Auf den ersten Blick scheint es kaum zwei Schriftsteller zu geben, die weiter voneinander entfernt sind: Hier der vielgerühmte Jean Paul, berüchtigt für die Abschweifungen seines ausufernden Werkes. Dort die vielgepriesene Christine Wunnicke, die nach der Entgegennahme des Jean-Paul-Preises lakonisch über ihre sehr kurzen Romane sagt: „Ich schmeiße immer die Hälfte weg, wenn ein Kapitel fertig ist.“
Und doch könnte es keine passendere Preisträgerin geben, wie sich am Freitagabend im herrlichen Markgräflichen Opernhaus in Bayreuth erweist. „Jean Paul liebe ich heiß und innig“, bekennt Christine Wunnicke, und welche Auswirkungen ausgerechnet dieser eigenwillige Schriftsteller aus Oberfranken, dessen 200. Todestag in diesem Jahr ansteht, auf ihr eigenes Schreiben hatte, wird noch zu erzählen sein.
Doch erst einmal zu den Formalitäten, zu denen die Überreichung einer Urkunde gehört – „mit mehr Text als mancher Roman von Ihnen“, wie Kunst- und Wissenschaftsminister Markus Blume frotzelt. Damit verbunden ist ein schönes Preisgeld von 20 000 Euro, und überhaupt hat der Freistaat seine Literaturförderung in den vergangenen fünf Jahren insgesamt verdoppelt, wie Blume stolz berichtet; gewiss ein Grund, sich an diesem Abend als „Literaturland Bayern“ ein bisschen selbst zu feiern.
In Bayern besitze man auch „Mut zur Exzentrik“, sagt Blume – und damit zu einer Preisträgerin wie Wunnicke. Er würdigt die Münchner Autorin als „Chirurgin unter den Schriftstellern“, ihren „messerscharfen Humor“ hervorhebend, ihre „extrem präzise Sprache“ – alles Zuschreibungen, die man beispielsweise an ihrem aktuellen Roman „Wachs“ über die französische Anatomin Marie Biheron aus dem 18. Jahrhundert bewiesen findet. Und wenn Wunnicke berichten wird, dass sie für diesen Roman eigenhändig das Eingipsen übte („Das ist wirklich, wirklich schwer“) und vom Besuch zweier Obduktionen für das vorvorige Buch profitierte, lernt man: Das Chirurgische liebt sie offensichtlich nicht nur im übertragenen Sinne.
Auffallend ist jedenfalls ihre „Vorliebe für das Extravagante“, wie die Laudatorin Barbara Vinken unterstreicht, sowie „der Witz, den sie mit Jean Paul teilt“. Verblüffend seien ihre Zugänge etwa zur Hysterieforschung im Roman „Der Fuchs und Dr. Shimamura“. Bei historischen Wiederentdeckungen wie zuletzt der Sängerin, Feministin, Pornografin und Satirikerin Margherita Costa lasse schon der Titel dahinschmelzen: „Die schöne Frau bedarf der Zügel nicht“. Und bei „Wachs“ ist Vinkens Lieblingsstelle eine Verführungsszene zwischen der Anatomin und einer Malerin, als „hinreißende Ver- und Enthüllung“ in der Kirche Notre Dame inszeniert.
Es sind immer wieder „wahnsinnig obsessive, sture Leute“, die absichtslos ihr Interesse wecken, wird Wunnicke später im Gespräch mit der Autorin Katrin Schumacher sagen. Doch erst einmal wird sie in einer Dankesrede ihr besonderes Verhältnis zu Jean Paul klären. Den lernte sie mit 16 Jahren lieben, als ihre Mutter dessen Satire „Dr. Katzenbergers Badereise“ in einer Buchhandlung aus einer Remittenden-Kiste zog. In ihrer Arzt-Familie seien sie alle Katzenberger-Fans geworden – eines seltsamen Anatomie-Professors, so muss man erklären, der ein Faible für Missbildungen hat.

Nun, Christine Wunnicke fing jedenfalls daraufhin an, den „ganzen Jean Paul rauf und runter zu lesen“, und als sie mit Anfang zwanzig schließlich selbst zu schreiben begann, war ihr Credo: „Wie Jean Paul oder gar nicht!“ In jeden Satz wollte sie „alles reinschreiben“, mit Fremdwörtern aus möglichst abgelegenen Disziplinen – „es wurde furchtbar“, sagt sie. Die Folge: „Kann sein, dass ich mich heute so kurz fasse, weil ich ein Jean-Paul-Trauma habe.“
Was sie an diesem Schriftsteller, der übrigens schon Zeitgenossen wie Goethe und Schiller irritierte, am meisten schätzt? Nicht seine „tollen, weisen Worte und seine verrückte Sprachbastelei“. Sondern vor allem seine Figuren: „Ich identifiziere mich mit denen auch irgendwie.“ Immer habe sie dessen Luftschiffer Giannozzo sein wollen, sei aber leider der Feldprediger Schmelzle geworden. Ängstlich statt mutig also? Das solle man selbst lesen, sagt sie nur.
Christine Wunnicke ermuntert an diesem Abend aber nicht nur, Altes neu zu lesen. Sie ermöglicht auch, Altes neu zu hören. Auf ihre Anregung hin trägt das Duo Udite betörend schöne Werke der Komponistin Barbara Strozzi aus dem Hochbarock vor, die wie für diesen hochstimmenden Opernsaal geschaffen wirken. Selbstverständlich gehört auch diese Hommage zu Wunnickes vielen „feministischen Projekten“.
Sie sei dabei nicht auf Historisches fixiert, sagt sie noch, bevor der Abend mit einem Staatsempfang endet, bei dem es sogar vom Genussmenschen Jean Paul inspirierte Speisen gibt. Eigentlich würde Christine Wunnicke, die schon im zarten Alter von vier Jahren Troll-Geschichten erfand, ja gerne mal Science Fiction schreiben. Im Moment aber sitzt sie an einem „Naturkunden“-Buch über Papageien. Jean Paul, soviel ist sicher, ist sie bei alldem sehr nah.

