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Schulen in der Corona-Krise:"Dieses Auf und Zu ist für niemanden tragbar"

Coronavirus - Nürnberg - Maskenpflicht

Ein Schild auf dem Hauptmarkt von Nürnberg. In der Stadt pendelt die Corona-Inzidenzzahl um den Schwellenwert 100.

(Foto: Daniel Karmann/dpa)

Wenn der Inzidenzwert der Corona-Infektionen dauernd um die Zahl 100 pendelt, stellt das Schulen vor Probleme. In Nürnberg und Passau sucht man nach eigenen Lösungen, um Schließungen zu vermeiden.

Von Clara Lipkowski

Eigentlich ist die Regel ja klar: Sinkt die Inzidenz unter 100, also die Zahl der Infizierten der vergangenen sieben Tage pro 100 000 Einwohner, dürfen in Bayern Grundschulen wieder öffnen. Ebenso die ersten vier Förderschulklassen und Abschlussklassen weiterführender Schulen. Entsprechend groß war die Freude bei etlichen Schülerinnen und Schüler, dass sie von diesem Montag an wieder in die Schule dürfen. Doch wenn sich eines in der Pandemie gezeigt hat, dann das: Das Infektionsgeschehen ist sehr volatil. Und weil einige Städte und Landkreise derzeit immer wieder um die verflixte Zahl 100 pendeln, mal knapp darunter, mal knapp darüber, finden sie sich nun in einer misslichen Lage wieder: Schulen auf, Schulen dicht.

Schmerzlich erfahren haben das Anfang der Woche Kinder und Eltern in Nürnberg. Die Stadt hatte die Schulen für Montag geöffnet, die Inzidenz lag in der Woche davor vielversprechend unter 100. Doch noch am Montag machte Oberbürgermeister Marcus König eilig alles wieder rückgängig. Der Inzidenzwert war an diesem Tag wieder auf 101,5 gestiegen, also schlossen bereits von Dienstag an die Schulen wieder, darunter auch die mehr als 50 Grundschulen. Da half auch nicht, dass die Inzidenz am Dienstag selbst wieder auf 99,0 sank. Der Mittwoch gab König recht: Inzidenz 102,2.

Bis Ende der Woche gilt nun Distanzunterricht in den betreffenden Schulen. "Das ist alles nicht schön", sagte König am Mittwoch, aber so wolle man wenigstens eine "gewisse Planbarkeit" für Familien sicherstellen. Derzeit sehnen nicht nur Kinder die Schulöffnungen herbei, um Freundinnen, Freunde und Lehrkräfte analog wieder zu sehen, auch Eltern hoffen auf Entlastung.

Auch Passau stand zu Beginn der Woche vor der Frage: auf oder zu? Dort ging man etwas risikobereit an die Sache heran. Als die Inzidenz am Montag noch bei über 100 lag (102,3), entschloss man sich, am Mittwoch die Schulen wieder zu öffnen - weil damit zu rechnen gewesen sei, dass die Inzidenz sinke, sagte Oberbürgermeister Jürgen Dupper am Mittwoch. Und so kam es dann auch, Mitte der Woche lag die Inzidenz bei 81,4. Somit war der Unterricht in Präsenz zumindest bis Freitag gesichert. Hier greift eine Zusatzregel: Einen Tag Karenzzeit gibt es für Schließungen. Steigt die Inzidenz auf 100 und mehr, muss dies binnen 24 Stunden öffentlich kommuniziert werden und am folgenden Tag Distanzunterricht stattfinden.

Stirnrunzeln löste am Mittwoch die Inzidenz von genau 100,0 im Landratsamt Neustadt an der Aisch in Mittelfranken aus. "Es geht nur um das Überschreiten", sagte Sprecher Matthias Hirsch. Mit diesem "Kuriosum" durften Kinder in die Klassen zurückkehren, zumindest vorerst bis Freitag. Einen "Cut" noch vor Ende der Woche habe man vermeiden wollen, sagte Hirsch, deswegen nutze man den Karenztag. Kritisch sieht man in Neustadt die Handhabe dennoch: Im Landkreis seien die steigenden Infektionszahlen nicht diffus, sagte Hirsch, sondern auf Heime zurückzuführen. Da sei es schwer vermittelbar, wenn deshalb Schulen nicht öffnen dürften.

Es wird nun also lokal entschieden, ob auf oder zu. Diese Linie verteidigte Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler) am Mittwoch im Landtag. Die Grünen hatten "Kuddelmuddel" zwischen den Landkreisen kritisiert. Piazolo räumte ein, ständiger Wechsel zwischen Distanz- und Wechselunterricht schaffe natürlich Unruhe. Doch gerade deshalb liege die Verantwortung bei den Gesundheitsbehörden vor Ort. Diese hätten die Situation am besten im Blick.

Nürnbergs Oberbürgermeister König indes positionierte sich am Mittwoch deutlich: Erlaube es die Inzidenz, werde er am Montag entsprechend Schulen öffnen - und sie die ganze Woche über offen lassen, auch dann, wenn die Inzidenz die 100 übersteige. Dann werde am Ende der Woche neu bewertet. "Dieses Auf und Zu, Auf und Zu", sagte er, "ist für niemanden tragbar." Er plädiert dafür, nicht nur auf den Inzidenzwert zu schauen, sondern mehr Faktoren zu berücksichtigen: Ob die Tendenz der Inzidenz fallend sei oder stagniere, ob es Kapazitäten in Kliniken geben, wie man beim Impfen vorankomme und wie es etwa um Hygienevorkehrungen in Schulen mit Luftfilteranlagen stehe.

In Passau hat Oberbürgermeister Dupper einen anderen Vorschlag: Statt einer festen Marke von 100 plädiert er in Bayern für einen Inzidenz-Korridor zwischen 85 und 115. Verwaltungen, die knapp über und knapp unter 100 pendelten, könnten dann besser selbst entscheiden. Weniger kompliziert wirkt sich das Überschreiten der Zahl 100 übrigens bei Ausgangsbeschränkungen aus. Solange der Wert nicht stabil eine Woche lang unter 100 liegt, bleibt die Ausgangssperre bestehen.

© SZ vom 25.02.2021/kafe
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