Süddeutsche Zeitung

Rassismus-Debatte in Coburg:Das verzwickte Stadtwappen

Den "Mohren" im Wappen wollen einige loswerden. Ein solches Unterfangen gab es schon einmal. Damals war die Stadt ihrer Zeit voraus - auf maximal unrühmliche Weise.

Kolumne von Olaf Przybilla

Das Stadtwappen abändern? Einer, der sich das in Coburg schon mal zur Aufgabe gemacht hat, schickte ein paar Vorüberlegungen voraus. Für die Änderung des tradierten Wappens, das nach überliefertem Sprachgebrauch ein "Mohrenkopf" ziert, müsse ein "zwingender Grund" vorliegen. Den aber gebe es in Coburg, wo man mit symbolhaftem Akt einen Strich unter "die alte Zeit" ziehen und "eine neue" markieren wolle.

Nun ist das mit der alten Zeit und dem Strichziehen eine etwas verzwickte Sache, es kommt da sehr auf die Perspektive an. Der "Mohren"-Ausradierer jedenfalls sah in seiner Begründung Coburg als Avantgarde, der es insofern gut zu Gesicht stehe, voranzuschreiten und das Wappen abzuändern. Gar "in vorderster Linie" sah er die Coburger Vorkämpfer.

Superlativen aus der Halbprovinz haftet ja oft etwas Peinliches an, in dem Fall indes lagen die Fakten auf dem Tisch. Coburg war zu der Zeit, als es dem Wappen an den Kragen ging, seiner Zeit tatsächlich voraus - auf maximal unrühmliche Weise: Hier gab es erstmals eine absolute Mehrheit für die NSDAP, hier flatterte die Hakenkreuzfahne erstmals an einem Amtsgebäude, hier gab es den ersten Nazi als Stadtbürgermeister. Franz Schwede hieß der, das ist jener Herr, von dem die eingangs genannten Zitate stammen.

Jener Obernazi der Stadt war übrigens nur zum Teil erfolgreich mit seiner Wappenattacke. Von 1934 bis 1945 wurde zwar der sogenannte Mohr mit SA-Dolch samt Hakenkreuz ersetzt. Verehrt aber wurde der städtische Schutzpatron heimlich weiter. Und nach dem Krieg bekam er seinen angestammten Platz zurück - im Wappen. Und nun? Könnte der "Mohr" erneut ersetzt werden, eine entsprechende Petition hat jetzt viel Zulauf.

Aber ist das nicht sehr unfair, jenen ersten Versuch mit dem zweiten - der edelste Motive verfolgt und nur das Beste will - in Beziehung zu setzen? Ja, schon. Und trotzdem würde jene Petition nolens volens das exekutieren, was durchzusetzen den Nazis nicht vergönnt war: die Verbannung des Schutzheiligen aus der Stadt.

Ob's so weit kommt? Eine Petition "pro Mohr" hat inzwischen mindestens so viel Zulauf wie die der Wappenstürmer. Vielen wird gerade erst bewusst, was es mit dem "Mohren" überhaupt auf sich hat. Ein Verdienst beider Petitionen.

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SZ vom 30.06.2020/vewo
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