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Bundeswehrreform gefährdet Jobs:"Jeder muss die Ärmel hochkrempeln"

Am Mittwoch wird verkündet, welche Kasernen den Bundeswehrumbau überstehen. Viele Gemeinden bangen um die Arbeitsplätze. Christel Heid, CSU-Stadträtin in Mellrichstadt, kennt das Gefühl: Der Standort in ihrer Stadt wurde vor fünf Jahren geschlossen.

Christel Heid, CSU-Stadträtin im unterfränkischen Mellrichstadt, kann gut nachvollziehen, was in vielen Kommunalpolitikern in diesen Tagen vorgeht. Am Mittwoch wird Bundesverteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) in Berlin verkünden, welche Kasernen nach seiner Bundeswehrreform noch eine Zukunft haben. Mellrichstadt stand 2004 auf der Streichliste, als die damals rot-grüne Bundesregierung die Armee reformierte: In Bayern fielen 16 Standorte und mehr als 7000 Dienstposten weg. Und mit dem Verlust der Hainberg-Kaserne und deren knapp 1000 Soldaten traf es Mellrichstadt am härtesten.

Fliegerhorst FFB

In Fürstenfeldbruck hat man den Fliegerhorst insgeheim schon aufgegeben.

(Foto: Günther Reger)

Heid war 2006 dabei, als es hieß, für immer Abschied zu nehmen. Sie war Vizebürgermeisterin der 6000-Einwohner-Stadt. Und wenn sie heute zurückblickt, fünf Jahre später, dann muss sie erkennen: "Wir haben diesen Einschnitt noch immer nicht ganz überwunden." Die Kaufkraft ging zurück, Geschäfte und Wohnungen standen plötzlich leer, die jungen Soldaten und ihre Familien fehlen bis heute im Stadtbild. Geblieben ist ein Militärareal, dass sich trotz großzügiger finanzieller Hilfe von Bund und Land nur schwer in die Stadt integrieren und mit Leben füllen lässt. Christel Heid hat eine Botschaft an all die anderen Kommunen, die jetzt bangen: "Es wird nicht einfach", sagt sie. "Jeder muss die Ärmel hochkrempeln."

Dieses Mal könnte es womöglich den Freistaat noch schlimmer treffen als 2004. Staatskanzleichef Marcel Huber ließ vor Kommunalpolitikern neulich die Zahl von bis zu 12 000 Jobs fallen, die bei der Bundeswehr in Bayern in Gefahr seien - grob geschätzt. Eine Zahl, die auch in Bundeswehrkreisen als realistisch betrachtet wird. In anderen Runden ist von etwa zehn der 68 Kasernen die Rede, die wohl schließen müssten. Vieles wabert noch als Gerücht. Aber eines steht fest - auch der Freistaat wird nicht geschont.

Mit der 2004er Reform sind vor allem kleine und Kleinstkasernen verschwunden - von den 16 Standorten, die geschlossen wurden, hatten allein zehn weniger als 100 Soldaten. Sie waren der Bundeswehr zu unwirtschaftlich. Aber nun gelten nicht mehr allzu viele Standorte als verzichtbar. Diese Reform, und das wissen die Kommunalpolitiker, wird an die Substanz gehen.

In Fürstenfeldbruck hat man insgeheim den Fliegerhorst schon aufgegeben. Ein einflussreicher CSU-Politiker merkt an, es sei höchste Zeit, sich Gedanken über die künftige Nutzung des 250 Hektar großen Areals zu machen. Es liegt an den Fakten, dass die "Wiege der Luftwaffe" nach Einschätzung der Betroffenen so schlechte Karten hat. Der Flugbetrieb war bereits in den 90er Jahren eingestellt worden. Es fehlte das Geld, die Landebahn zu sanieren. Auch in die maroden Kasernengebäude müssten nach offiziellen Angaben weit mehr als hundert Millionen Euro investiert werden.

Als wahrscheinlicher gilt, dass die Offiziersschule der Luftwaffe ins fränkische Roth umzieht. Das Manöver könnte in letzter Minute die Otto-Lilienthal-Kaserne dort noch retten. Weil die Bundeswehr statt 80 nur noch 40 Kampfhubschrauber vom Typ Tiger anschaffen will, droht Roth als Standort überflüssig zu werden. Mit einst 3000 Soldaten ist Roth nicht nur einer der größten Standorte Bayerns, er ist auch einer der letzten in Franken.

Für den Fliegerhorst Lagerlechfeld stehen die Chancen nicht schlecht, diese Reform zu überleben. Dort sind Tornado-Kampfflieger stationiert, und so lange die Bundeswehr noch mit diesem Modell Einsätze fliegt, wird wohl auch der Standort bleiben. Zwar läuft die Zeit für den Tornado ab, aber angesichts der Sparzwänge, die sich die Bundeswehr auferlegt hat, keinesfalls so schnell wie erwartet. Die Mitarbeiter des Jagdbombergeschwaders 32 und der Führungsunterstützungsschule müssen sich zumindest kurzfristig weniger Sorgen um ihre Existenz machen. Und die Schule wird womöglich sogar gestärkt: Beobachter rechnen damit, dass die Schulstandorte Pöcking und Feldafing in Lagerlechfeld zusammengezogen werden könnten.

Auch die Fernmelder der Bundeswehr müssen sich auf Veränderungen einstellen. Dies könnte negative Folgen für Dillingen, Murnau und Cham haben. Alle drei Standorte werden die Reform wohl kaum überleben, heißt es. Cham muss am meisten bangen. Die Gebirgsjäger-Brigade Bad Reichenhall, die Panzer-Brigade Amberg und die Pioniere in Ingolstadt können sich dagegen weitgehend sicher fühlen.

© SZ vom 22.10.2011/eis, heff, msz, stma/leos

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