Chemieunfall an der Alz Die Todeszone

Es ist das schlimmste Fischsterben, das es in der Alz seit 30 Jahre gegeben hat. Auf 15 Kilometern zog die Feuerwehr sechseinhalb Tonnen Tierkadaver aus dem Fluss. Grund ist ein Chemieunfall. Ein Überblick über die Katastrophe und die Folgen.

Von Heiner Effern

Der Chemieunfall in Gendorf im Landkreis Altötting am 6. März verursachte das schlimmste Fischsterben in der Alz seit etwa 30 Jahren. Auf 15 Kilometern bis zur Mündung in den Inn zog die Feuerwehr sechseinhalb Tonnen Tierkadaver aus dem Fluss. Ein Überblick über den aktuellen Stand einer Umweltkatastrophe, deren Auswirkungen in Jahren noch zu spüren sein werden.

Nach dem Chemieunfall im oberbayerischen Gendorf gelangte verseuchtes Löschwasser in die Alz und legte die Kiemen der Fische lahm.

(Foto: dpa)

Die Ursache

Am Anfang der Fehlerkette stand ein Ventil, das im Chemieunternehmen Clariant fälschlicherweise geöffnet wurde. Der Rohstoff Genamin LA 302 D gelangte auf das Dach des Betriebes und entzündete sich dort. Den Brand stoppte die Feuerwehr binnen Minuten, das verseuchte Löschwasser floss über die Dachentwässerung in den Kühl- und Regenwasserkanal. Der wurde - wie in solchen Situationen vorgesehen - geschlossen, allerdings zu spät: Zwei Minuten lang gelangte das giftige Wasser direkt in die Alz, dann wurde es in einem Becken aufgefangen. Kurz nach Mitternacht wurde der Kanal fürs Kühl- und Regenwasser wieder geöffnet, in der irrigen Annahme, dass darin keine chemischen Rückstände mehr vorhanden seien. Erst als ein Spaziergänger am Morgen danach tote Fische entdeckte, wurde der Kanal wieder geschlossen. Etwa neun Stunden lang war so giftiges Wasser in die Alz gelangt.

Die Chemikalie

1000 Kilogramm Genamin LA 302 D sind entwichen. 200 Kilo wurden davon im Auffangbecken zurückgehalten. Die fehlenden 800 Kilo sind beim Brand in die Luft oder durchs Löschwasser in die Alz gekommen. Warum diese sogenannten Fettamine für Fische hochgiftig sind, erklärt Martin Göttlicher, Professor für Toxikologie und Umwelthygiene an der TU München: Der Stoff hat zwei besondere Fähigkeiten, die ihn als Basis für die Waschmittelproduktion wichtig machen. Zum einen bindet er hervorragend Fette, zum anderen macht er diese im Wasser löslich. Der Soßenfleck wird also zuerst eingefangen und dann vom weißen Hemd gespült. Auch im Flusswasser sucht sich die Substanz etwas Fetthaltiges zum Anhängen, zum Beispiel die aus Fetten bestehenden Membranen in den Kiemen der Fische, deren Funktion durch die Einlagerung gestört werden.

Die Wirkung auf den Menschen

Laut Gesundheitsamt Altötting wirken Fettamine in Reinform "schleimhautreizend und ätzend". Es sei aber von einer sehr starken Verdünnung im Wasser auszugehen. Vorsorglich sperrte das Landratsamt Altötting einen Brunnen, aus dem mehrere Familien ihr Trinkwasser erhalten. Auch vor der Nutzung des Grundwassers etwa zum Blumengießen wird gewarnt. In den jüngsten Proben konnten im privaten Trinkwasserbrunnen und auch in den beiden benachbarten Brunnen des Wasserzweckverbands Inn-Salzach keine Spuren von Fettaminen mehr festgestellt werden. Das Grundwasser wird weiter untersucht.

Die Langzeitfolgen für die Umwelt

Die Alz ist im Unterlauf, in dem fast die gesamte Fauna vernichtet wurde, ein Naturschutz- und FFH-Gebiet. Der artenreiche Fischbestand wird Jahre brauchen, bis er sich erholt hat, da die gesamte Nahrungskette bis zu Kleinstlebewesen weitgehend ausgerottet ist. Gerade im Frühjahr ziehen in das Mündungsgebiet der Alz auch aus dem Inn Fische zum Laichen. Auch seltene Arten wie die Nasen sind darunter. Eine direkte Auswirkung auf die Vögel, etwa durch das Fressen vergiftiger Fische, ist bisher nicht bekannt. Der Nahrungsausfall in der leeren Alz könnte aber einen Rückzug aus dem Gebiet bedeuten. Nachgewiesen ist nun durch die Auswertung von Proben, dass sich Fettamine wie erwartet im Sediment abgelagert haben. Sie bauen sich in der Regel schnell ab, bei extrem hohen Konzentrationen müsste im schlimmsten Fall das Flussbett ausgebaggert werden, sagt der Toxikologe Göttlicher.

Die Verantwortlichen

Die Kriminalpolizei ermittelt wegen des Verdachts auf Umwelt-Straftaten. Das Chemieunternehmen Clariant bekannte sich dazu, dass die Fettamine durch das Ventil entwichen seien. Warum es fälschlicherweise geöffnet wurde, darüber machte die Firma keine Angaben. Die Sicherung des vergifteten Löschwassers liegt beim Dienstleister Infraserv, der den etwa 20 im Industriepark Gendorf angesiedelten Firmen die Strukturen rund um ihr Unternehmen bereitstellt. Infraserv erklärte bereits, für die Schäden mitverantwortlich zu sein und sich an der Beseitigung beteiligen zu wollen.

Die politische Aufarbeitung

Umweltminister Marcel Huber (CSU) machte sich am vergangenen Freitag selbst ein Bild. Am Montag sprach er von einer "Katastrophe" für die Alz, zu den aktuellen Untersuchungen sagt er: "Wenn die Ergebnisse vorliegen, müssen mit dem Betreiber Maßnahmen festgelegt werden, die eine Wiederholung vergleichbarer Zwischenfälle ausschließen." Eine Woche nach dem Chemieunfall kam die Nachricht vom Fischsterben auch im Landtag an. SPD und Grüne fordern nun einen Bericht von Minister Huber im Umweltausschuss, wie es zu dem Unfall kommen konnte.