Süddeutsche Zeitung

Streit um "Max-Brose-Straße" in Coburg:"Mein Großvater ist ein Vorbild"

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Von Katja Auer, Coburg

Für Michael Stoschek ist die Sache klar. Das war sie zwar längst, aber jetzt meint er den ultimativen Beweis vorzulegen dafür, dass sein Großvater Max Brose "ein Vorbild" war und dass er "jede Form der Ehrung verdient hat". Dass also eine Straße in Coburg nach ihm benannt werden müsse, heißt das. Nicht trotz, sondern "insbesondere auch wegen seines Verhaltens im Dritten Reich." Der Enkel des Unternehmensgründers und heutige Firmenchef hat am Mittwoch in den Coburger Firmensitz geladen, zu einem weiteren Kapitel in der seit mehr als zehn Jahren währenden Diskussion über die Rolle Max Broses in der NS-Zeit und der Frage, ob man eine Straße nach ihm benennen könnte, sollte oder müsste. Ein Bild des Großvaters wird über ihm an die Wand projiziert.

2004 hatte der Stadtrat mit knapper Mehrheit die Umbenennung der Straße vor dem Brose-Werk nach dessen Gründer abgelehnt, zu unklar sei seine Rolle in der Nazi-Zeit. Elf Jahre später korrigierte das Gremium mit 30 zu acht Stimmen seine Haltung von damals, die ohne ausreichende Beratung und ohne gründliche Vorbereitung erfolgt sei. Ein bemerkenswerter Akt einen eigenen Beschluss herabzuwürdigen, benannt als Rehabilitierung Max Broses, auf welche in einem zweiten Schritt am 21. Mai doch noch die Umwidmung einer Straße folgen soll. Zwar zeichnet sich ab, dass Bürgermeister Norbert Tessmer (SPD) nicht mehr so viele Stadträte folgen werden wie beim ersten Beschluss, aber für eine Mehrheit wird es wohl reichen. Eine eindeutige erhofft sich Stoschek.

Stosckek hält den Großvater für "völlig rehabilitiert"

Der nun zitiert am Mittwoch aus dem Urteil der Entnazifizierungskammer, die 1949 zu dem Schluss kam, dass Brose ein Mitläufer gewesen sei. 2000 Mark musste er deswegen in den Wiedergutmachungsfonds einzahlen. Genau durch jenen Begriff, den des Mitläufers, der im Entnazifierungsgesetz als zweitniedrigste von fünf möglichen Gruppen festgelegt ist, sieht Stoschek seinen Großvater als "vollständig rehabilitiert" an. Denn der Kammer zufolge sei "mit einer an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit anzunehmen, dass der Betroffene in seinem Innern kein Nationalsozialist gewesen ist". Gleichgültig sei er der Ideologie gegenüber gestanden. Brose sei nicht aus politischen, sondern aus wirtschaftlichen Interessen in die Partei eingetreten, befindet die Kammer. Auch dass er Handelskammerpräsident, Wehrwirtschaftsführer und Reichskommissar war, bedeute keine politische Belastung nach dem Befreiungsgesetz.

Also, sagt Stoschek, gebe es nun keinen Grund, seinem Großvater die Ehrung mit einem Straßennamen zu verweigern.

Über moralische Bedenken will er nicht diskutieren und auch nicht darüber, ob jemand zum Vorbild taugt, der sich einer menschenverachtenden Ideologie "gleichgültig" zeigt, wenn es dem wirtschaftlichen Erfolge dient. Brose beschäftigte Zwangsarbeiter, das steht fest, aber er habe sie gut behandelt, ist im Urteil nachzulesen. Er habe Misshandlungen nicht geduldet, heißt es da, und mit Rundschreiben und Anschlägen darauf aufmerksam gemacht. Auch habe er russische Kriegsgefangene zu Weihnachten beschenkt.

Belastendes wischt Stoschek weg

Das Urteil umfasst vier Seiten und datiert vom 23. Juli 1949. Seit zwei Tagen erst habe er das Schriftstück, sagt Stoschek, das er als "unumstößlich und juristisch entscheidend" bewertet. Dass die Akte der Reichskammer über seinen Großvater mehr als 700 Seiten umfasst, die nicht nur Entlastendes, sondern auch Belastendes enthalten, wischt Stoschek weg. Die Geschichte seines Großvaters sei "endgültig und abschließend erforscht". Er verweist auf das Buch eines Erlanger Historikers, das zum 100. Firmenjubiläum erschien.

Die evangelische Kirche und der Zentralrat der Juden hatten sich gegen die "Rehabilitierung eines NS-Mitläufers und Wirtschaftsfunktionärs", wie es dessen Vorsitzender Josef Schuster formulierte, ausgesprochen, ebenso wie gegen eine Max-Brose-Straße. Aber auch die Bedenken jener, deren Familien von der Partei verfolgt wurden, der sein Großvater angehörte, sieht Stoschek nun ausgeräumt. Er erwarte, dass auch diese, wenn sie das Urteil gelesen hätten, ihre Vorwürfe zurücknähmen.

Stoschek sagt, er sei im Hinblick auf die Stadtratssitzung in drei Wochen überzeugt, "dass die historische Leistung meines Großvaters gewürdigt wird". Dessen unternehmerischer Erfolg und die damit verbundene Bedeutung für Coburg wurden im Übrigen niemals in Frage gestellt. Dass er wirtschaftlich Einfluss nehme auf politische Entscheidungen, bestreitet Stoschek - auch wenn er Spenden kürzte, weil er den Beschluss von 2004 als Beleidigung empfand. Aber wie zum Beweis der Verbundenheit des Unternehmens mit der Stadt, sitzt der Betriebsratsvorsitzende von Brose neben seinem Chef. Er sei da, um ihm "das Vertrauen der Belegschaft entgegenzubringen", liest er vor. Der Auftritt sei die Idee des Betriebsrats gewesen, sagt die Unternehmenssprecherin. Gefragt hatte niemand danach.

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SZ vom 30.04.2015
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