Caritas Stimme der Armen

Bis zum Ersten Weltkrieg taten sich die karitativen Einrichtungen in Bayern schwer, ihre Kräfte zu bündeln. Nun wird der Landesverband 100 Jahre alt

Von Dietrich Mittler

Szebastian Monok blickt aus dem Fenster der Bahnhofsmission Regensburg und sieht die Reisenden vorbeihuschen. Er hört das Brummen der Zugmaschinen, in das sich Stimmen von Menschen mischen, die nicht viel Zeit haben. Dann aber geht die Tür auf. Vor Monok steht ein Obdachloser, der einfach nur mal reden will in der Bahnhofsmission, dem Gemeinschaftsprojekt der Caritas und der Diakonie. Zur gleichen Zeit ist Eva Naß gut 100 Kilometer entfernt im Hersbrucker Don-Bosco-Haus dabei, die psychisch kranken oder behinderten Menschen ihrer Gruppe zum Gespräch zusammenzuführen. Die Einrichtung, in der sie arbeitet, gehört zum Caritasverband im Kreis Nürnberger Land. Bayernweit sind es weit mehr als 100 000 hauptamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die in rund 6000 sozialen Einrichtungen und Diensten der Caritas wirken. Für sie und die vielen ehrenamtlichen Helfer steht nun ein Jubiläum an: Der Landes-Caritasverband, die Dachorganisation all dieser sozialen Dienste, feiert am Mittwoch sein hundertjähriges Bestehen.

Im Beratungszimmer des Hotels Union zu München war der Vorstand und der Ausschuss des "Katholischen Caritasverbandes für das Königreich Bayern" am 14. März 1917 erstmals zusammengekommen, wie es im Protokoll heißt. Die Leitung hatte Maximilian Graf von Soden-Fraunhofen. Es fallen deutliche Worte: "Es wäre ein Fehler, der nicht gut gemacht werden könnte, wenn wir es jetzt übersehen würden, einen bayerischen Verband zu gründen", wirft da einer der Teilnehmer ein. Es gelte die Kräfte der karitativen Einrichtungen in Bayern zu bündeln - in eigener Regie.

In der Nachkriegszeit war die Kindererholung ein beliebtes Caritas-Angebot.

(Foto: Archiv Caritas)

Gegen dieses Ansinnen gibt es aber einen wortgewaltigen Gegner: Prälat Lorenz Werthmann. Bereits 1897 hat er, der als Domkaplan in Frankfurt das Elend der Armen kennengelernt hatte, den "Caritasverband für das katholische Deutschland" mit Sitz in Freiburg gegründet. Die Bestrebungen der Bayern laufen den seinen zuwider, um so mehr als sein hochdefizitärer Verband dringend auf Bayern angewiesen ist. Im Hotel Union wird das in aller Deutlichkeit angesprochen. Während sich darüber in München die Herren die Köpfe heiß reden, wütet an den Fronten des Ersten Weltkriegs ein mörderischer Kampf. "Dreißig Monate ringt die Menschheit in Irrsinn und Verzweiflung. Die Bilanz ist leicht gemacht. Die Vernichtung ist überall sicher, der Sieg ist nirgends", notiert in dieser Zeit der Pazifist Alfred Hermann Fried.

Der Krieg reißt in Bayern bei den Familien der Soldaten tiefe Wunden. Die Befürworter eines bayerischen Caritas-Verbandes verweisen auch darauf - und setzen sich schließlich durch. Im Juni 1917 wird Werthmann offiziell über die Gründung des bayerischen Verbandes in Kenntnis gesetzt und beschwichtigt: Dieser wolle ein "Kartellverhältnis" zum deutschen Verband eingehen. 1918 zählt der neue bayerische Verband bereits rund 1600 einzelne Caritasfreunde, karitative Einrichtungen, Vereine, Anstalten und Stiftungen als Mitglieder, heißt es in der Festschrift zum hundertjährigen Jubiläum.

Die Caritas-Zentrale in der Münchner Heßstraße war Anlaufpunkt für Menschen in Not.

(Foto: Archiv Caritas)

Im November 1918 endet der Erste Weltkrieg. Doch die Not wächst. Die 1921 erschienene Schrift "Das Münchner Kind nach dem Kriege" berichtet von verheerenden Verhältnissen: "Es gehört zu den traurigsten Erscheinungen der letzten Jahre, dass ungezählte Säuglinge allein wegen des Mangels an Heilnahrung zugrunde gehen mußten", heißt es dort. Auch die Wohnverhältnisse seien katastrophal. Die mit Menschen überfüllten Räume seien Herde "für die Verbreitung von Infektionskrankheiten". "Auffallende Totenblässe auf allen Kindergesichtern", heißt es in der Schrift. Auch notieren die Münchner Ärzte: "Erst kürzlich fanden wir ein sechsjähriges Mädchen in einem Waschkorb, ein halbjähriges Kind auf dem Tisch gebettet - zwei Kinder von drei und vier Jahren in Reisekoffern - ein einjähriges in einer Hutschachtel."

Dieser Not, die nach dem Ersten Weltkrieg landesweit herrscht, stellen sich auch die Helfer der Caritas entgegen. Doch die politischen Wirrnisse der Nachkriegszeit setzen dem jungen Landesverband zu. Die Bischofskonferenz in Freising beschließt 1921, die inzwischen gegründeten bayerischen Diözesan-Caritasverbände unmittelbar an den Deutschen Caritasverband in Freiburg anzuschließen. Dann, am 10. März 1924, ist der katholische Caritasverband für das längst nicht mehr existierende Königreich Bayern auch faktisch Geschichte. Er wird als Verein aufgelöst.

Eine Badewanne mit leeren Alkoholflaschen im Mai 2017 am Caritas-Infostand in Augsburg.

(Foto: Bernhard Gattner/Caritas Augsburg)

Mit Schuld daran war aus heutiger Sicht auch das Misstrauen einzelner karitativer Einrichtungen, die um ihre Selbstständigkeit bangten. Deren Autonomie ist eine Grundsatzfrage, die immer noch eine eminente Rolle spielt, wie Bernhard Piendl, der aktuelle bayerische Landes-Caritasdirektor betont. Die Autonomie der Einrichtungen sei unantastbar. "Und das bleibt auch so", sagt er. Dem Landesverband obliege einzig die Aufgabe, das Wirken der Caritas-Einrichtungen auf politischer Ebene zu vertreten, den Erfahrungsaustausch innerhalb der Einrichtungen zu fördern und die Rahmenbedingungen "für qualitativ hochwertiges Arbeiten zu ermöglichen".

Piendl legt Wert darauf, dass auch nach 1924 eine eigenständige bayerische Caritas-Linie fortgesetzt worden sei, "die innerhalb der deutschen Caritas beträchtlichen Einfluss hatte". Freiburg hatte entsprechende Zugeständnisse gemacht. An die Stelle des Verbands trat eben die "Arbeitsgemeinschaft der zur Zeit auf der Freisinger Bischofskonferenz vertretenen Diözesen". Wiedergegründet wurde der bayerische Landes-Caritasverband als eingetragener Verein erst wieder 1951. In den Jahren zuvor ging es vor allem darum, erneut Wunden zu heilen. Nun hatte sie der Zweite Weltkrieg und der NS-Terror gerissen. Der Euthanasie, der Tötung von Menschen mit Behinderung, hatten auch die Caritas-Einrichtungen nicht wirklich etwas entgegenzusetzen gehabt. Die Aufarbeitung dieses düsteren Kapitels erfolgte erst Jahrzehnte später.

Nach dem Krieg wollten die Caritas-Einrichtungen endlich wieder zu einer vernehmbaren Stimme der Armen werden. Bravouröse Männer wie Jesuitenpater Augustin Rösch, der selbst im KZ Dachau war, verwendeten darauf als Landes-Caritasdirektoren ihre ganze Kraft. An ihre Werke wird diesen Mittwoch erinnert, etwa durch Kardinal Reinhard Marx in einer Eucharistie-Feier. Für viele Caritas-Mitarbeiter geht indes der Dienst weiter - der Dienst am Mitmenschen.