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Corona-Pandemie:"Irgendwann wird das doch mal vorbei sein"

Leben im Alter, 2016

Allein zu sein, heißt nicht automatisch, einsam zu sein: Aber ohne Perspektive auf persönliche Kontakte kann es schwer werden.

(Foto: Catherina Hess)

Die Zeit allein zu Hause verbringen müssen - damit geht jeder anders um. Die einen vertreiben mit Musik traurige Momente, andere holen sich die Arbeit einfach ins Haus. Oder man ist so kreativ, dass es fast schon zu viel wird.

Von Matthias Köpf, Olaf Przybilla und Lisa Schnell

Seit etwa einem Monat galt in Bayern: Wer alleine wohnt, darf niemanden persönlich sehen außer sich selbst im Spiegel. Es waren die striktesten Kontaktregeln in ganz Deutschland. Nun sollen von 20. April an wieder Treffen mit einer anderen Person möglich sein. Viele können diesen Tag kaum erwarten, andere haben die Zeit gelassener verlebt. Drei Geschichten aus der Zwangsisolation:

Christine Kloss, 57, Landshut

Einsam während der Corona-Krise: Christine Kloss

Christine Kloss greift einfach mal zu ihren Jonglierbällen.

(Foto: Privat)

Wenn es gar nicht mehr geht, schnappt sich Christine Kloss ihre Jonglierbälle. Sie setzt dann die Kopfhörer auf, ihre Augen sehen nur ihre Hände und die Bälle. Kurz kann sie vergessen, ein paar Lieder - dann ist alles wieder da. Die enge Wohnung, zwei Zimmer, die Sehnsucht nach ihren Kindern, dem Enkel, dessen Geburtstag sie verpasst hat. Seit letzten Dienstag sieht sie auch ihre Kollegen nicht mehr. Weil ihre Firma zu wenig Aufträge hat, bleibt sie zu Hause. Allzu viele Kontakte hatte sie da nicht und die fielen jetzt auch weg. Bis auf ein paar Telefonate natürlich, aber das sei nicht dasselbe. Also denkt sich Kloos Bastelprojekte aus, sie ist gelernte Technikerin. Etwa eineinhalb Stunden am Tag geht sie spazieren, richtig wohl aber fühlt sie sich da auch nicht. Kloss kommt aus der ehemaligen DDR. "Da war es nicht so extrem wie jetzt", sagt sie. Wenn sie nur ein Polizeiauto sehe, stocke ihr der Atem. Auch, weil sie "Erfahrung mit psychischer und physischer Gewalt" hat, so sagt sie das. Dass nun jemand von außen so über sie bestimme, bringe vieles wieder hoch. Ab und zu telefoniert sie mit der Leiterin des Frauenhauses, in dem sie mal war. Manchmal aber sitzt sie auf der Couch und denkt: "Wenn Du jetzt hier sitzen bleibst, kommst du in die Depression." Jonglieren hilft dann. Ihr Kopf verstehe, dass es strenge Regeln braucht, sagt Kloss, der Bauch nicht immer. Wenn es wieder erlaubt ist, will sie als erstes eine Freundin treffen. Das Gespräch werde bestimmt sehr emotional, sagt Kloos, und dann: "Umarmen aber darf man sich ja nicht."

Manuel Meißner, 40, München

Freizeitstress in der Coronakrise: Manuel Meißner

Manuel Meißner ist derzeit hoch aktiv in Whatsappgruppen.

(Foto: Privat)

Doch, in seinem Bekanntenkreis weiß Manuel Meißner schon von Single-Menschen, denen "die Decke auf den Kopf fällt". Er selbst aber hat bei sich längst Symptome eines ihm bisher unbekannten Phänomens feststellen müssen: Freizeitstress. Meißner ist Hobbymusiker, mit Kollegen hatte er gerade eine Band gegründet, nach der ersten Probe wurden die Ausgangsbeschränkungen angeordnet. Nun baut er sich ein Heimstudio, kommt musikalisch auf neue Gedanken, dann noch Sport nebenher und mal die Wohnung überdenken - und schon ist man im Stress. Dazu kommen die Whatsappgruppen, die in seinem Bekanntenkreis "regelrecht explodiert sind". Unterm Strich hat er sogar mehr Kontakt zu anderen als zuvor: Weil sich alle füreinander interessieren und Kontakte "eine viel höhere Wertigkeit" bekommen haben. Dass Alleinstehende nun auch wieder persönlich Kontakte nach draußen haben dürfen - wenn auch nur zu je einem anderen - ist natürlich erfreulich. Meißner aber glaubt im Bekanntenkreis beobachtet zu haben, dass viele mit der Kontaktsperre eh schon kreativ, wenn auch nicht unverantwortlich umgegangen sind. Wie alles werden wird? Beruflich, Meißner ist Chef einer Fahrschule, macht er sich da eher einen Kopf als privat. Im Auto dürften Infektionsschutzbestimmungen nicht einfach einzuhalten sein. Aber das ist Zukunftsmusik.

Dorle Irlbeck, 84, Wasserburg

Coronakrise: Dorle Irlbeck

Dorle Irlbeck lässt sich trotz ihrer 84 Jahre nicht die Arbeit verbieten.

(Foto: YouTube)

Dorle Irlbeck kennt fast jeden in Wasserburg, und fast jeder kennt sie. Das kommt nicht vom Daheimhocken, und das tut Irlbeck auch jetzt nicht. Das Haus und der große Garten helfen, aber Irlbeck fährt mit ihren neuerdings 84 Jahren auch regelmäßig mit dem Auto in die Stadt, wo ihr Sohn eine Gerberei betreibt. Er legt ihr die neuen Unterlagen für die Buchführung und für die Rechnungen kontaktarm auf einem Tisch bereit, sie lässt dafür das Erledigte zurück. Zur Risikogruppe gehört sie schon, aber soll sie deswegen gleich Angst haben, wo sie doch in ihrem Alter ohne eine einzige Tablette auskommt? Irlbecks Rezept ist die Lebensfreude. Allein ist sie, seit vor zwei Jahren ihr Mann gestorben ist. Trotzdem freue sie sich jeden Tag, dass sie aufstehen darf, und ins Bett geht sie nicht, ehe im Radio die Bayernhymne gespielt wurde. Dass sie gerade nicht einmal die Enkel umarmen darf, findet sie schade, und wenn drüben der Nachbarsbub rumläuft, setzt sie sich auf die andere Terrasse, denn wie soll man einem Vierjährigen erklären, dass er nicht zum Vorlesen rüberkommen darf? Dafür telefoniert Dorle Irlbeck gerade umso mehr, zehn Gespräche am Tag seien es mindestens. Und wenn es zum Großeinkauf einmal die Woche einen Mundschutz braucht, wird sich schon einer finden, der zu einem der Dirndlkleider passt, die sie ausschließlich trägt. Daheim schreibt Dorle Irlbeck gerade ihre Kindheitserinnerungen auf. Und alles andere könne man ja nachholen, sagt die 84-Jährige: "Irgendwann wird das doch mal vorbei sein."

© SZ vom 17.04.2020/vewo

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