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Chronisch krank:Das Diabetes-Dilemma

Diabetes

Wie viel Insulin braucht's, um die Brotzeit zu essen? Auch in der Schule müssen Kinder ihren Blutzucker bestimmen und mit Pen oder Pumpe spritzen.

(Foto: Jens Kalaene/dpa)

Wie sollen Schulen mit zuckerkranken Kindern umgehen? Das Ministerium stärkt die rechtliche Position der Lehrer, Eltern aber sind auf Kooperation angewiesen

Spontan unterwegs ein Eis essen oder einfach mal bei Freunden übernachten: Kinder, die an Diabetes Typ 1 leiden, müssen dabei immer ihren Blutzucker im Hinterkopf behalten. Und auch in der Schule müssen sie regelmäßig ihre Blutwerte kontrollieren und Insulin spritzen. Dass gerade kleine Kinder dabei Unterstützung von Erwachsenen brauchen, darüber sind sich Eltern und Mediziner einig. Doch wer diese Hilfestellung an Schulen geben soll, darüber gehen die Meinungen auseinander. Am Mittwoch berichtete die SZ von einem Fall im Landkreis Weilheim: Zweimal musste ein kleines Mädchen dort bereits die Schule wechseln, weil keine Lehrkraft beim Ablesen der Blutwerte assistieren wollte. Ein krasser Einzelfall?

"Ich kenne Diabetes bei Schülern nicht als Problem", sagt Konstanze von Unold. Sie ist Grundschulrektorin und leitet die Regionalgruppe München/Oberbayern im Grundschulverband Bayern. "Im Normalfall ist das ein gut handle-bares Thema. Ich kann mir nicht vorstellen, warum eine Lehrkraft damit ein Problem haben sollte." Bei der Einschulung brauche die Schule ein ärztliches Gutachten, das genau erklärt, was bei dem Kind zu beachten sei. Anschließend kämen Eltern mit den Lehrern zusammen - alles kein Problem.

Beim Diabetikerbund Bayern liefen immer wieder Problemfälle auf, sagt die stellvertretende Verbandsvorsitzende, Marion Köstlmeier. Der zuckerkranke Bub aus München etwa, der im September eingeschult wurde. Sein Patenonkel versichert der SZ, die Schule bereits bei der Einschulung über die Diabetes und nötige Maßnahmen bei der Behandlung informiert zu haben. Die Schule bestätigt das. Ein ordnungsgemäßer Antrag über medizinische Maßnahmen läge aber nicht vor. Seit Beginn des Schuljahres muss die Mutter des Sechsjährigen deshalb in jeder Pause kommen, um beim Messen zu helfen und dafür ihre Ausbildung unterbrechen, eine finanzielle Belastung für die Familie.

Immer mehr Schulen berufen sich seit Beginn des Schuljahres auf ein Schreiben des Kultusministeriums vom August dieses Jahres. Dieses betont, dass ein Lehrer sich zu "medizinischen Hilfsmaßnahmen" wie Blutzuckermessen oder Spritzen von Insulin schriftlich bereit erklären muss. Passiert dem Kind dabei etwas, haftet der Freistaat. Lehrkräfte selbst sind nur haftbar zu machen, "wenn schon ganz naheliegende Überlegungen nicht angestellt wurden und das nicht beachtet wurde, was im gegebenen Fall jedem einleuchten müsste". Im Falle von Diabetiker-Kindern heißt das etwa: Wird es blass oder sagt, dass es sich unwohl fühlt, muss das Kind Traubenzucker oder ein paar Schlucke zuckerhaltige Limonade bekommen - auch außerhalb der Schulpausen. Darüber hinaus sind Diabetiker-Kinder genauso belastbar wie ihre Mitschüler.

"Im Alltag sollte Diabetes für Kinder keine große Einschränkung sein", sagt Désirée Dunstheimer, Leiterin der Kinderdiabetologie am Klinikum Augsburg. Sie ermutige Eltern, ihr Kind auch allein auf Klassenfahrten oder ins Schullandheim mitfahren zu lassen - was nicht allen Eltern leicht falle. "Etwas wirklich Schlimmes kann aus unserer Sicht nicht passieren, wenn das Kind mit der Blutzuckermessung und Insulintherapie vertraut ist."

Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands, plädiert für eine offene Kommunikation. Eltern wie Lehrkräfte müssten ihre Bedenken äußern dürfen, damit man für das Kind gemeinsam eine schnelle und gute Lösung finden könne. "Als Schulleiterin muss ich dann dafür sorgen, dass sich meine Lehrkräfte wohlfühlen. Und das Kind muss die bestmöglichen Chancen bekommen, in einer Atmosphäre zu lernen, in der es sich wohl und sicher fühlt."

Typ-1-Diabetes ist eine Autoimmunerkrankung. Wie viele Kinder in Bayern betroffen sind, lässt sich nicht eindeutig sagen, der Freistaat führt kein offizielles Diabetes-Register. Im Diabetesbericht des Landesamtes für Gesundheit (2014) werden 3500 bis 4500 Fälle bei Unter-20-Jährigen angeführt. Und es werden immer mehr: Bei der DAK Bayern etwa hat sich die Zahl der Kinder, die am Gesundheitsprogramm für Typ-1-Diabetes teilnahmen, in den letzten drei Jahren mehr als verdoppelt, seit 2007 sogar verdreifacht.