Christian Stückl im Interview Kleine Strafen in Oberammergau

sueddeutsche.de: Mussten Sie in Oberammergau viel disziplinieren?

Stückl: Ich habe da einen furchtbaren Menschen in einer Hauptrolle, der hat nur Blödsinn im Kopf. Als Angela Merkel im Publikum saß, hab' ich gedacht, den muss ich mir greifen. Der muss einfach wissen, dass ich da bin, sonst sagt der zu seiner Frau auf der Bühne plötzlich "Angela". Er hat dann tatsächlich keinen Blödsinn gebaut. Ansonsten hätte ich ihn für den Rest der Spiele nach Hause geschickt.

sueddeutsche.de: Es gibt in Oberammergau für Vergehen beim Theaterspielen ja allgemein viele kleine Strafen für die Darsteller.

Stückl: Das stimmt und deshalb disziplinieren sie sich selber. Wenn es heißt, Lachen auf der Bühne kostet fünf Euro, dann passt jeder auf.

sueddeutsche.de: Man hat den Eindruck, Deutschlands gesamte Politprominenz war dieses Jahr in Oberammergau. War Horst Köhler in seiner Amtszeit als Bundespräsident auch da?

Stückl: Er war angemeldet, ist dann aber zurückgetreten. Dafür hat Christian Wulff seinen Termin übernommen.

sueddeutsche.de: Bei der Premiere war auch der Vatikan hochrangig vertreten ...

Stückl: ... und am letzten Spieltag sollen offenbar 50 Bischöfe von der Deutschen Bischofskonferenz noch kommen.

sueddeutsche.de: Also dann dürfen Ihre Darsteller da auch keinen Blödsinn machen?

Stückl: Bei unserer letzten Aufführung sind erfahrungsgemäß alle emotional sehr aufgeladen. Den alten Herren, die mit 70, 80 Jahren, die da jetzt noch auf der Bühne stehen, denen laufen den ganzen Tag die Tränen runter. Sie merken, das ist ihr letztes Spiel.

sueddeutsche.de: Für einen Novizen ist es ungewöhnlich, dass bei Passionsspielen nicht geklatscht wird. So war es zumindest bei der Premiere, da hat am Ende tatsächlich keiner applaudiert.

Stückl: Das habe ich anders in Erinnerung, aber ich kann mich irren. Zumindest hat sich das geändert. Es gab mal eine Vorstellung, wo sie nach jeder Szene geklatscht haben. Bei Judas' Verzweiflung zählen die Soldaten mit, welcher Judas am meisten Applaus bekommt. Weil da auch zwischendrin geklatscht wird. Es stand, glaube ich, bei den Judas-Darstellern Carsten Lück und Martin Norz nachher 5:5.

sueddeutsche.de: Hätten Sie es sich gewünscht, dass nicht geklatscht wird?

Stückl: Das ist mir völlig egal. Das kann man auch nicht bremsen. Wir gehen hinterher nicht auf die Bühne. Aber dass die Leute klatschen, ist völlig okay. Der Papst wird ja auch beklatscht, wenn er auf die Bühne geht. Aber es gibt auch viele, die das nicht mögen. Die mit Stille rausgehen wollen.

sueddeutsche.de: Wir sitzen hier an einem Wiesn-Tisch. Da müssen wir auch über das Oktoberfest reden. Das ist hier ja auch eine Art Volkstheater ...

Stückl: Ich gehe so selten auf die Wiesn, dass ich gar nicht über die Wiesn reden möchte. Aber es ist lustig, wie sich die Stadt verändert mit den ganzen Dirndln und Lederhosen. Da holt jeder sein Gewand raus. Ein wenig Theaterhaftes hat es schon. Ich weiß ja nicht, wie der Münchner Fasching aussieht - aber so ähnlich stelle ich mir das vor. Das hat sich offenbar verschoben aufs Oktoberfest.

Mitarbeit: Sabine Buchwald und Franz Kotteder

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