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Corona-Pandemie:Das Virus greift auch die Seele an

Patientenrückgang in Kliniken

Enger Kontakt: Personal in Krankenhäusern, wie Ärzte oder Krankenschwester, aber auch Mitarbeiter in Pflege- und Behinderteneinrichtungen sind besonders gefährdet, an Covid-19 zu erkranken.

(Foto: Peter Kneffel/dpa)

Die Zahlen der AOK Bayern und des Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit bestätigen: Pflegekräfte oder Ärzte erkranken besonders häufig an Covid-19. Oft leidet nicht nur ihr Körper.

Von Dietrich Mittler

Als Leiterin des Pflegeteams einer Covid-19-Station wusste Eva Beintner die Diagnose einzuschätzen. Sie hatte sich mit dem Coronavirus infiziert. Aber in ihrer Selbstbeschreibung kommt das Wort "ängstlich" nicht vor. "Meine Belastungsgrenze liegt wirklich weit, weit oben", sagt sie. Die ersten eineinhalb Wochen verspürte Beintner (Name geändert) nur leichte Grippesymptome. Dann auf einmal bekam sie kaum mehr Luft. "Nach drei Treppenstufen brauchte ich eine Pause", erinnert sie sich. In den folgenden neun Wochen wurde es nicht besser. Die Ärzte im Klinikum diagnostizierten Lungenschäden, die nur allmählich ausheilen werden.

Beintner ist kein Einzelfall: Krankenschwestern, Pflegekräfte, Ärzte und im Behindertenbereich tätige Personen sind einem hohen Risiko ausgesetzt, sich mit dem Erreger Sars-CoV-2 anzustecken. Nach den aktuellen Zahlen, die dem Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) vorliegen, sind bislang knapp mehr als 5300 infizierte Menschen gemeldet worden, die in diesen Bereichen tätig sind.

Die Mehrzahl der Betroffenen - konkret 3152 Fälle - arbeitet in der Gesundheitsversorgung, etwa in Krankenhäusern, Arztpraxen oder Tageskliniken. Die anderen vom LGL auf Anfrage der Süddeutschen Zeitung genannten Infizierten - insgesamt 2154 Fälle - üben eine Tätigkeit in Einrichtungen zur Pflege älterer, behinderter oder pflegebedürftiger Menschen aus. Wie das LGL betonte, sind die Zahlen allerdings "mit Bedacht zu interpretieren". Die Zahl der Fälle könne "möglicherweise höher liegen". Da zudem im Rahmen der ärztlichen Meldepflicht im Infektionsfall die Erfassung des Berufs nicht vorgesehen sei, könne auch nicht unterschieden werden "zwischen medizinischem, pflegerischem oder sonstigem Personal".

Weitere Details liefert indes eine neue Studie der AOK Bayern, in welcher die Kasse die Arbeitsunfähigkeitsdaten ihrer Versicherten ausgewertet hat. Demnach entfielen im Freistaat auf Beschäftigte in Pflegeberufen "während der Lockdown-Phase besonders viele Krankschreibungen" im Zusammenhang mit der durch das Coronavirus übertragenen Lungenerkrankung Covid-19. Zwischen März und Mai haben demnach in Bayern von je 100 000 Beschäftigten in der Gesundheits- und Krankenpflege alles in allem 1916 Personen pandemiebedingt am Arbeitsplatz gefehlt.

In der Altenpflege waren es nach Angaben der Kasse 1760 Versicherte, die sich mit dem Coronavirus infiziert hatten. Selma Lindhofer (Name geändert), die in einer ostbayerischen Einrichtung tätig ist, gehört zu jenen Pflegekräften, bei denen der Krankheitsverlauf bis auf die leicht erhöhte Körpertemperatur, Übelkeit sowie "ein bisschen Kopfweh" kaum ihr Leben beeinflusste. "Bis zum Zeitpunkt, an dem das Testergebnis vorlag, hätte ich nie gedacht, dass ich mich mit dem Coronavirus infiziert haben könnte", sagt sie. Die Diagnose war für sie ein Schock. Hinzu kam die ständige Befürchtung, ihr Zustand könnte sich verschlechtern. "Ich habe die ganze Zeit darauf gewartet, dass die Symptome voll durchbrechen", sagt sie. Die Symptome brachen tatsächlich durch - bei ihrem Mann, der tagelang an hohem Fieber und unerträglichen Kopfschmerzen litt.

Zu Selma Lindhofers Angst gesellte sich eine neue Begleiterin: die Gewissensqual. "Ich fühlte mich irgendwie schuldig", erklärt sie. Schuldig, auch wenn ihr Verstand dagegenhielt: "Du kannst doch gar nichts dafür, du hast auswärts und in der Arbeit immer eine Maske getragen, hast den Sicherheitsabstand gewahrt, die Sozialkontakte eingeschränkt." Infiziert hatte sich Selma Lindhofer offenbar am Arbeitsplatz.

Noch heute rätseln sie und ihre Kolleginnen und Kollegen, wie der Erreger in die Einrichtung kam. Womöglich über die alten Menschen? Über die Besucher? In der Kollegenrunde sprach Lindhofer aus, was sie nicht zur Ruhe kommen ließ - selbst nach überstandener Quarantäne: "die Sorge, das Virus in die Einrichtung zu tragen", sagt die Mittdreißigerin. Diese Angst quält nicht nur sie. Etliche Heimleiter - darunter Georg Sigl-Lehner, der als Präsident der Vereinigung der Pflegenden in Bayern einen guten Überblick über die Branche hat - reagieren mittlerweile auf solche Befürchtungen. "Obwohl in unserem Heim unter den Pflegekräften bisher kein Infektionsfall auftrat, haben wir unsere Supervision intensiv auf Corona ausgerichtet."

Die Krise, so sagt Sigl-Lehner, sei längst nicht überwunden. Die Heime in Grenznähe spürten das besonders: "In Oberösterreich etwa beobachten wir gerade wieder einen Anstieg der Corona-Fälle." Doch unabhängig davon würden die Lockerungsmaßnahmen in Bayerns Pflegeeinrichtungen generell "sehr vorsichtig gestaltet". "Wer glaubt, es passiert nichts mehr, der denkt in die falsche Richtung", ist sich Sigl-Lehner sicher.

"Ich habe immer noch das ungute Gefühl, ich könnte jemanden anstecken", sagt indes Pflegekraft Selma Lindhofer. Die kürzlich verbreitete Nachricht, dass die Immunität gegen Corona bald nach der Erkrankung schon wieder nachlässt, weckt in ihr Ängste, von denen sie glaubte, die habe sie längst überwunden. Lindhofer hat prompt einen Antikörpertest gemacht. "Wer diese Krankheit einmal hatte, sieht das einfach mit anderen Augen", sagt sie, "von jetzt auf gleich kann es jeden treffen."

Krankenschwester Eva Beintner ist bis heute nicht mehr zur Arbeit angetreten. Mittlerweile aber ist der Grund ein anderer: "Ich bin schwanger", sagt sie. Sie und ihr Mann blicken zuversichtlich in die Zukunft - auch wenn ihr Körper noch immer geschwächt ist. Das Credo der beiden: "Wir hoffen, dass alles passt."

© SZ vom 14.07.2020/fema
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