Catering:Mittagsmenü für Traunsteiner Schüler wird 400 Kilometer weit angeliefert

Schulessen

Pommes gehen immer, aber wie lernen Kinder, auch gesunde Dinge zu essen? Ein Bilck auf die Teller von Schülerinnen in Potsdam.

(Foto: Ralf Hirschberger/dpa)
  • Die Franz-von-Kohlbrenner-Mittelschule in Traunstein und sechs weitere Kindertagesstätten und Schulen mussten für 2016 nach einem neuen Caterer suchen.
  • Das Mittagessen wird jetzt aus einem 400 Kilometer entfernten Ort geliefert.
  • Viele Eltern sind erzürnt, auch die Musiker Claudia Koreck und Alex Diehl. Sie veranstalteten ein Benefizkonzert zugunsten der bisherigen Catering-Firma - vergeblich.

Von Stephanie Probst, Traunstein

400 Kilometer fährt das Mittagessen der Franz-von-Kohlbrenner-Mittelschule in Traunstein einmal in der Woche durch Deutschland. Der Start: Boxberg-Schweigern im nördlichen Baden-Württemberg. Dort hat die Cateringfirma Hofmann-Menü-Manufaktur ihren Sitz.

Bis zu 50 000 Gerichte produziert die Firma nach eigenen Angaben pro Tag. Tiefgefroren und in Aluminium-Verpackungen kommen die 200 Gerichte jeden Montag in der Schule an und werden dort täglich in Spezialöfen aufgewärmt. Ganz anders war das noch bis vor ein paar Wochen: Die 40 Schüler der beiden Ganztagsklassen wurden nämlich von Betty Diane, Betreiberin des Catering-Service "Die Kochkunst", bewirtet.

Nur ein paar hundert Meter entfernt kochte sie täglich die 40 Gerichte aus Zutaten aus der Region, verpackte sie in umweltfreundliche, wiederverwertbare Edelstahlbehälter und transportierte sie in weniger als fünf Minuten zur Schule. "Mit dem Essen waren alle zufrieden - die Eltern, die Schüler, die Lehrer. Niemand hatte was zu beanstanden. Und wenn es Änderungen gab, war ich jederzeit erreichbar", sagt Diane.

Essen soll frisch gekocht und umweltschonend verpackt sein

Doch nach sieben Jahren lief der Vertrag mit der Stadt Ende vergangenen Jahres aus. Weil das gleichzeitig an sechs weiteren Kindertagesstätten und Schulen in Traunstein der Fall war, musste europaweit nach einem neuen Vertragspartner gesucht werden. Die Aufträge für öffentliche Einrichtungen, bei denen die Stadt Sachaufwandsträger ist, müssen nämlich von 209 000 Euro an in ganz Europa ausgeschrieben werden.

Insgesamt liege die Auftragssumme der sieben Schulen und Kitas bei geschätzt 300 000 Euro, wie es in der Ausschreibung heißt. Als Kriterien für die Vergabe führte die Stadt Traunstein unter anderem auf, dass das Essen frisch gekocht und umweltschonend verpackt sein soll und dass regionale Produkte zum Einsatz kommen sollen.

Bei sechs der sieben Einrichtungen gab es nur einen Bewerber, die Malteser mit ihrem Partner, der Hofmann-Menü-Manufaktur. Bloß an der Kohlbrenner-Mittelschule gab es zwei: die Malteser und die bisherige Lieferantin Betty Diane.

Nun kommen die regionalen Produkte aus Baden-Württemberg

Traunsteins Oberbürgermeister Christian Kegel möchte zu alledem nicht mehr Stellung nehmen. Laut einem Schreiben auf der Internetseite der Stadt erfüllen beide Bewerber die Kriterien. Auch der Großcaterer koche das Essen frisch - wenn auch nur einmal die Woche. Die Aluminiumbehälter seien recycelbar und deswegen ähnlich umweltfreundlich wie Betty Dianes Mehrweg-Edelstahlbehälter. Und auch die Hofmann-Menü-Manufaktur verwende regionale Produkte - eben aus Baden-Württemberg.

Deswegen sei nur noch der Preis als Entscheidungsgrundlage geblieben. Und die Malteser hatten das günstigere Angebot abgegeben, um sechs Cent pro Portion. Das Angebot der Malteser spart der Stadt im Jahr etwa 350 Euro, also entschied sich der Stadtrat für das günstigere Angebot - ganz im Sinne des EU-Vergaberechts, wie die Stadt betont. Das erzürnte nicht nur die Eltern, sondern auch die Musiker Claudia Koreck und Alex Diehl.

Benefizkonzert sollte Mehrkosten einspielen

Die beiden schrieben auf Facebook einen offenen Brief an Oberbürgermeister Kegel. Überschrift: "Regional ist nicht egal." Ihre Hoffnung war, dass der Vertrag mit der "Riesenfirma, denen 40 Essen vergleichsweise nichts bedeuten", doch noch rückgängig gemacht werde. Die Musiker veranstalteten ein Benefizkonzert, um die Mehrkosten für Betty Dianes Essen, also 350 Euro im Jahr, einzuspielen. Mehr als 1000 Euro kamen zusammen. Doch auch das nützte nichts, der Vertrag mit dem Großcaterer, der bis Mitte 2018 läuft, ist nun mal unterschrieben.

Unterstützung erhalten die Eltern auch von Arne Gericke, der für die Familienpartei im Europaparlament sitzt. "So etwas habe ich selten gesehen", wettert er. "Mir scheint, hier haben die politischen Verantwortlichen schlichtweg versagt - nur zugeben will's keiner. Lieber schimpft man auf Europa." Die Kriterien regional, umweltschonend, frisch gekocht seien zu schwach ausgelegt worden. Gericke stellt außerdem infrage, ob das Schul- und Kita-Catering zwingend als Großauftrag ausgeschrieben werden musste.

Die Stadt übrigens sieht die Essensanlieferung aus Baden-Württemberg nur als Übergangslösung. So heißt es in der Internet-Stellungnahme. Einige Schulen sollen eine Küche erhalten. Diane hegt keinen Groll. Für die Nutzung der neuen Schulküchen von 2018 an würde sie sich bewerben.

© SZ vom 23.02.2016/mkro
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