertau in Wolnzach. "Wir bekommen Hilfsangebote aus allen Ecken, gerade auch von Studenten."

Doch so sehr die immense Anteilnahme den Landwirten gut tut - ein adäquater Ersatz für die ausbleibenden Saisonkräfte sind die freiwilligen Helfer nicht. Allein schon was ihre Zahl anbelangt. "Normalerweise haben wir in diesen Wochen etwa 5000 Saisonkräfte bei uns in der Holledau", sagt Weingarten. "Rechnet man aktuell alle Helfer zusammen, kommen wir etwa auf die Hälfte." Dabei sind es nur noch wenige Wochen, "dann brauchen wir in unseren Hopfengärten die dreifache Schlagkraft".

Aber das ist es nicht alleine. Saisonarbeiter sind für gewöhnlich den jeweiligen Betrieben seit vielen Jahren verbunden. Sie kommen regelmäßig mehrere Wochen oder gar Monate nach Bayern und kennen jeden Handgriff, aber auch die Maschinen und die Abläufe aus dem Effeff. Und sie arbeiten sechs Tage die Woche und leisten Überstunden.

"All das kann man bei den freiwilligen Hilfsangeboten nicht erwarten", sagt ein BBV-Sprecher. "Die Leute haben nicht die Zeit, geschweige denn die Kenntnisse, dass sie so selbständig arbeiten können wie routinierte Saisonkräfte." Und oft eben auch nicht die Kondition. Denn Arbeiten wie das Drähtestecken und Anleiten im Hopfenanbau, das Spargelstechen und das Kartoffellegen sind anstrengend, gerade für jemanden, der sie nicht gewöhnt ist. Deshalb ist die Hoffnung groß auf den Bauernhöfen, dass zumindest einige routinierte Saisonkräfte aus Osteuropa noch nach Bayern kommen.

© SZ vom 07.04.2020/kafe
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