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Impfungen in Schulen und Kitas:"Ich weiß nicht, wieso das immer Wochen dauert"

Coronavirus - Schnelltest an Schulen

Mit regelmäßigen Tests soll es möglich sein, dass mehr Kinder an die Schulen zurückkehren können. Sie könnten dann vor Unterrichtsbeginn zuhause einen Schnelltest machen - dann ohne Sanitäter.

(Foto: Peter Kneffel/dpa)

Lehrer und Erzieher sollen schneller geimpft werden, aber was heißt schon schnell? Die Kritik wächst, zumal auch die Selbsttests auf sich warten lassen.

Von Anna Günther und Dietrich Mittler, Neunburg vorm Wald/München

Hatte sie großes Glück oder Segen von oben? Schwester Christine Gindhart lacht. Sie leitet das Theresia-Gerhardinger-Haus in Neunburg vorm Wald, 214 Kinder in Krippe, Kindergarten und Hort, 48 Mitarbeiter. In diesem Ausnahmejahr mit Sars-CoV-2 hatten sie noch keinen Corona-Fall. "Wir sind wirklich dankbar, es ist so ein großes Kinderhaus", sagt die Klosterschwester. Aber Sorgen mache sie sich seit Monaten, immer wenn eine Mitarbeiterin krank sei, bange sie dem Testergebnis entgegen.

Die Angst, dass Gruppen oder das gesamte Kinderhaus schließen müssen, sei immer da. Die Sieben-Tage-Inzidenz im Landkreis Schwandorf lag laut Robert-Koch-Institut am Mittwoch bei 163. Hotspot. Trotz Notbetrieb seien 30 Prozent der Kinder da, in der Krippe sogar fast die Hälfte. Viele Erzieher seien besorgt, sagt Gindhart, besonders die Angst vor Mutanten steige. Die meisten Kollegen im Kinderhaus der Armen Schulschwestern würden sich sofort impfen lassen und warten auf den Termin. Gindhart hatte sofort alle Impfwilligen im Impfzentrum registriert, von dort wurden ihr Informationen für diese Woche angekündigt, dann würden Erzieher kontaktiert, dann folge ein weiterer Brief. Und der Termin? Die Kinderhaus-Chefin seufzt. "Wir freuen uns, dass wir priorisiert wurden, aber wenn der Impfstoff da ist, weiß ich nicht, wieso das immer Wochen dauert."

So wie Gindhart geht es in diesen Tagen vielen Kita- und Schulleitungen in Bayern. Dass die Gesundheitsminister der Länder vor einer Woche beschlossen, schon in der ersten Märzwoche mit Impfungen für Erzieher, Grund- und Förderschullehrer zu beginnen, wurde von vielen der 260 000 Berechtigten in Bayern positiv aufgenommen, umso größer ist nun die Ungeduld. Denn bei vielen Schulen und Kitas laufen Impftermine wie auch die Verteilung der angekündigten kostenlosen Selbsttests schleppend an. Grund dürfte sein, dass jedes Impfzentrum individuell regelt, wie und wann Erzieher und Lehrer geimpft werden. Dazu kommt, dass die Registrierungssoftware erst seit diesem Dienstag aktualisiert ist.

Die regionalen Unterschiede sind groß: Christiane Münderlein, Vorständin Bildung und Soziales im Evangelischen Kita-Verband Bayern (evKita), weiß von einigen Tagesstätten zu berichten, deren Personal bereits in der vergangenen Woche durchgeimpft worden sei. Eine Minderheit der 1450 Verbandskitas, gibt Münderlein zu, meist in ländlichen Regionen und Kleinstädten, aber es laufe überall an. Schneller scheint es dort zu gehen, wo Landräte oder Bürgermeister sind, die handeln statt auf den offiziellen Startschuss zu warten.

Große Unterschiede melden auch viele Schulleiter. Johann Lohmüller, Chef des Sonderpädagogischen Förderzentrums Landshut Land, ist zum Beispiel sehr zufrieden: Am Dienstag meldete er die impfwilligen Lehrer ans Impfzentrum, am Mittwoch bekamen die ersten einen Termin. Aber auch Lohmüller, der Vorsitzender des Verbands Sonderpädagogik ist, berichtet von Unterschieden.

Dagegen erfuhr Andreas Fischer, Vizechef des Bayerischen Schulleitungsverbandes, im 48 Kilometer entfernten Landau an der Isar erst Mittwochnachmittag vom Landratsamt, wie Impfungen und Tests ablaufen sollen. "Die regionalen Unterschiede sind ganz, ganz krass", sagt auch Fischer. Seine Lehrer, Sekretärinnen und Hausmeister sollen sich selbst um Termine kümmern. Allerdings habe der Landrat angekündigt, dass bald die Lehrer anderer Schularten geimpft werden.

Damit ist im Kreis Dingolfing-Landau bald möglich, was die Lehrervertreter der Mittel-, Real- und beruflichen Schulen sowie der Gymnasien dringend fordern. Sie kritisieren, dass sie noch nicht geimpft werden, obwohl die Abschlussjahrgänge aller Schularten zurück sind und Jugendliche infektiöser sein sollen als die jüngeren Kitakinder und Grundschüler. Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrerverbands, erklärte Impfungen des gesamten Schulpersonals zur Voraussetzung für die Rückkehr weiterer Schülergruppen.

Auch der SPD-Fraktionschef im Landtag, Horst Arnold, forderte am Mittwoch, nicht nur Polizeibeamte, sondern auch alle Lehrer und Beschäftigte in Kitas zu impfen. Die Kapazitäten seien da, hieß es zudem vom Bayerischen Hausärzteverband. Bislang habe nur jede zehnte Astra-Zeneca-Dosis in Deutschland verimpft werden können, der Rest liege ungenutzt in Lagern, sagte der Erlanger Arzt und Verbandschef Markus Beier. Die Impfgeschwindigkeit müsse stark erhöht werden, die Hausarztpraxen im Freistaat stünden bereit.

Neben den Impfungen sollen die kostenlosen, freiwilligen Selbsttests etwas Sicherheit bringen. Die Anleitung dafür verschickte das Kultusministerium am Mittwoch an die Schulen, aber wie bei den Impfungen gilt: Geduld. Verschickt werden sollen die ersten der 1,3 Millionen Tests noch in dieser Woche. Die Verteilung läuft über die Kreisverwaltungsbehörden, bei denen die Schulen erst ihren Bedarf melden sollen. Angesichts dessen ist es fraglich, ob bis Freitag noch viele Schulen versorgt werden.

Den Anfang machen Schulen in Regionen mit einer Inzidenz zwischen 100 und 50, die anderen folgen. Diese Selbsttests sollen Lehrer wie Schüler morgens daheim durchführen, regelmäßig und unabhängig von Krankheitssymptomen. Der Test dauere 20 Minuten, inklusive 15 Minuten Wartezeit. Positive Ergebnisse müssen dem Gesundheitsamt gemeldet und mit einem PCR-Test abgeklärt werden.

Schwester Christine Gindhart wäre mit dem "bisschen mehr Sicherheit" der Selbsttests angesichts der 163er-Inzidenz wohler. Dagegen sieht Christian Müller von der Caritas München und Oberbayern "kaum eine Verbesserung", weil er Mitarbeiter nicht zwingen könne und arbeitsrechtliche Fragen ungeklärt seien. Er fordert Testteams für Kitas. evKita-Vorständin Münderlein plädierte wegen der Mutanten zudem für regelmäßige Tests der Kinder, egal ob Kau-, Spuck- oder Pool-Tests. Zwar kündigte das Sozialministerium an, dass bis Mitte März auch Kitakinder in Testzentren getestet werden können, aber von regelmäßigen Schnelltests war keine Rede.

© SZ vom 04.03.2021/kafe
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