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Coburg und Max Brose:"Meinen Ruf setze ich nicht aufs Spiel"

Wegen der Monografie über den umstrittenen Unternehmer Max Brose gerät der Historiker Gregor Schöllgen zwischen die Fronten. Er aber will seine Arbeit rein wissenschaftlich und nicht ideologisch verstanden wissen

Vom Erlanger Historiker Gregor Schöllgen stammt das Buch über Max Brose, das im Coburger Streit um eine Straßenumbenennung ins Kreuzfeuer geraten ist. Befürworter einer Ehrung des umstrittenen Firmengründers berufen sich genauso auf Schöllgens Werk wie die Gegner.

SZ: Herr Schöllgen, wie haben Sie die Coburger Debatte verfolgt?

Gregor Schöllgen: Aus der Distanz, ich bin ja kein Coburger. Die Frage, ob die Stadt eine Straße nach Max Brose benennt, hat mich nur bedingt interessiert. Noch weniger hätte mich das interessiert, wenn nicht mein Name und meine Brose-Monografie in diese Debatte hineingeraten wären.

Sie waren plötzlich der Sündenbock.

Ja, Sündenbock auf der einen Seite, andererseits haben sich alle auf mein Buch bezogen: Die einen, weil sie eine Straßenumbenennung wollten. Und die anderen, weil sie diese gerade nicht wollten.

In die Kritik gerieten Sie vor allem, weil sich keine Fußnote in Ihrem Buch findet.

Ich habe 21 Monografien veröffentlicht. Ein Drittel davon hat keine Fußnoten. Das hängt unter anderem davon ab, an welches Publikum sich das Buch richtet. In diesem Fall gibt es einen Anhang. Da kann sich jeder informieren, welche Quellen meine Mitarbeiter und ich eingesehen haben. Im Zweifelsfall muss man sich darauf verlassen können, was der Autor schreibt. Das ist nicht anders als bei Ihrer Zeitung.

Eine Zeitung hat keinen wissenschaftlichen Anspruch.

Aber den Anspruch, solide zu recherchieren. Unser Anspruch besteht darin, eben das zu tun - und dabei den Kriterien wissenschaftlicher Arbeit zu genügen.

Die Kritik kommt von Wissenschaftlern.

Ich schreibe solche Monografien seit 15 Jahren. Auch meine Willy-Brandt-Biografie kommt ohne Fußnoten aus. Und ich bin weiß Gott nicht der einzige Historiker, der Bücher ohne wissenschaftlichen Apparat vorlegt. Ich verstehe die Kritik nicht. Bis zur Coburger Debatte gab es sie auch nicht.

Max Brose

Dauerclinch: Die Rolle von Max Brose in der NS-Zeit sorgt in Coburg, dem Stammsitz des Unternehmens, nach wie vor für heftige Diskussionen.

(Foto: Brose/dpa)

Die Grundbedingung von Wissenschaft ist Nachprüfbarkeit.

Das ist aber keine Dissertation. Die Arbeit muss wissenschaftlich haltbar sein. Das entspricht meinem Selbstverständnis.

Verstehen Sie, wenn Kollegen kritisieren: Das ist ein Auftragswerk von Brose?

Nein, das verstehe ich nicht. Natürlich ist das ein Auftragswerk. Dazu stehe ich. Und ich vertrete seit Jahren offensiv die These, dass auch Geisteswissenschaftler in der Lage sein müssen, Aufträge einzuwerben. Übrigens auch abzulehnen. Weil mir keine uneingeschränkte Akteneinsicht gewährt wurde, habe ich ein Angebot des Bundesnachrichtendienstes nicht angenommen. In der Regel geht unser Zentrum für Angewandte Geschichte auf Unternehmen und andere Institutionen zu. Die Aufträge sind keine Selbstläufer, das ist harte Arbeit.

Wenn Ihre Auftragsarbeiten fertig sind, gibt es nur zwei Möglichkeiten . . .

. . . entweder die Monografie wird in Gänze publiziert. Oder überhaupt nicht.

Ist die mit der Uni vereinbarte Vergütung davon abhängig, ob publiziert wird?

Nein, von keiner Seite. Im Übrigen kann ich Ihnen versichern: Heute vergibt keine Firma einen solchen Auftrag, um etwas schönschreiben zu lassen. Jeder Historiker, der das machen würde, liefe Gefahr, seinen Ruf zu verlieren. Vorausgesetzt er hat einen zu verlieren. Das habe ich.

Kritiker monieren, dass Sie aus Firmengeschichten vor allem das destillieren, was für den historisch Beschuldigten spricht.

Das habe ich nie erkennen können. Nochmals die Frage: Warum sollte ich das tun? Den Auftrag habe ich ja, und meinen Ruf setze ich nicht aufs Spiel. Um keinen Preis.

Was war Max Brose für eine Figur?

Er war der typische Firmengründer, der sein Unternehmen durch einen Weltkrieg, die Inflation und die Weltwirtschaftskrise gebracht hat. Brose ist sehr spät - nach Verhängung der Aufnahmesperre und wohl auf Druck der lokalen Nationalsozialisten - in die NSDAP eingetreten. Er stand vor der Entscheidung: Entweder ich gebe im schlimmsten Fall die Firma auf, es wird ein Kommissar eingesetzt, der sie dahin bringt, wo sie hinsoll: nämlich Rüstungsgüter zu produzieren. Oder ich passe mich den Umständen an. Das hat er gemacht.

Gregor Schöllgen, 66, war bis 2017 Ordinarius für Geschichte in Erlangen. Als Autor von Standardwerken hatte er einen exzellenten Ruf. Sein "Zentrum für Angewandte Geschichte" ist umstritten.

(Foto: Glasow/oh)

Er hatte keine andere Wahl, als im Jahr 1933 in die NSDAP einzutreten?

Jeder hatte eine Wahl. Dass er keine andere Wahl hatte, habe ich nie behauptet. Aber ich habe auch gesagt, was er andernfalls zu erwarten gehabt hätte.

War Brose ein Profiteur?

Brose hat wie die allermeisten Unternehmer davon profitiert, dass er im Dritten Reich sein Unternehmen fortgeführt und von einem bestimmten Zeitpunkt an ausschließlich Rüstungsgüter produziert hat. Wozu er aufgefordert wurde. Deshalb heißt das entsprechende Kapitel meines Buches: "Kanister und Patronen".

War Max Brose ein Vorbild?

Es war nie meine Absicht, Brose so oder so zu charakterisieren. Ich habe nie gesagt, dass er ein Vorbild, ein abschreckendes Beispiel oder sonst was war. Das war und ist nicht meine Aufgabe.

Haben Sie es als Historiker jemals erlebt, dass eines Ihrer Bücher so diametral unterschiedlich ausgeschlachtet wurde?

Nein, noch nie. Und ich frage mich auch, wie es dazu kommen konnte. So wurde etwa unterstellt, ich hätte die Rolle Broses als Abwehrbeauftragter, eingesetzt von der Wehrmacht, nicht berücksichtigt. Tatsächlich habe ich die Berichte zitiert, in denen der Sicherheitsdienst der SS der Frage nachging, ob Max Brose für diese Aufgabe taugt oder nicht. Die SS war davon übrigens nicht überzeugt. Zu unterstellen, ich hätte das nicht berücksichtigt, geht hart an den Rand der Rufschädigung.

Hätten Sie eine Straße nach ihm benannt?

Ich bin kein Politiker. Meine Aufgabe war es, die Historie eines Unternehmens nach bestem Wissen und Gewissen aufzuschreiben. Punkt. Und ich setze mich zur Wehr, wenn andere mit meiner Arbeit Schindluder treiben. Egal in welcher Absicht.

Darf man Geschichte zu Kapital machen?

Auch wir Geisteswissenschaftler müssen uns darum kümmern, dass sich die Öffentlichkeit für unsere Arbeit interessiert. Insofern ja: Unser Zentrum für Angewandte Geschichte kapitalisiert Geschichte. Wir bieten Dienstleistungen an. Das sollte eine Selbstverständlichkeit sein. Als ich 2007 meine Kernthesen vorgestellt habe, gab es positive Resonanz vor allem von drei Seiten: von Studierenden, von Vertretern des öffentlichen Lebens und der Wirtschaft.

Aber aus der Fachwissenschaft kam auch die Reaktion: Herr Kollege, geht's noch?

Natürlich. Weil es andere unter Zugzwang bringt. Unser Zentrum ist eine Erfolgsgeschichte. Oft kopiert. Und ja, es macht mir Spaß, kontrolliert zu provozieren. Aber mein Ansatz ist innovativ, und er ist tragfähig. Im September wird meine 1000-seitige Biografie über Gerhard Schröder erscheinen. Ich hatte uneingeschränkten Zugang zu sämtlichen Papieren, auch zu seinen persönlichen. Das macht ja ein Bundeskanzler a. D. nicht einfach so. Und ich habe ihm gesagt, was ich allen sage, die mir ihre Biografie anvertrauen: Am Ende weiß ich mehr über Sie und Ihre Familie als Sie selbst. Er hat das akzeptiert.