Energie ist schon immer ein zentrales Thema für die Industrie im bayerischen Chemiedreieck zwischen Burghausen, Trostberg und Töging am Inn. Allein an Strom benötigten die Unternehmen hier zuletzt rund fünf Terawattstunden im Jahr, was etwa einem Prozent des gesamten deutschen Stromverbrauchs betrifft. Der Stromhunger der Chemieindustrie wird sich in den kommenden Jahren wohl mindestens verdoppeln, dazu kommen enorme Mengen an Wärme und Dampf für die Produktion. Trotzdem hat sich der Chemiepark Gendorf bei Burgkirchen jetzt von Plänen für ein riesiges Biomasse-Heizkraftwerk verabschiedet. Das hätte große Mengen Prozessdampf liefern können und zusätzlich 130 000 Megawattstunden klimaneutralen Strom produzieren, was rein rechnerisch etwa dem Jahresverbrauch von 40 000 Haushalten entspricht.
Doch „veränderte Rahmenbedingungen“ hätten das Projekt unwirtschaftlich gemacht, teilte der Chemiepark-Betreiber InfraServ am Montag mit. Am Ziel der Klimaneutralität bis 2045 halte man aber unverändert fest und setze nun auf verschiedene andere Energiequellen.

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Die Pläne für das Heizkraftwerk hatte InfraServ erstmals vor drei Jahren öffentlich gemacht. Eine klimaneutrale, stabile und wirtschaftliche Versorgung mit Dampf sei auf absehbare Zeit nur mit Biomasse möglich, hieß es damals noch. Doch inzwischen geht in Gendorf die Chemieproduktion insgesamt und damit auch der Energiebedarf der Unternehmen zurück. Vor allem der Rückzug des US-Konzerns 3M mit seiner Tochter Dyneon aus der Produktion von Flurpolymeren kostet nicht nur Hunderte von zuletzt 3800 Arbeitsplätzen im Chemiepark, sondern macht eine grundsätzliche Neuorientierung nötig. Der Dampfbedarf reiche „nicht mehr aus, um das geplante Biomasse-Heizkraftwerk zu wettbewerbsfähigen Energiekosten auszulasten“, heißt es vom Park-Betreiber InfraServ. Für die Krise in der Chemie macht das Unternehmen wiederum die hohen Energiepreise in Deutschland verantwortlich.
Speziell für das Aus von Dyneon ist jedoch etwas anderes entscheidend. Dyneon hat in Gendorf bis 2003 Perfluoroctansäure (PFOA) hergestellt und noch bis 2008 verarbeitet. Seit 2020 ist dieser Stoff in der EU verboten. Im Landkreis Altötting finden sich aber noch immer Spuren davon in Boden und Grundwasser. PFOA zählt zu den oft als „Ewigkeitschemikalien“ bezeichneten Per- und polyfluorierten Alkysubstanzen (PFAS), die für verschiedenste Gesundheitsgefahren verantwortlich gemacht werden. 3M steht deswegen in den USA juristisch unter Druck und hat sich ganz aus der Produktion von Fluorpolymeren zurückgezogen – auch in Gendorf, was wiederum die Abhängigkeit der deutschen und europäischen Industrie von Lieferanten aus Asien und den USA erhöhen könnte.
Doch auch gegen die nun geplatzten Pläne für das Biomasse-Heizkraftwerk gab es Bedenken. Es sollte laut InfraServ mit Frischholzresten aus der regionalen Forstwirtschaft betrieben werden. Angesichts des gewaltigen Bedarfs wären in einem sehr weiten Umkreis um Gendorf wohl kaum irgendwelche Frischholzreste für andere Anlagen übrig geblieben. Bisher und bis auf Weiteres wird ein Großteil der Energie für den Chemiepark in einem Gaskraftwerk produziert. Künftig will InfraServ nach eigenen Angaben auf Hochtemperatur-Wärmepumpentechnik setzen oder mit einem Geothermie-Kraftwerk die Erdwärme nutzen.

