Süddeutsche Zeitung

Kulturpolitik:"Das ist eine Riesenchance"

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Claudia Roth von den Grünen wird neue Kulturstaatsministerin. In ihrem Wahlkreis Augsburg lobt man ihre integrative Kraft - und hofft auf Impulse.

Von Sabine Reithmaier, Egbert Tholl und Michael Zirnstein, Augburg

Claudia Roth und die Kultur, das liegt nahe. Da fallen vielen Anekdoten über gesellige, heitere, nachdenkliche Begegnungen ein. Mehr wohl als bei der bisherigen Kulturstaatsministerin Monika Grütters, die Roth nun beerben soll. Der eine erinnert sich an ein Konzert mit den Anarcho-Rockern Ton Steine Scherben in den Achtzigern, wo er sie backstage als deren Managerin erlebt hat, eine andere saß neben der masskrugschwenkenden Bundestagsabgeordneten am VIP-Balkon beim Wiesn-Anstich. Besonders viele Erlebnisse werden gerade in ihrem Wahlkreis Augsburg erzählt. Ihr Büroteam kann auf Anfrage die genaue Zahl der von der Grünen-Politikerin in einem Nicht-Corona-Jahr besuchten Veranstaltungen nicht beziffern.

Es sei ihr aber wichtig, in ihrem Wahlkreis die vielen unterschiedlichen Angebote wahrzunehmen, sagt man dort und zählt beispielsweise "Kinos, Freilichtbühne, Festivals und Konzerte, das Friedensfest mit seinem Begleitprogramm, Kulturempfänge, Ausstellungen und Premieren, ebenso die Industriekultur und das als Unesco-Welterbe ausgezeichnete Wassermanagementsystem" (als dessen Schirmherrin Roth fungiert) auf.

Bei vielen dieser Gelegenheiten bis hin zum CSD hat Kulturreferent Jürgen Enninger sie erlebt, und das stets "zugewandt, empathisch, interessiert, offen, begeistert". Gleich nach seinem Amtsantritt sei sie als eine der Ersten von sich aus vorbeigekommen. Dabei entstand ein spaßiges Corona-Abstandsfoto, das Enninger gerade wieder in Vorfreude auf "viele Berührungspunkte" auf Facebook gepostet hat.

Wie in Michelangelos "Die Erschaffung des Adam" nähern sich da ihre Zeigefinger ... Ja, er findet sie prima, "nicht nur als Kulturreferent, sondern auch als schwuler Mann. Es ist atemberaubend, was sie für unsere Szene bewegt hat." Und diese Offenheit und Vielfalt, die verstehe und lebe sie in der Kultur, in der queeren, der migrantischen, im Pop und in Clubs, föderal und in der Fläche. "Das ist eine Riesenchance."

Roth machte sich stark für Kultur als "demokratierelevanten" Faktor

Auch André Bücker, Intendant des Augsburger Staatstheaters, sieht in Roth "genau die Richtige auf dieser Position". Er kenne sie schon lange, sie gehe oft ins Theater, sie sei eine kompetente Gesprächspartnerin. "Vor allem hat sie jetzt die Aufgabe, die Künstler, die freien wie die Institutionen, zu stützen, ihre Bedeutung im gesellschaftlichen Gesamtzusammenhang herauszustellen. Es ist wichtig, dass die Bedeutung von Kunst neu definiert wird." Obwohl auch das Augsburger Theater bisweilen Bundesmittel erhält (etwa vor zwei Jahren beim Südafrika-Projekt oder für digitale Projekte), glaubt Bücker nicht, "dass Claudia Roth nun aus reinem Lokalpatriotismus Augsburger Künstler fördert". Sie sei ja nicht "die Weihnachtsfrau".

Beim städtischen Kulturempfang Augsburgs, der heuer eine Video-Schalte war, versprach Roth im Bundeswahlkampfmodus jedenfalls keine Geschenke speziell für Augsburg. Sie machte sich generell für Kultur als "demokratierelevanten" Faktor stark, die eine "krisenfeste Struktur" brauche: "Sie muss zur Pflichtaufgabe werden, das muss auch Folgen für die Kommunen haben", sagte sie. Roth forderte zum Beispiel geschlechtergerechte, generell angemessene Mindesthonorare für Künstler auch bei städtischen Projekten.

Das kam bei den Betroffenen an. Ein großes Herz für die freie Szene attestiert ihr Susanne Reng, Leiterin des Jungen Theaters Augsburg. "Wir sind ihr sehr verbunden und freuen uns außerordentlich über ihre Ernennung", sagt sie. Roth war mehrmals zu Gast im Jungen Theater, das sich auch als Bürgerbühne versteht. Für deren als Theaterproduktion konzipiertes Projekt "Musik im Blut!?" fungierte sie 2019/20 sogar als Schirmfrau, erlebte mit, wie die Corona-Pandemie das Theater zwang, das Projekt ganz neu zu denken und statt einer Bühneninszenierung Podcasts zu entwickeln. Reng hofft, dass es Roth gelingt, "den Fokus mehr auf die freie Szene zu lenken". Eine Befürchtung hat sie aber auch: "Vermutlich wird sie es nicht mehr schaffen, leibhaftig aufzutauchen, weil sie noch mehr Termine haben wird als bisher."

"In diesen Zeiten ist es wichtig, dass jemand als starke Advokatin auftritt"

Das befürchtet auch Kathrin Mädler, Intendantin des Landestheaters Schwaben in Memmingen. Das Haus kennt Claudia Roth sehr lange aus eigener Erfahrung, hat sie hier doch nach einem ersten Praktikum in den Schulferien nach dem Abitur 1974 als Dramaturgie- und Regieassistentin hospitiert. Vor eineinhalb Jahren wäre sie fast wieder einmal ins Theater gekommen, um über Nachhaltigkeit zu diskutieren, passend zu einem Stück, das Mädler geplant hatte. "Das hat sich dann alles wegen Corona zerschlagen", sagt Mädler, "und jetzt werden wir sie wohl nicht mehr kriegen." Unabhängig davon hält sie Roth genau für die richtige Persönlichkeit, um die notwendige Debatte über die existentielle Bedeutung der Kultur für den Zusammenhalt der Gesellschaft zu führen. "Ich traue ihr ein integratives Moment zu, wenn nach der Pandemie die Verteilungskämpfe innerhalb der Kulturszene losgehen."

Karl Borromäus Murr, Leiter des Staatlichen Textil- und Industriemuseums (tim), weiß: "Sie mag aber unser Haus." Murr, der auch im Kulturbeirat der Stadt sitzt, weiß um die Nöte der selbständigen Künstler oder der Laienbühnen. Alle benötigten Unterstützung, viele stünden vor dem existenziellen Aus. "In diesen Zeiten ist es wichtig, dass jemand als starke Advokatin auftritt." Von bundesweiten Förderprogrammen würde auch sein Haus profitieren.

Christof Trepesch, Direktor der Kunstsammlungen und Museen Augsburg, hat Roth mehrmals persönlich erlebt. "Sie hat als Bundestagsvizepräsidentin unser Ausstellungsprogramm aktiv gefördert und mehrmals Ausstellungen bei uns eröffnet, darunter beispielsweise ,Magie vom Dach der Welt' mit Schmuckobjekten aus Tibet." Mit ihrer Unterstützung seien auch Werke regionaler und internationaler Künstler, die in Ausstellungen der Kunstsammlungen Augsburg vertreten waren, für die Sammlung des Deutschen Bundestages angekauft worden. "Wir hoffen sehr, dass Claudia Roth auch in ihrer neuen Funktion die Augsburger Kunst- und Kulturszene weiterhin so tatkräftig unterstützen und fördern wird."

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