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Burkini vs. Bikini:Spießig, tolerant - grün

Ein überdimensionales Bikini-Model auf dem Marienplatz? Das geht den Grünen zu weit.

(Foto: Stephan Rumpf)

Das Burkini-Verbot in einem bayerischen Hallenbad verurteilen die Grünen scharf. Die Bikini-Werbung am Münchner Marienplatz auch. Da bleibt eigentlich nur ein Ausweg.

Gut hundert Jahre ist es her, da mussten Frauen auch in Deutschland noch taucherglockenartige Anzüge tragen, wenn sie im See baden wollten, um ihren sündhaften Leib zu verhüllen. Die Befreiung vom textilen Ballast in den folgenden Jahrzehnten bedeutete einen emanzipatorischen Fortschritt, für den all jene standen, die sich selbst für irgendwie links hielten.

Inzwischen ist die Sache mit links und rechts, spießig und tolerant wieder komplizierter geworden, das haben die Grünen vergangene Woche eindrucksvoll belegt. Eine übergroße Bikini-Werbung mit dem brasilianischen Model Adriana Lima am Münchner Marienplatz - das ging der Grünen-Stadträtin Lydia Dietrich entschieden zu weit: Solch sexistischen, bodymassreduzierten Schweinkram möchte sie dort nicht sehen, weshalb die Gleichstellungsstelle nun an den Werberat und die Bademodenfirma schreibt.

In Neutraubling erinnerte zur gleichen Zeit die Stadtverwaltung mit einem Schreiben daran, dass im Hallenbad nur übliche Badekleidung getragen werden dürfe. Eine junge Araberin hatte sich ausgerechnet beim Frauenbadetag mit einem Ganzkörper-Burkini ins Wasser gewagt, ein Kleidungsstück, das zur Kaiserzeit schicklich gewesen wäre.

In Neutraubling aber ging die vollverschleierte Frau ihren Mitschwimmerinnen, die sich im Badeanzug plötzlich entblößt vorkamen, auf die Nerven, weshalb sie sich beim Bademeister beschwerten. Die örtlichen Grünen forderten eine sofortige Rücknahme des Burkini-Verbots - denn das verstoße gegen die Religionsfreiheit und sei ein Zeichen gegen Mitmenschlichkeit und Toleranz.

Man darf also zusammenfassen: Eine Bikini-Werbung finden die inzwischen doch sehr biedermeierlichen Grünen nicht okay, Baden im Burkini schon. Klar, man kann auch der Meinung sein, dass jede/r ins Becken springen soll, wie sie/er möchte: die Triathleten im Neoprenanzug, die Free-The-Nipple-Aktivistinnen ohne Bikini-Oberteil, die vergesslichen Männer in der langen Unterhose - und die Oberfrommen im Burkini.

Man könnte aber auch zu dem Schluss kommen: Wer mit der Badeordnung ein Problem hat, sollte sich besser daheim ein Schaumbad einlassen. Da kann man sich reinlegen, wie man will.

© SZ vom 13.06.2016/infu

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