Nein, sagt Michaela May. Persönlich habe sie Carl Orff nicht gekannt, auch wenn ihre Mutter mit Lieselotte Orff, der vierten Ehefrau des Komponisten, befreundet gewesen sei. Dafür kennt sie die Gegend, in der Orff lebte, ganz ausgezeichnet. Denn die Schauspielerin, wie Orff in München geboren, verbrachte als Kind sämtliche Ferien in Riederau, einem Ortsteil von Dießen. „Der Ammersee ist einfach mein See.“ Daher sagte sie auch sofort zu, als die Orff-Stiftung bei ihr anfragte, ob sie Lust hätte, den Audioguide für das künftige Carl-Orff-Museum (COMU) einzusprechen.
„Ich empfinde das als eine große Ehre für mich“, sagt die Schauspielerin, die diese Aufgabe ehrenamtlich übernahm. Vielleicht spielt auch die Erinnerung an ihre Mutter eine kleine Rolle bei dieser Entscheidung, an dieses „Multitalent“ (May), das malte, schrieb, töpferte und im Dießener Augustinum, in dem sie die letzten Lebensjahre verbrachte, eine Theatergruppe leitete. Kennengelernt hatte sie Lieselotte Orff, weil die beiden Frauen der gleichen Leidenschaft frönten: Schwimmen im Ammersee, möglichst schon um 7 Uhr früh.
Carl Orff lebte von 1955 bis zu seinem Tod 1982 in Dießen. Gemeinsam mit der Schriftstellerin Luise Rinser, seiner dritten Ehefrau, kaufte er dort ein großes Anwesen, den „Ziegelstadel“. Rinser zog schon 1959 wieder aus, Orff blieb mit Lieselotte, der von Rinser eingestellten Sekretärin und späteren vierten Ehefrau, zurück. Nach dem Tod von Lieselotte im Jahr 2012 war die von Orff gegründete Stiftung die Alleinerbin mit dem von der Witwe testamentarisch verfügten Auftrag, sie müsse ein Nutzungskonzept für das Anwesen entwickeln.
Nach langen Überlegungen entschied sich die Stiftung, das denkmalgeschützte Anwesen, bestehend aus einem Wohn- und einem Arbeitshaus, durch einen behutsamen Erweiterungsbau in ein Museum umzugestalten, dem einzigen Orff-Museum, das es weltweit gibt. Ende Oktober ist die Eröffnung geplant, vom 2. November an steht das Haus allen Besuchern offen.
Auch wenn im Ziegelstadel noch gearbeitet wird: Der Audioguide ist fertig. Die Texte für die 20 Stationen lieferte die Autorin und Journalistin Alexandra von Poschinger. Sie hat Fakten, Geschichten, Anekdoten rund um Orff zusammengetragen, darunter die Tagebuch-Eintragungen von Karl Köstler. Orffs Großvater mütterlicherseits notierte, dass der kleine Carl in der Schule zwar „höflich und engagiert“ war, trotzdem aber mit 14 die Schule abbrach.
Natürlich geht es auch ums Orffs Beziehungen zu Frauen, denn er war keiner, „der allein durchs Leben geht“. So war Liselotte „keine Muse, aber eine Macherin“, Luise Rinser, ihre Vorgängerin, „politisch, temperamentvoll“. Die Frau, mit der ihn angeblich am meisten verband, war die zweite Ehefrau, die Musiktherapeutin Gertrud Willert, die an der Entwicklung des Schulwerks beteiligt war. Die erste Ehe mit Alice Solscher soll stürmisch, aber kurz gewesen sein.
Judith Janowski, geschäftsführende Vorständin der Stiftung, ist vom Audioguide begeistert. „Wir wollten einen lockeren, heiteren Text, eingesprochen von jemandem Prominenten aus der Region. Frau May war und ist die ideale Wahl“, schwärmt sie.
Fast hätte Michaela May mal in einem Orff-Stück mitgespielt. „Ich war noch sehr jung, als ich mal für die Bernauerin angefragt wurde“, erinnert sie sich. Daraus wurde nichts, vielleicht auch weil sie Orffs Musik als „schwer zugänglich“ empfindet. „Ich habe es nicht so mit seiner Musik“, sagt die Schauspielerin freimütig, auch wenn es sie beeindruckt, wie der Komponist gearbeitet, experimentiert und etwas „völlig Neues“ geschaffen hat.
Sie findet es „eine wunderbare Idee“, das ehemalige Wohn- und Arbeitshaus des Komponisten in ein Mitmach-Museum zu verwandeln. Das passe doch zu einem Komponisten, der mit einem Dreiklang aus Musik, Tanz und Sprache Kinder für Musik begeistern wollte. „Und dass ich seinem Haus meine Stimme geben darf, ist doch super.“

