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Bürgermeisterkandidat:"Diese Denkweise muss weg"

Sener Sahin

Im Ort beliebt - als Bürgermeisterkandidat bei etlichen im CSU-Ortsverband nicht erwünscht: Sener Sahin.

(Foto: Privat)

Sener Sahin ist in Deutschland geboren und aufgewachsen, er sollte für die CSU als Bürgermeisterkandidat antreten. Doch wegen seiner Religion und seiner Herkunft schlug ihm Ablehnung in der Partei entgegen - und er gab auf

Sener Sahin feiert gerade seinen Geburtstag nach, als man ihn am Telefon erreicht. So richtig in Feierstimmung ist der Mann aus dem schwäbischen Ort Wallerstein allerdings nicht. Seit Samstag ist bei ihm die Hölle los, sagt er. Sahin sollte eigentlich für die CSU als Bürgermeisterkandidat antreten. Er war stolz, als der Ortsvorstand ihn fragte. Aber er war auch skeptisch, wie die Leute auf diese Idee reagieren würden - offenbar zu Recht. Sahin ist in der Gegend aufgewachsen, hat eine Firma im Ort und interessiert sich für Politik. Aber einige in der CSU und auch in der Region wollten ihn wohl nicht als Bürgermeisterkandidaten sehen. Weil er Muslim ist. Mehr als 15 Kommunalwahl-Kandidaten der Wallersteiner CSU sollen mit ihrem Rückzug gedroht haben, falls Sahin zum Bürgermeister-Kandidaten gewählt würde. Jetzt ist er ihnen zuvor gekommen. Er hat seine Kandidatur zurückgezogen.

SZ: Herr Sahin, Sie sagen, dass Sie auf niemanden sauer sind. Also auch nicht einmal auf diejenigen, die wegen Ihrer Religion gegen Sie waren. Das müssen Sie erklären.

Sener Sahin: Ich bin einer, der jede Meinung akzeptiert. Wenn Leute sagen, sie sind noch nicht so weit, dass sie einen Moslem als Bürgermeister haben wollen, ist das für mich okay. Ich bin auch traurig, dass das jetzt alles so groß geworden ist. Ich wollte eigentlich ganz still meinen Rücktritt von der Kandidatur melden. Ich wollte der Partei null Schaden bringen, das war mein Ziel. Ich habe gesagt: Ich ziehe die Kandidatur zurück, dann habt ihr bei der Mitgliederversammlung keinen Streit und keiner tut mir weh. Ich muss mich nicht für das, was ich bin, zerfleischen lassen. Ich habe dem Parteivorstand ja von Anfang an gesagt, dass das schwierig wird.

Sie haben die Partei davor gewarnt, Sie aufzustellen?

Als der Parteivorstand mich gefragt hat, ob ich für die CSU kandidiere, war ich natürlich erst einmal stolz. Das ist doch eigentlich etwas Schönes. Ich habe aber auch gesagt: Redet's mit euren Vorständen und fragt die, was sie dazu sagen. Ich bin in Deutschland geboren, aufgewachsen, habe meine Ausbildung hier gemacht, studiert, mein Schwiegervater ist katholisch, ich bin ganz weltoffen - aber trotzdem: Viele haben allein schon wegen meines Namens ein Problem und natürlich auch wegen meines Glaubens und meiner Herkunft. Die vom Ortsvorstand haben gesagt: Das glauben wir nicht. Wir unterstützen dich. Und da habe ich mir gedacht: Ich mach's.

Was ist dann passiert?

Es gab noch am gleichen Tag eine Sitzung im Gemeinderat. Da hat die ganze Diskussion schon angefangen.

Was haben die Leute gesagt?

Es ging nie um meine Person, sondern immer nur um meinen Glauben. Das C in CSU und ich als Moslem, das passe absolut nicht zusammen, hieß es zum Beispiel. Ich dachte mir: Na gut, es gibt immer drei, vier Leute, die gegen etwas sind. Aber dann muss das alles einen unglaublichen Lauf genommen haben. Bis nach Berlin. Ich weiß nicht, wer das alles war, aber es haben sogar Leute bei unserem Bundestagsabgeordneten angerufen und sich beschwert. Nach dem Motto: Wie kann man einen Türken als Bürgermeisterkandidaten aufstellen? Das war für mich ein Schock.

Und dann haben Sie sich gesagt: "Ich lasse es lieber."

Ich war über zehn Jahre lang Fußballtrainer, ziemlich erfolgreich auch. Ich habe meinen Jungs immer gesagt: "Wir können alles gewinnen. Aber nur, wenn wir alle an einem Strang ziehen." Das ist in der Politik genauso. Der Zusammenhalt muss da sein. Und das war überhaupt nicht der Fall. Wenn ich in einen Wahlkampf gehe, soll ich dann gegen meine eigene Partei antreten? Oder gegen den amtierenden Bürgermeister?

Sie sagen, es ging nie um Sie als Person. Wie meinen Sie das?

Es gibt Leute, die haben kein Problem mit mir. Die klopfen mir auf die Schulter, die gehen vielleicht morgen mit mir feiern. Aber wenn es darum geht, ob ich Bürgermeister werden soll, denken die anders. Die sagen: Du als Mensch bist super, aber als Bürgermeister können wir das noch nicht vereinbaren. Wissen Sie, was mir ein Freund aus dem Nachbardorf geschrieben hat, nachdem ich aufgestellt wurde?

Erzählen Sie.

"Glückwunsch", schrieb er mir. Mutig, Respekt und so weiter. Da meinte ich zu ihm: Sag mir bitte ganz ehrlich, was die in deinem Dorf dazu sagen, wir kennen und mögen uns ja. Da hat er geschrieben: "Du, Sener, die über 50-Jährigen, ich glaube nicht, dass die schon so weit sind, dass die einen Moslem als Bürgermeister wählen."

Woher kommt diese Ablehnung? Es gibt Politiker mit türkischen Wurzeln, die sehr beliebt sind. Cem Özdemir zum Beispiel.

Wenn ich bei den Grünen oder der SPD angetreten wäre, wäre es wahrscheinlich alles nicht so dramatisch. Den Leuten geht es um dieses C in CSU. Und es geht natürlich noch um etwas Anderes. Wissen Sie, in der Großstadt wachsen die Leute ja mit Moslems auf. Hier haben viele noch nie mit einem Moslem Kontakt gehabt. Ich bin sicher, dass das hier auf dem Land noch 30 Jahre dauern wird, bis die Leute bereit sind, einen wie mich als Bürgermeister zu wählen. Die jüngere Generation denkt da anders.

Sie leben hier, haben hier ein Unternehmen. Gibt es auch im Alltag Vorbehalte gegen Sie?

Nein. Ich bin im ganzen Landkreis Donau-Ries bekannt. Auch wegen Fußball. Am Anfang hieß es da auch oft: "Was, ein Türke als Trainer? Muss das sein?" Nach drei Monaten habe die mich dann kennen gelernt und haben mich, auf gut Deutsch, vergöttert. Es ist doch immer so: Das Fremde, da hat man erst einmal Angst vor.

Aber es muss doch eine unglaubliche Enttäuschung sein, wenn die selben Leute, die Ihnen auf die Schulter klopfen, plötzlich gegen Sie sind. Nur, weil Sie Bürgermeister werden wollen.

Nein, ich sehe das anders. Ich sehe: Der mag mich als Person, aber findet es nun mal nicht gut, dass ein Moslem als Bürgermeister kandidiert. Du kannst die Menschen nicht von heute auf morgen ändern. Die müssen ihre Berührungsängste verlieren. Vielleicht kommt das irgendwann mal. Aber das dauert noch.

Herr Sahin, wie fühlen Sie sich jetzt? Bereuen Sie, dass Sie angetreten sind?

Also ganz ehrlich: Ich habe noch nie so schlecht geschlafen, wie in den letzten zwei, drei Wochen. Im Nachhinein denke ich mir, ich hätte nie "Ja" sagen sollen. Ich wollte auch nicht, dass das alles in die Zeitung kommt. Aber andererseits denke ich mir: Vielleicht ist es ja gut, dass die Leute sich mal Gedanken machen. Es gibt ja viele Menschen, die hier geboren und aufgewachsen sind und so etwas erleben. Bei mir ist es vielleicht der Glaube. Bei anderen ist es wieder etwas anderes. Denken Sie an die Russlanddeutschen. Leute, die seit Jahrzehnten hier leben. Die sind für viele immer noch "die Russen", sogar, wenn sie hier geboren sind. Die Türken, die Russen, die Moslems - diese Denkweise muss weg. Aber noch sind die Leute nicht so weit. Das müssen wir akzeptieren.

© SZ vom 07.01.2020