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Christian Bernreiter:Der Oberlandrat

Bayrischer Flüchtlings-Kongress

Das Wort von Christian Bernreiter (links) hat Gewicht bei Horst Seehofer. Manchmal übernimmt der Ministerpräsident sogar Formulierungen des Landrats.

(Foto: A. Weigel/dpa)

Wenn er etwas sagt, hört sogar Horst Seehofer hin: Christian Bernreiter, Präsident des bayerischen Landkreistags, ist der kommunalpolitische Anführer in der Flüchtlingskrise.

Horst Seehofer steht nicht unter Verdacht, dass er sich allzu viel dreinreden ließe. Doch wenn der Präsident des bayerischen Landkreistags anruft, dann habe er jederzeit ein offenes Ohr, sagt der Ministerpräsident. Dann fährt er kurz entschlossen auch nach Deggendorf, um sich von Christian Bernreiter auf den neuesten Stand bringen zu lassen. Tags darauf in seiner Regierungserklärung sagt Seehofer dann Sätze wie: "Wir sind in der Verantwortung, dass die Alarmsignale der Kommunalpolitiker gehört werden in Berlin." Gemeint sind: Bernreiters Alarmsignale.

Immer mehr bayerische Kommunalpolitiker begehren auf, sie fühlen sich überfordert in der Flüchtlingspolitik. Bernreiter ist ihr Taktgeber. Bei dem kurzfristigen Treffen am Mittwochabend mit ostbayerischen Landräten und Oberbürgermeistern rechnete er Seehofer vor: Bis Ende August seien in Bayern 120 000 Unterkunftsplätze geschaffen worden, genau so viele würden nun noch einmal bis zum Jahresende benötigt. Täglich mehr als 1000 Plätze würden gebraucht, nur woher nehmen? "Es gibt keine Container mehr, es gibt keine Betten mehr, es gibt keine Zelte mehr."

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Der Mann, der der Krise trotzt

Als Bernreiter die Zahlen genau analysierte, sei er sich vorgekommen wie im Juni vor zwei Jahren, sagt er. Damals versank sein Heimatlandkreis Deggendorf im Hochwasser, ein Dammbruch stellte ihn vor die bis dahin größte Herausforderung in seinem politischen Leben. Bernreiter wurde als Mann bekannt, der dieser Krise trotzte. Der nachts Feuerwehrleute beim Schichten der Sandsäcke aufmunterte und tagsüber der Regierung Geld für die gepeinigte Bevölkerung abverhandelte. Das Gefühl des Dammbruchs, auch wenn er das Wort nicht gebraucht, habe er jetzt wieder, sagt Bernreiter. Ob sich die Situation unter Kontrolle bringen lasse wie einst beim Hochwasser, wage er nicht vorherzusagen.

Vor gut einem Jahr wurde Bernreiter, 51, als Nachfolger des von Skandalen geschüttelten Jakob Kreidl zum Präsidenten des Landkreistags gewählt. Damit hat er seine Lebensaufgabe gefunden: "Es ist das Amt, das zu mir passt." In Deggendorf wurde er dreimal zum Landrat gewählt - zuletzt mit fast 75 Prozent der Stimmen, obwohl er kurz vor der Wahl verkündete, dass das niederbayerische Erstaufnahmezentrum auf seine Initiative hin in den Landkreis komme. Nun versteht sich Bernreiter als Sprecher aller Landräte. Das Amt des stellvertretenden CSU-Chefs, für das er bereits ins Spiel gebracht wurde, hätte er mit Verweis auf seine überparteiliche Funktion wohl abgelehnt. Dass die Landkreise ihre Position so stark wie lange nicht vertreten, liegt an dem Einfluss ihres Präsidenten. Und an seiner Präsenz.

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Ein immenses Pensum

Mitarbeiter bescheinigen dem vierfachen Familienvater ein grenzwertiges Arbeitspensum. Am Mittwoch kam er kurz vor Mitternacht ins Bett, Stunden später gab er die ersten Interviews. Dann ging es im Flieger nach Berlin, ein Kommunalforum der Union mit dem Innenminister und Kanzleramtschef. Von Samstag bis Dienstag fährt er mit Landräten nach Brüssel, vielleicht trifft er den EU-Kommissionspräsidenten. Dazwischen immer wieder Termine in München und im Landkreis. Sonderwünsche bei Bauanfragen landen auf seinem Schreibtisch, die Ehrenzeichenverleihung der Freiwilligen Feuerwehr Niederalteich übernimmt er selbst. Nur Termine zum Rumsitzen, Festakte, lässt er nun bleiben. Es muss um die Sache gehen.

Es sei schön, wenn er seine Sicht der Dinge einfließen lassen könne, sagt Bernreiter, wenn er etwa der Kanzlerin mehr als zwei Stunden die Sorgen der Landkreise schildern kann. Wenn er Angela Merkel sagen kann, "des passt so ned". Seehofer schätzt Bernreiter wie wenige andere in der CSU, mitunter übernimmt er sogar seine Worte, wie beim Satz "schlaue Sprüche und warme Worte helfen nicht weiter". Manch einer findet, dass Bernreiter beim Flüchtlingsthema überzieht. Das sind aber keine Kommunalpolitiker. Vielleicht hat er auch nur schnell von der großen Politik gelernt. Sollten Privatwohnungen beschlagnahmt werden, sagt Bernreiter, "dann ist das nicht mehr mein Land". Ganz in der Wortwahl von Angela Merkel, und doch völlig anders.

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