Café Belstner in Landshut Der schillernde Salon ist gerettet

Stilmix in knalligen Farben: das alteingesessene Cafe Belstner in der Landshuter Altstadt.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Das Landshuter Café Belstner zählt zu den schönsten in ganz Deutschland. Nach 150 Jahren drohte die Schließung, doch nun soll ein neuer Pächter die Tradition fortsetzen.

Von Hans Kratzer, Landshut

Manchmal sei das Leben wie eine Lotterie, sagt der Kaffeehausbesitzer Thomas Bauer. So betrachtet, ist ihm vor Jahren ein Glückslos durch die Lappen gegangen, und das bedauert er heute noch. Damals hatte der frühere US-Außenminister Henry Kissinger unangemeldet das Café Belstner in Landshut besucht. Ausgerechnet in jener Stunde war Bauer unterwegs. "Ich hab ja nicht gewusst, dass er kommt", sagt er achselzuckend. Der prominente Besucher, der in Begleitung eines Landshuter Freundes im Belstner eingekehrt war, erregte auch sonst kein Aufsehen. Und so kam es, dass Kissinger unerkannt sein Haferl Kaffee zu sich nahm, um dann wieder in der Altstadt zu verschwinden. "Nicht einmal einen Eintrag in unser Gästebuch haben wir", trauert Bauer dem hohen Besuch nach.

Das Belstner versteht sich keineswegs als Promi-Café, auch wenn darin regelmäßig bekannte Köpfe gesichtet werden. Die Rockgruppe Uriah Heep hat sich ebenso im Gästebuch verewigt wie Scharen von Schauspielern, Kabarettisten und Sportlern beiderlei Geschlechts. Primär dient das Belstner als Wohnzimmer und Salon für das flanierende Stadtpublikum und als Anlaufstelle für Touristen, für die das Café allein schon wegen seines kuriosen Interieurs zum Pflichtprogramm zählt.

Umso größer war die Überraschung, als Thomas Bauer im Spätherbst bekannt gab, er wolle das altehrwürdige Haus Ende Januar schließen. Notwendige Investitionen würden sich für ihn zeitlich nicht mehr rentieren, sagte er, der das Café 1993 von seinen Eltern übernommen hatte. Landshut hatte damit tagelang ein Gesprächsthema. Immerhin ist das Café Belstner eine Landshuter Institution, fast so bekannt wie die Martinskirche und die Burg Trausnitz.

Viele Geschäfte und Wirtshäuser hat die historische Altstadt kommen und gehen sehen, das Belstner ist geblieben. 1868 eröffnet, wurde es schnell zum Treffpunkt für all jene Landshuter, die etwas auf sich hielten. In der Ära des Prinzregenten stieg das Café um 1900 herum in die Riege der königlich-bayerischen Hoflieferanten auf. Dieser Nimbus haftet ihm heute noch an, erst recht bei jenem Publikum, das die Vorzüge eines Kaffeehausbesuches nach Wiener Art schätzt. Wie etwa der Freisinger Hannes Heindl, der als allwissender Kenner der bayerischen Monarchie regelmäßig mit dem Zug nach Landshut fährt, um ein paar Mußestunden im Café Belstner zu genießen. Und natürlich, um handgemachte Klassiker wie Prinzregententorte, Baumkuchen oder gar Traubentrüffel zu verzehren. "Baumkuchen, den macht heute fast keiner mehr", weiß der gelernte Konditor Bauer, der 60 Leute beschäftigt, darunter sieben Konditorinnen. "Handgemachte Konditorware, das ist personalintensiv", sagt er.

Neben der süßen Verführung ist es eine Zusatzfreude, an dahintröpfelnden Vormittagen den Gesprächen des Publikums zu lauschen. Auch, weil man danach über sämtliche Befindlichkeiten der Stadt en gros und en détail Bescheid weiß. Während die Gäste im Belstner Landshut in seiner ganzen schillernden Buntheit erörtern, wird in einer zweiten Kaffeehaus-Institution, dem in der Freyung gelegenen Café Werner, eher der stadtteilspezifische Tratsch gepflegt. Beide Häuser verströmen eine fast museale Atmosphäre. Thomas Bauer hatte genau das im Sinn, als er vor sieben Jahren das eher biedermeierliche Interieur mit all den Kronleuchtern, Kranzerln und Konsolen erneuerte. "Ich wollte den Wiener Kaffeehausstil auf die Spitze treiben", sagt er, und das ist ihm so überzeugend gelungen, dass der Varta-Führer das Belstner sogleich zu einem der schönsten Cafés in Deutschland kürte.

Die handgeschnitzten Möbel, die in ihrer Farbigkeit und in ihren Schnörkeln die Fantasie enorm beflügeln, hat Bauer in Ägypten anfertigen lassen. "In Deutschland wäre das unbezahlbar", sagt er. Man muss aber viele Stunden im Café verbringen, um all die Details wahrzunehmen, die zwischen klassischen Wiener Kaffeehausstühlen, barocken Sitzsofas, Stuckornamenten und den in Goldrahmen gefassten Riesenspiegeln verborgen sind, etwa die auf einem Wandsims stehenden Moriskentänzer der Landshuter Hochzeit.

Die Landshuter Hochzeit von 1475 ist an diesem Ort allgegenwärtig, hier war das Zentrum des Geschehens. Die Häuser in diesem Teil der Altstadt liegen "unter den Bögen", wie man heute noch sagt. Einen Laubengang dieser Art mitsamt seinem mediterranen Charme findet sich sonst nur noch in italienischen Städten. Und so wie aktuell im Café getratscht wird, so war es früher auch in den Läden üblich, die Zeitläufte mit einer frechen Goschn zu kommentieren, wie ein alter Spruch nahelegt: "Wer unter den Bögen durchkommt ohne Spott / der hat wahrlich Gnade vor Gott!"

Gnade vor Gott bräuchte heute auch so mancher Landshuter Laden. Obwohl immer mehr Menschen in die Stadt strömen, machen kleine Geschäfte reihenweise dicht. Ein Schwung an Leerständen legt davon Zeugnis ab. Dass internationale Mode- oder Imbissketten auf das Café Belstner und seine Toplage aufmerksam wurden, ist gut vorstellbar. Thomas Bauer hat nun aber das Café einem Landshuter Pächter anvertraut, der es so weiterführen will wie bisher. Die Tradition, die vorbei zu sein schien, erfährt nach 150 Jahren, selten genug, doch noch eine Fortsetzung.

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