Im oberbayerischen Burghausen soll es immer wieder Gäste geben, die sich nach längerer Suche irritiert an Einheimische wenden und fragen, wo denn der nächste Parkscheinautomat stehe. Das Parken kostet grundsätzlich nichts auf den Straßen und Plätzen und in den öffentlichen Tiefgaragen der Stadt, aber da werden sie sich in Burghausen womöglich auch bald neue Antworten zurechtlegen müssen. Denn die Chemieindustrie, von der die Region in Bayerns Südosten abhängt wie kaum eine andere, steckt tief in der Krise.
20 000 Menschen arbeiten hier insgesamt „in der Chemie“, ein Vielfaches an weiteren Arbeitsplätzen hängt direkt oder indirekt davon ab. Doch im bayerischen Chemiedreieck stehen gerade im besten Fall Hunderte und im schlechtesten Tausende gut bezahlte Industrie-Jobs auf dem Spiel. Etliche Unternehmen melden Verluste und legen Sparprogramme auf. Und weil die lange so zuverlässige Gewerbesteuer nur auf Gewinne erhoben wird, müssen auch die Kämmerer in Burghausen und Umgebung inzwischen nach ihren schon lange nicht mehr benutzten Rotstiften kramen.
Da die alte Chemie inzwischen derart schwächelt, versucht man es im benachbarten Burgkirchen jetzt mit Innovationen. Der Chemiepark Gendorf soll zum bevorzugten Standort für Start-ups aus der Branche machen.
Der Chemiepark mit den derzeit rund 30 dort angesiedelten Unternehmen ist einst selbst aus einem großen Umbruch hervorgegangen, nämlich in den späten 1990er-Jahren aus dem Ende des deutschen Chemiekonzerns Hoechst und dessen Gendorfer Werks. Zuletzt ist von den 4000 Arbeitsplätzen allerdings schon mindestens ein Zehntel abgebaut worden, vor allem bei Dyneon, einer Tochter des US-Konzerns 3M.
Dyneon war der größte Fluorpolymer-Produzent Europas und Gendorf das zuletzt mutmaßlich modernste Werk der Welt. Doch die sehr gesundheitsschädlichen, auch als PFAS bekannten und als „Ewigkeitschemikalien“ viel kritisierten Stoffe liegen nicht nur als Altlasten im Boden der Umgebung. Sie haben 3M in den USA so große juristische Schwierigkeiten eingebracht, dass sich der Konzern ganz von der Sparte trennen und das Werk in Gendorf schließen will – sehr zum Entsetzen der bayerischen Staatsregierung. Etwa die Hälfte von einst mehr als 700 Mitarbeitern musste bereits gehen. Doch laut Dyneon-Geschäftsführer Burkhard Anders ist der weitere Personalabbau mittlerweile vorerst gestoppt und der Abbau der Anlagen durch die verbliebenen Mitarbeiter verschoben. Es werde inzwischen doch über eine Übernahme gesprochen, sagt Anders.
Der Chemiepark-Betreiber InfraServ, der den Firmen Flächen, Infrastruktur und Dienstleistungen zur Verfügung stellt und inzwischen selbst Personal abbaut, kann aber nicht so lang warten. Pläne für ein riesiges Biomasse-Kraftwerk hat das Unternehmen mangels Bedarf zurück in die Schublade gelegt. Stattdessen versucht InfraServ nun seinen Standort zum „Home of Bavarian Deeptech“ zu machen, mit einigem Getrommel und mit der Unterstützung der Staatsregierung. Und vor einigen Tagen auch mit wohlwollenden Worten von Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (FW) an die „lieben Stortappler“.

Solche Start-ups als junge, innovative Unternehmen gebe es eben nicht nur in der Digitalwirtschaft, sondern auch in der Chemie. Sie sollen in Gendorf alles Nötige vorfinden, um aus ihren Ideen und Patenten tatsächlich Produkte zu machen. Denn vielen Gründern fehlt es aus Sicht von InfraServ nicht an Mut und Einfällen und oft auch nicht an Investoren, aber entscheidend an Expertise und Erfahrung etwa mit dem Anlagenbau oder mit Umweltämtern, Kommunen und Steuerbehörden. Dies alles gebe es in Gendorf, zusätzlich zu Flächen, Leitungen und Grundstoffen.
Ein Unternehmen, das aus Plastikmüll wieder Rohbenzin machen will, hat der Chemiepark bereits gewonnen, auch wenn die Anlage wohl etwas verzögert in Betrieb geht. Ein weiteres Start-up mit derzeit 30 Mitarbeitern aus 16 Nationen hat sich gerade angesiedelt, das aus alten Akkus von E-Autos und Handys Lithium und Grafit zurückgewinnen möchte – „das weiße Gold und das schwarze Gold“, wie Mitgründerin Sarah Fleischer sagt. Dieses Recycling sei zudem nicht teurer, als die Stoffe aus China zu importieren. Mit einer Firma, die aus bayerischem Biogas erneuerbare Flugzeugtreibstoffe herstellen will, steht der Chemiepark in Verhandlungen.
„Rauskommen aus dieser negativ-depressiven Stimmung“ könne die Branche auf diese Weise, sagt Minister Aiwanger. Doch was die reine Zahl der Arbeitsplätze betrifft, fallen die Start-ups noch kaum ins Gewicht. Zu sehr kriselt es allerorten. Die Chemie-Gewerkschaft IG BCE betreue im Chemiedreieck mehr als 50 Betriebe, sagt Bezirksleiter Günter Zellner, und manchen davon gehe es nach wie vor sehr gut. Doch in sehr vielen anderen werde gespart, geschlossen und umstrukturiert, was auch für die Gewerkschaft eine „sehr herausfordernde Situation“ sei.
Allein der Wacker-Konzern, dessen Stammwerk in Burghausen eine Art Leuchtturm des gesamten Chemiedreiecks ist, hat nach hohen Verlusten im Vorjahr für das erste Quartal dieses Jahres zwar gerade wieder schwarze Zahlen gemeldet. Begründet hat Wacker dies aber mit lediglich vorgezogenen Bestellungen der Kunden und mit dem eigenen Sparprogramm. Noch arbeiten bei Wacker in Burghausen etwa 8000 Menschen und damit rund die Hälfte der weltweiten Belegschaft des Konzerns. Bis Ende 2027 sollen aber zahlreiche Arbeitsplätze wegfallen, und bei der Zahl 1500, die von Wacker stets genannt wurde, fällt erfahrenen Gewerkschaftern gleich auf, das vor dieser Zahl immer „über“ oder „mehr als“ gestanden ist.

Günter Zellner, der für seine Gewerkschaft auch im Aufsichtsrat von Wacker sitzt und daher zur Verschwiegenheit verpflichtet ist, äußert immerhin die Hoffnung, dass es bei all dem doch ohne betriebsbedingte Kündigungen abgehen wird. Doch die alte Gewissheit, dass man nur als Azubi „in der Chemie“ anzufangen braucht, um nach einem geregelten Arbeitsleben und mit einem längst abbezahlten Einfamilienhaus auch aus der Chemie in Rente zu gehen, die gibt es plötzlich nicht mehr. Angst würde Zellner das noch nicht nennen, aber die Verunsicherung sei schon groß.
Dabei ist sich der Gewerkschafter einig mit Bernhard Langhammer, der als Sprecher des Verbands ChemDelta Bavaria so etwas wie der Cheflobbyist der Industrie im Chemiedreieck ist. Genau wie andere Industrievertreter führt Langhammer die Krise auf die hohen Energiepreise und eine erdrückende Regelungsdichte in Deutschland und der EU zurück. Wenn es im Chemiedreieck gerade nur um Hunderte Jobs gehe und nicht um Tausende, dann wäre das noch vergleichsweise glimpflich, sagt Langhammer.
Etwas Erleichterung verschaffen da bislang weniger die Start-ups in Gendorf, sondern eine Sparte, die zwar auch zur alten Chemie zählt, aber zugleich tatsächlich eine Art Raketenwissenschaft ist. In Aschau am Inn produzieren die MBDA-Tochter Bayern-Chemie und die zu Rheinmetall gehörende Nitrochemie Treibladungen für militärische Raketen und Geschosse. Immerhin sie stellen angesichts der Weltlage in größerem Stil Mitarbeiter ein.


