Corona-Impfung:Wie Bayern Bewohner von Seniorenheimen besser schützen will

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Corona-Impfung: Die Bewohner von Seniorenheimen zählen nach wie vor zu den vulnerablen Gruppen in der Corona-Pandemie. Ihr Impfstatus ist deswegen besonders im Fokus.

Die Bewohner von Seniorenheimen zählen nach wie vor zu den vulnerablen Gruppen in der Corona-Pandemie. Ihr Impfstatus ist deswegen besonders im Fokus.

(Foto: Bernd Weißbrod/dpa)

In den besonders von Corona bedrohten Einrichtungen beginnt eine neue Impfkampagne. Denn der Herbst naht und die Pandemie ist nicht vorbei. Doch es gibt ein Problem.

Von Johann Osel

Neulich musste Ulrich Bertelshofer ein Gläschen Eierlikör spendieren. Als Trost für eine Dame im Hospitalstift Bayreuth, es ging um einen positiven Corona-Test und die notwendige Quarantäne, obwohl die Bewohnerin keine Symptome zeigte; worum man sich halt als Einrichtungsleiter im Kleinen so kümmert. Seit Kurzem hat er aber auch den größeren Rahmen im Blick: als Impfbeauftragter für die Pflegeeinrichtungen in Stadt und Landkreis Bayreuth. Der Nutzen der Covid-Impfung lasse sich "nicht von der Hand weisen", sagt er. Es gebe mittlerweile milde Krankheitsverläufe selbst bei 85-Jährigen, anders als früher zu Zeiten des Katastrophenfalls; und wenn es einen Ausbruch gebe, sei nicht mehr gleich der Großteil der Bewohner betroffen.

Impfbeauftragte wie er sollen vor allem eines sein, berichtet Bertelshofer: ein verlässlicher Ansprechpartner für die Einrichtungen in der Region - "auf Augenhöhe", bei allen Fragen rund um die Hochrisikogruppe Senioren und das Boostern. Zudem organisieren die Impfbeauftragten bei Bedarf auch gleich die Impftermine.

Die bayerische Kampagne zum Boostern ist angelaufen, seit einigen Tagen hängen vielerorts Plakate mit Checklisten. "Morgen: Yoga, Hecke schneiden, Friseur, Auffrischungsimpfung" ist einer der Slogans, der die Menschen motivieren soll, ihren Impfstatus zu prüfen. Dabei wird an die Eigenverantwortung appelliert, es geht auch immer noch um die erste Auffrischung, denn die haben sich erst 58,8 Prozent der Bayern verabreichen lassen. Schon länger von der Ständigen Impfkommission (Stiko) empfohlen wird dagegen ein zweiter Booster für die rund 130 000 Bewohnerinnen und Bewohnern in bayerischen Pflegeeinrichtungen. Gerade bei vulnerablen Gruppen sei die zweite Auffrischung sehr wichtig, da mit zunehmendem Abstand zum ersten Booster die Schutzwirkung gegen schwere Verläufe abnehme, sagt Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU). Viele seien noch "nicht bestmöglich gegen das Virus geschützt. Das müssen wir ändern, um gut vorbereitet in den Herbst und Winter zu gehen."

Die Beauftragten könnten Hausärzte entlasten

So hat das Ministerium alle Impfzentren Mitte Juli gebeten, spezielle Beauftragte zu benennen. Neun von zehn hätten dies getan, heißt es auf Nachfrage der SZ, in den verbleibenden Kreisen "wird die Umsetzung zeitnah erwartet". Lob für die Idee gab es vielfach, andere Bundesländer debattieren über eine Nachahmung. Die Landesgruppe des Bundesverbandes privater Anbieter sozialer Dienste sieht weitere positive Effekte. Die Verzahnung von Pflegeheimen und Impfzentren stelle eine Entlastung der Hausärzte dar, hieß es. Diese können sich wiederum darauf konzentrieren, schnelle Angebote für vierte Impfungen bei Pflegebedürftigen zu schaffen, die zu Hause versorgt werden.

Eine ausgefeilte Tätigkeitsbeschreibung für die Beauftragten gibt es nicht. Bertelshofer ist froh, dass die Vorgaben aus München nicht auf Dutzenden Seiten festgezurrt sind. In der Pandemie habe man schließlich gelernt, was wichtig sei: Flexibilität. Zugleich sei es ein gutes Signal, "dass es nicht einfach heißt: Die werden das schon irgendwie regeln". In der Führungsgruppe Katastrophenschutz der Stadt Bayreuth plante Bertelshofer schon früher den mobilen Impfeinsatz mit. Ein Mal pro Woche macht er jetzt eine Online-Schalte mit Pflegeeinrichtungen in der Region: Welche Fragen laufen auf, herrscht Gesprächsbedarf, wie kann man Vorbehalte ausräumen? Und: Soll ein mobiles Team geschickt werden? "Das ist nicht täglich der Fall", sagt Bertelshofer, wichtig sei, dass es einfach bleibe - er sei übers Handy immer erreichbar.

Hindernisse gibt es für den Zweit-Booster. Wer sich in Bayerns Pflegeszene umhört, erfährt unter anderem einen simplen Grund: dass die Zeitspanne zwischen Dritt- und Viertimpfung noch zu gering ist. Auch von "Corona-Überdruss" ist vereinzelt die Rede, trotz der Sterbefälle vergangener Jahre; die Bewohner sähen ja, wie sich draußen das Leben normalisiere. Genau da soll die Kampagne ansetzen, neben den Beauftragten gibt es auch zielgruppengerechte Infomaterialien für die Heime. Immer wieder zu hören ist: Senioren wollen auf die neuen, an Omikron angepassten Impfstoffe warten. Doch vom Warten raten das Ministerium und auch viele Virologen ab, der Effekt der derzeit verfügbaren Vakzine sei in puncto Krankheitsverlauf absolut tauglich.

Die Impfquoten sind sehr unterschiedlich

Weiteres Problem allerdings: Niemand weiß, wie viele Heimbewohner tatsächlich die vierte Impfung erhalten haben - wie also die Ausgangslage ist. Das Monitoring dazu ist im Frühjahr nach einer Gesetzesänderung vom Freistaat an das Robert-Koch-Institut (RKI) übergegangen. Die Bundesbehörde publizierte soeben einen Bericht - mit Daten vom Mai, sie dürften überholt sein. Demnach waren in Bayern Bewohner von Pflegeinrichtungen wie folgt geimpft: knapp fünf Prozent überhaupt nicht, der große Rest doppelt, 84 Prozent mit erstem Booster, 26 Prozent mit dem zweiten.

In Bayreuth liegt die Quote auf ähnlichem Niveau, andere Zahlen hat auch Bertelshofer nicht. Die Daten ergaben eine enorme Spreizung. Einstellige Prozentwerte bei der zweiten Auffrischung etwa in den Landkreisen Günzburg, Berchtesgadener Land oder Coburg. Ganz anders die Lage zum Beispiel in den Städten Würzburg (53 Prozent) oder Rosenheim (40), in den Kreisen Kitzingen (58) oder Altötting (44). Typische Deutungsmuster wie Stadt-Land oder Nord-Süd zeigen sich hier aber keineswegs stringent. Das Ministerium sagt: "Auch wir würden uns aktuellere Zahlen wünschen. Eine parallele Erhebung ist allerdings nicht zielführend."

Nach einer Sitzung des Gesundheitsausschusses im Landtag hatte dies im Juli Unmut ausgelöst. Ruth Waldmann (SPD) warnte vor einem "Blindflug". Für fatal hielt sie es zudem, dass die einrichtungsbezogene Impfpflicht für medizinisches Personal praktisch fallen gelassen worden sei. Laut RKI-Statistik vom Mai sind in Pflegeheimen nur sieben Prozent der Beschäftigten gar nicht gegen Corona geimpft; eine zweite Auffrischung hatte aber auch noch fast keiner, die Stiko empfiehlt diese insbesondere bei direktem Patientenkontakt. Bertelshofer hofft auf Fortschritte auch beim Impfen von Mitarbeitern, besuchenden Angehörigen und Betreuern. "Das ist ansonsten der Fuchs im Hühnerstall."

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