Süddeutsche Zeitung

Oberfranken:Ein Zar kehrt heim

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Im Exil wurde Ferdinand I. von Bulgarien 1948 in Coburg bestattet – in einem „Reisesarg“. Seine letzte Ruhe wollte der abgedankte Herrscher in seiner Heimat finden. Jetzt geht sein Wunsch in Erfüllung.

Von Olaf Przybilla, Coburg

Peter Fischer, katholischer Pfarrer in Coburg, macht keinen Hehl daraus. Als er 2019 seinen Dienst in St. Augustin angetreten ist, wusste er über bulgarische Geschichte, den Zaren Ferdinand und eine Grablege europäischer Dimension an seinem neuen Arbeitsplatz nur das Allernötigste. Die Geschichte vom Coburg-Spross Prinz Albert und Queen Victoria – klar, die haben in Oberfranken so ziemlich alle drauf. Aber die katholische Nebenlinie des Herzogshauses, der abgedankte Bulgarien-Zar in seinem Coburger Exil und dessen „Reisesarg“? Das ist dann doch eher für Feinschmecker.

Um das Wichtigste gleich abzuklären: An diesem Mittwoch wird in Sofia eine Regierungsmaschine abheben, sie wird in Nürnberg landen und dort bestückt werden mit den sterblichen Überresten des ehemaligen Zaren Ferdinand, die dem besagten „Reisesarg“ aus der Pfarrkirche St. Augustin entstammen. Im Oktober 1918 hatte Ferdinand als Zar in Bulgarien abgedankt, Wien – wo er aufgewachsen ist – wäre ein schönes Ziel gewesen, Österreich aber verweigerte sich. Also weiter nach Coburg, zu den dynastischen Wurzeln der Familie.

Wer das Wort „Reisesarg“ in so einem Zusammenhang bislang nicht im aktiven Sprachschatz parat hat, den kann Peter Fisch beruhigen. Fisch ist Politikwissenschaftler und Pfarrgemeinderat in Coburg, er hatte Kapazitäten zuletzt und hat sich in die Materie eingearbeitet. Egal, mit welchem Experten er sich über die Causa unterhalten hat in den vergangenen Wochen – Bestatter, Denkmalschützer, Botschafter –, alle sagten irgendwann den Satz: „So was hatte ich auch noch nie.“ Oder ließen das zumindest durchblicken.

Warum der „Reisesarg“? Nun, der Zar im Exil wollte seine letzte Ruhe, wie man so sagt, nicht in Franken finden, sondern in Bulgarien. Da aber standen 1948, im Todesjahr des Ex-Zaren, die Vorzeichen für das Zelebrieren aristokratischer Traditionslinien nicht zum Besten. Es war gerade Sozialismus angesagt. Der Sarg mit den sterblichen Überresten blieb also in Franken, mehr als ein dreiviertel Jahrhundert lang.

Wobei – auch das gehört zu den Volten dieses Falls – der mit rotem Samt bezogene Reisesarg weiterhin in Coburg zu besichtigen sein wird, für die Gemeinde unverhofft. Er ist längst zum Denkmal geworden, dem Außer-Landes-Bringen sind da enge Grenzen gesetzt. Weshalb dieser Tage auch ein Bestattungsinstitut im Einsatz war. In einer Gruft des Vrana-Palastes in Sofia soll Ferdinand dieser Tage seine letzte Ruhe finden.

Der Sarg dagegen wird auch künftig zu Füßen des elterlichen Marmorgrabes in der Coburger Gruft zu sehen sein und dort an die Geschichte eines Mannes erinnern, dessen Lebenslauf von zwei Zäsuren geprägt war. Ferdinand kam 1861 als fünftes Kind seiner Eltern zur Welt, als Nachzügler gewissermaßen. Ohne größere Aussichten auf ein hohes Amt soll er das Leben entsprechend genossen haben. Das Schicksal wollte es freilich, dass er mit 25 ohne Regierungserfahrung die Herrschaft in einem Land übernahm, das zu der Zeit nicht im Ruf stand, zu den fortschrittlichsten in Europa zu zählen. Der technikaffine Neuherrscher, seit 1908 ein Zar, wusste das zu ändern – führte aber auch Kriege, was seinem Bild in der ehemaligen Heimat später nicht zuträglich war.

Die zweite Zäsur folgte 1918. Im Vortrag, den Peter Fisch mit Blick auf die anstehende Überführung Ferdinands kürzlich gehalten hat, ist dieses Kapitel mit „Endstation: Coburg“ überschrieben. Fast 30 Jahre privatisierte der ehemalige Zar im Fränkischen. Finanziell einigermaßen ausgestattet, vertrieb er sich die Zeit mit Ornithologie, Naturkunde und Richard Wagner – und trat als großzügiger Förderer in Erscheinung: auf der Coburger Veste, im Landestheater und der Gemeinde St. Augustin wusste man Gutes zu berichten über den Mann im Exil.

Zum Ehrenbürger machte ihn die Stadt Coburg. Dort kann man noch weitere Spuren des abgedankten Zaren finden, nicht zuletzt bei feierlichen Anlässen. Wer in Coburg heiratet, muss dazu den einstigen Wohnsitz von Ferdinand betreten, ein Palais in Sichtweite des Landestheaters, bei Einheimischen auch als „Bulgaren-Schlösschen“ ein Begriff. Heute ist dort das Standesamt untergebracht.

Ansonsten? Der Coburger Beitrag zur Geschichte des britischen Herrscherhauses wird in Oberfranken traditionell zelebriert, zuletzt war der Zulauf am Kondolenzbuch für die Queen „schier unglaublich“, berichtet Stadtsprecher Louay Yassin. Dass in St. Augustin, wo auch eine brasilianische Prinzessin ihre letzte Ruhe gefunden hat, Wohl und Wehe mindestens der europäischen Geschichte an einem Herrscherhaus entlang erzählt werden kann, ist selbst Einheimischen kaum bewusst, sagt Peter Fisch. Vielleicht ändere sich das ja jetzt ein wenig, hofft er. Wenn auch durch einen Verlust.

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