Unter Bayern:Die christliche Wandersaison ist eröffnet

Unter Bayern: Eine Bittprozession mit langer Tradition: Der Kötztinger Pfingstritt zählt zu Bayerns ältesten Brauchtumsveranstaltungen und ist ausschließlich Männern vorbehalten. Logisch, dass Hubert Aiwanger (links) da auch schon dabei war.

Eine Bittprozession mit langer Tradition: Der Kötztinger Pfingstritt zählt zu Bayerns ältesten Brauchtumsveranstaltungen und ist ausschließlich Männern vorbehalten. Logisch, dass Hubert Aiwanger (links) da auch schon dabei war.

(Foto: Armin Weigel/dpa)

Es ist die Zeit von Prozessionen und Bittgängen - und von Bierausflügen am Herrentag. Möge das Brauchtum gewahrt werden, sonst gibt es Ärger mit Hubert Aiwanger.

Glosse von Katja Auer

Um diese Jahreszeit beginnt die katholische Wandersaison. Die ersten Pilger sind unterwegs nach Altötting und anderswohin und zumindest im ländlichen Bayern finden kurz vor Christi Himmelfahrt (mancherorts noch) Bittgänge statt. Dabei ziehen die Gläubigen durch die Flur und beten für gedeihliches Wetter und gute Ernten. Und schauen nebenbei, wie es um den Raps vom Obergruber Sepp (Name wird symbolisch verwendet) bestellt ist und ob der Hinterberger Franz (ebenso) schon wieder nur Mais anbaut, um damit seine Biogasanlage zu füttern. Aber das nur nebenbei.

"Der die Früchte der Erde geben, segnen und erhalten wolle", ist der eigentliche Adressat, es hat sich bewährt, sich nicht allein auf den Kunstdünger zu verlassen.

Pilgern ist angesagt, selbst in zunehmend säkularen Zeiten, wer nicht nach Gott suchen will, der findet vielleicht wenigstens zu sich selbst oder hat zumindest die von wem auch immer empfohlenen täglichen 10 000 Schritte an der frischen Luft absolviert.

Nicht mal den gesundheitlichen Aspekt verfolgen hingegen jene Männer, die an Christi Himmelfahrt losziehen, um den Vatertag zu feiern. Der hat mit einer Prozession außer dem Gang in die Natur nichts gemein, auch ist nicht überliefert, dass Jesus mit einem Leiterwagen in den Himmel aufgefahren wäre und die Jünger das mit ein paar Kästen Bier gefeiert hätten. Aber Tradition ist Tradition und wer diese in Frage stellt, bekommt Ärger mit Hubert Aiwanger.

Der ist als Wirtschaftsminister einerseits zuständig für Brauer und Leiterwagen-Fabrikanten. Vor allem aber ist Aiwanger Hüter des von ihm zu definierenden "gesunden Menschenverstandes" und achtet darauf, das anständige Bürger, Bauern, Bayern nicht unterjocht werden von Grünen, Veganern, Städtern und all den anderen "Verrückten". Wie kürzlich, als er öffentlich auf jene Kita in Hessen losgegangen ist, die mit den Kindern nicht mehr basteln wollte für Mutter- und Vatertag.

Hoffentlich haben das seine Kinder eventuell vorhandenen Familienbräuchen entsprechend erledigt, und hoffentlich ziehen am Vatertag ausreichend viele Herrenrunden in angemessen angetrunkenem Zustand am Aiwangerschen Anwesen vorbei, um dem Bayernvolke weitere Tweets zu ersparen über den Niedergang von Kultur und Tradition. Aber auch da hilft vielleicht eine Bittprozession.

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