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Pflege zu Hause in Corona-Zeiten:Frau Popescu will nach Hause

Haeusliche Pflege Heidelberg Deutschland 21 06 2010 MODEL RELEASE vorhanden Heidelberg Deutsc

So lange wie möglich zu Hause wohnen - das ist die Hoffnung vieler Menschen. Doch ohne Unterstützung geht das oft nicht.

(Foto: Ute Grabowsky/Photothek/imago)

Erschöpfte Haushaltshilfen, verunsicherte Familienangehörige, überrannte Personal-Vermittler: Die Corona-Krise bringt die Akteure der 24-Stunden-Betreuung vielerorts an ihre Grenzen.

Von Viktoria Spinrad

Wenn die Omi die negativen Gedanken überfallen, und das passiert in letzter Zeit immer häufiger, ist es ein leidiges Klagen. So, als hätte sich alle Schwere der Welt auf ihren Schultern niedergelegt. "Komm Omi", sagt Maria Popescu (Name geändert), und fordert sie am Pool zum Schwimmen auf. Oder sie sagt einfach: "Gehen wir ein Stück", und wenn es gut läuft, schläft die demente Omi nach dem Gehen im Ohrensessel ein und vergisst für einen Moment ihre Melancholie.

Popescu ist 65, Omi ist 90. Es ist kein leichter Job, den Popescu bei der alten Frau hat. Mal will sie nichts essen, mal stürzt sie, mal steht sie mitten in der Nacht auf und kommt in Popescus Zimmer. Popescu kennt die Entwicklung gut, seit mehr als vier Monaten wohnt die Rumänin als sogenannte 24-Stunden-Haushaltshilfe mit Omi im Chiemgau unter einem Dach. Eigentlich sollte sie bereits seit zwei Monaten zurück in ihrer Heimat sein. Doch weil sie daheim direkt von der Grenze weg in einer Kaserne oder Pension in staatliche Quarantäne gemusst hätte und ihre Nachfolgerin daheim festsaß, ist sie, die selber im Rentenalter ist, geblieben. Und das, obwohl sie in der Heimat gebraucht wird.

Eigentlich hat Popescu Glück: Die Angehörigen der alten Frau kaufen ein, helfen bei der Pflege, reden Omi ebenfalls gut zu. Aber auch sie können nicht verhindern, dass der Dauereinsatz bei Popescu Spuren hinterlässt. Sie reißt die Hände hoch. Wenn die 90-Jährige sie stresst, spüre sie mittlerweile, wie ihr das Blut in den Kopf schießt. "Ich habe Angst auszurasten", sagt sie, die so vieles mit gutem Humor abzufangen weiß. Damit nichts Schlimmeres passiert, geht sie dann aus dem Zimmer, zitternd, geht kurz raus, um sich zu sammeln. Weil sie Nachteile befürchtet, möchte sie ihren Namen nicht in der Zeitung lesen.

Popescu ist nur ein kleines Rädchen im großen System der häuslichen 24-Stunden-Pflege. Ein System, in dem in den vergangenen Monaten alle irgendwie an ihre Grenzen gestoßen sind. Weil der Bedarf wegen des Aufnahmestopps in Pflegeeinrichtungen immer weiter angeschwollen ist. Weil mit geschlossenen Grenzen der Wechsel zwischen den Kräften nur noch bedingt funktioniert hat. Und weil der Schwarzmarkt, der den Großteil der Branche ausmacht, gerade nicht mehr der gewohnte Selbstläufer ist.

Das bekommt nun auch Roswitha Hürner (Name geändert) zu spüren. Mit dem Handy vor dem Gesicht läuft die 69-jährige Münchnerin Mitte Mai in ihrem Wohnzimmer auf und ab, sie ist nervös. Am Ende der Woche soll die Pflegerin ihrer 92-jährigen Mutter abgelöst werden. Doch ob die neue Betreuerin überhaupt über die Grenze kommt? Hürner kneift die Augen zusammen. Sie hat der Neuen eine Bestätigung ausgestellt, um von Polen nach Deutschland zu kommen. Ob das reicht, weiß sie selbst nicht so recht, genauso wenig, wie legal das Beschäftigungsverhältnis ist. Deshalb möchte auch sie anonym bleiben.

Seit Jahren bezieht Hürner die Pflegerinnen ihrer Mutter über Mund-zu-Mund-Propaganda, es ist ein Win-Win: Die Angehörigen zahlen weniger, die Haushaltshilfen, die de facto billige Pfleger sind, bekommen mehr Geld. Was fehlt, ist Sicherheit. Hürner schaut zum Fenster raus. Wenn es hart auf hart kommt, müsste sie, das Einzelkind, selber ran, und das, obwohl sie die Enkelkinder mitbetreut. "Ich bin verzweifelt", sagt sie, "ich bin keine Pflegeperson." Und schüttelt den Kopf, als wolle sie sich aus einem bösen Traum befreien.

Die vergangenen Monate haben gezeigt, wie fragil das System der häuslichen Ganztagsbetreuung ist. Einem umstrittenen System, das meist aus Osteuropäerinnen besteht, für die 1400 Euro für rund um die Uhr putzen, kochen und gut zureden, gutes Geld sind. In dem laut Schätzungen bis zu 90 Prozent schwarz arbeiten, weshalb die Rufe nach einem System wie in Österreich immer lauter werden. Mittels Rechtssicherheit und staatlicher Zuschüsse wurde es dort 2008 legalisiert, derweil geht in Deutschland die Illegalität weiter.

Popescu arbeitet nicht schwarz, Sorgen macht sie sich trotzdem. Sie sitzt jetzt im Wohnzimmer, die Omi ist für einen Moment eingeschlafen. Maria Popescu erzählt von ihrer eigenen Mama, die fast genauso alt wie die Omi ist und die Betreuung ihrer Tochter bräuchte. "Eigentlich sollte man zu Hause genug zum Leben haben, das man nicht fortgehen muss", sagt sie, doch ihre 200 Euro Rente nach einem Arbeitsleben in Fabriken reichen daheim im Winter gerade mal zum Heizen.

Wie viele, wie sie, jedes Jahr nach Bayern kommen, kann keiner so recht sagen. Wenn man die Schätzungen des Verbands für häusliche Betreuung und Pflege herunterbricht, dürften es mehr als 100 000 sein. Zumal gerade der Freistaat angesichts der hohen Kaufkraft ein besonders lukrativer Markt für die Vermittler ist.

Trotz Wechsel-Chaos kann man gerade die größeren unter ihnen nun gelinde als Gewinner der ganzen Malaise bezeichnen: Weil die Pflegeheime keine Anmeldungen annehmen können und Angehörige im Graubereich wie Roswitha Hürner im Zweifel auf die Agenturen zugreifen, steht bei ihnen das Telefon nicht mehr still. "Wir hätten nie gedacht, dass wir in dieser Zeit noch Neukunden annehmen können", sagt Felix Ueber von der in Gauting ansässigen "Bayernpflege" und klingt dabei, als könne er es selber immer noch kaum glauben. Dass das System nun in der Corona-Krise nicht - wie zunächst befürchtet - zusammengebrochen ist, liegt auch daran, dass die selbstorganisierten Helfer, wie man sie euphemistisch nennen kann, nun vorübergehend in die Legalität gezwungen werden - anders fehlt ihnen oftmals die Bestätigung, um über die Grenze zu kommen. Dazu kommt, dass in Ländern wie Polen in den vergangenen Monaten massiv fleißige Helfer angeworben wurden, über Plakate, Radio, Facebook. Mit unerwünschten Nebenwirkungen. Zum einen ist da die Preistreiberei, zum anderen sinkt das Niveau derjenigen, die herkommen. "Jeder, der in den Bus steigen will, ist vermittelbar", berichtet ein bayerischer Vermittler. Eine Angehörige aus dem Landkreis Ebersberg erzählt von einer Haushaltshilfe, die im Haushalt aber nicht helfe, nun bangt sie um einen Ersatz für ihre Mutter. "Ich bin seelisch am Ende", sagt sie.

Popescu würde das so nicht ausdrücken, vor dem Pathos kommt bei ihr der Pragmatismus. Sie steht jetzt auf der Terrasse, zieht an einer Zigarette und schaut auf die weitläufige Wiese vor dem Haus. Eigentlich sei sie zu alt für so was, sagt sie. Wie es wohl ihrer Mama geht, die sie nun seit vier Monaten nicht gesehen hat? Popescu schaut mehrmals täglich auf ihr Handy, liest die rumänischen Nachrichten. Lange dürfte es eigentlich nicht mehr dauern, bis sie die Heimreise antreten kann: Seit vergangenem Freitag hat Rumänien die Bestimmungen ein wenig gelockert, Heimreisende können die Quarantäne dann auch zu Hause aussitzen. Jetzt wartet sie auf das Signal von ihrem Chef. "Meine Güte", sagt sie. Omi schläft jetzt selig im Sessel, und später, des Nachts, im Bett. Vielleicht.

© SZ vom 18.05.2020/imei
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Pflegeserie zuHause / Teil 4, 12.5.

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